Eine Utopie in Pink – Ein Kleidungskonzept wird zur Ausstellung

Pink hat schon immer polarisiert. Entweder es wird verehrt oder gehasst. Weder Rot noch Orange beißt sich so gut wie mit jeder Farbe. Knallig, kitschig, vielleicht auch billig – diese Farbe hat es in sich.

Auch mein 15-jähriges Ich bäumt sich rebellisch bei dem Gedanken auf, ein pinkfarbenes Kleidungsstück zu tragen. Ich bin doch kein Mädchen mehr! Gerade darum: Pink avanciert in einer doppeldeutigen Auseinandersetzung mit dem Frau-Sein zu der Trendfarbe der queeren und feministischen Szene. Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang verrät mir Wikipedia. „Pinken ist ein im Mittelenglischen gebräuchliches Wort und bedeutet zerschlitzen, perforieren“, heißt es dort. Pinke Perforation bedeutet: Pink kann schön sein – aber auch eklig, kitschig und abstoßend.

Die Ausstellung „Puderpink“, kuratiert von Amanda (Prawnstar Poems), Lotti (b.fox) und Sophie Roux, hat sich in Kooperation mit dem FKK-Kollektiv der Farbe in all ihren schillernden Facetten, Kontrasten und Schichten genau unter dem Motto gewidmet. „Puderpink“ is delicate, sexy, political, dirty, superficial, soft. Die drei laden Künstler*innen, Feministen*innen, Drag Queens und generell die queere Szene ein, die Farbe gebührend ihrer Sonderstellung in der Farbpalette der Identität zu feiern.

Ein Traum in pink. (Foto von Julia Tautz)
Es springt dir ins Gesicht

Zunächst einmal war da Amanda. Amanda zelebriert ein pinkes Dasein. Die 23-jährige Performerin und Autorin, aufgewachsen in Wien und wohnhaft in London und Berlin, hinterlässt seit einiger Zeit eine pinke Spur des liebevollen Chaos in Europa, wenn sie als One-Woman-Show mit pinken Haaren und pinkem Jumpsuite kleine Bookshops und andere Lesebühnen dieser Welt erobert. Ihr pinkes Kleidungskonzept hat sie sich nicht selbst ausgesucht. „Alles begann, als ich mir vor einigen Jahren die Haare pink färbte. Dann wurde es wie ein Selbstläufer: 80 Prozent meines Kleiderschrankes wurden mir geschenkt“, erzählt sie. Wie selbstverständlich sammelten Freunde und Bekannte pinke Kleidungsstücke für Amanda. Rosa Pumps, fliederfarbenen Mantel oder einen pinken Plüschpulli, der dem Gegenüber förmlich ins Gesicht springen will. Aber wie kommt es von einem pinken Outfit zu einer pinken Ausstellung?

Mindestens 69 Prozent pink. (Foto von Julia Tautz)
Das pinke Schaf in der Familie

Eines grauen Winterabends in Berlin trafen sich Amanda, Lotti und Sophie in einer düsteren Berliner Kneipe – voller grauer und dunkel gekleideter Berliner, frisch gestylt für den nächsten Besuch im Berghain. Und plötzlich stand diese Frage im Raum: What if there was a place, a pink place, the pinkest place? What if we brought people together because of a pigment? What if we would celebrate the pink sheep in the family? Ihr Open Call vergangenen Dezember suchte nach Kunst, Kultur und Gedankengut in alle Richtungen. Das einzige Kriterium: Pink musste es sein. Die Resonanz war beeindruckend. Aus mehr als hundert Einsendungen wählten die drei Künstlerinnen, beheimatet in Berlin und London, insgesamt 70 Werke und Performances aus, die sie in Kooperation mit dem FotoKlub Kollektiv in einem winzigen Raum in der Puderstraße 1 in Berlin-Treptow ausstellten. „Puderpink“ war geboren.

Sattes Pink und eine Portion Ekel. (Foto von Julia Tautz)
Eine pinke Utopie

Insgesamt drei Performance-Abende haben die Ausstellung begleitet: Once Upon the Pink, Akupinktur und Pink Off – eine bunte Veranstaltungsreihe voller queerer Momente, Geschichten, Filmbeiträge und obskurer Performances. Ein Riesenhummer lädt zum Kuscheln ein (but please let this lobster in peace), Texte Rosa-auf-Weiß erzählen von absurden Sexmomenten, zarte, männliche Konturen schimmern rosarot im Sonnenuntergang und Vaginen in Hülle und Fülle verschmelzen zu einem wilden Strudel an Formen, die in Fotografien und Installationen erforscht werden.

Ein Vagina-Törtchen, bitte

Bei so viel pinker Selbstentfaltung wird dem*r Besucher*in schnell schwindelig, bleibt doch in der Masse der Werke keine Ruhe zur Kontemplation und künstlerischer Besinnung. Vielmehr werden wir alle selbst zum Ausstellungsstück. Für jede*n gilt ein pinker Dresscode von mindestens 69 Prozent. Die Ausstellung und ihre Besucher*innen selbst werden zur Installation und entheben sich ihrer gesamten Funktion in der Vermittlung.
Wieso sind wir eigentlich hier? Keine Ahnung, aber es gibt blutrote Risotto-Muffins, pink eingefärbte Senfeier, kunstvolle Vagina-Törtchen und natürlich flamingofarbene Drinks. Wer sich dem pinken Konzept auf Ewigkeit verschreiben und auf der Haut zu Schau tragen will, hat auch dazu die Gelegenheit: Die Künstler*innen Jessica Hargreaves, Francesco Buzzacarini und Emily Howarth tätowieren pinke Tattoos auf Anfrage.

Ein Vagina-Törtchen, bitte. (Foto von Julia Tautz. Pinke Esskultur von Helen Russell Brown.)

Interdisziplinär sind auch die künstlerischen Darbietungen. Es werden Kurzfilme gezeigt, die mit längst bekannten SadoMaso-Handlungen schockieren wollen oder die Frauenrolle auf zerstörerische Art und Weise in Frage stellen. Emotionale und herausfordernde Performances von Drags rufen am Valentinstag aus: Liebt euch selbst! Liebt euren Körper! Liebt euer Pink!

Ich nippe schnell an meinem Flamingo-Drink mit silbernem Schirmchen und fühle mich zwischen den extravaganten Kostümen und Künstleridentitäten etwas fehl am Platze. Immerhin habe ich eine Vagina, das passt ja doch irgendwie.

Petpod likes to be touched. (Foto von Julia Tautz)
Pink Cube

Schade ist, dass die einzelnen Werke in der Masse der pinken Variationen drohen unterzugehen. Allerdings fordert genau das, kombiniert mit einer guten Portion Trash, die*den whitecube-verwöhnten Besucher*in auf eine neue Art heraus. Werke stehen nicht für sich allein, sondern müssen im Rahmen der gesamten Installation gesehen werden – so wie jede*r einzelne selbst. Die Auswahl der Werke nach einem einzigen Kriterium, der Farbigkeit, mag auf den ersten Blick ein vielleicht zu einfaches kuratorisches Konzept sein, ist in der Umsetzung der Installation von „Puderpink“ aber durchaus konsequent.

So geht diese Einfachheit auf: Pink ist mehr als eine Farbe, Pink ist ein Statement. Und letztendlich kann sich jede*r mit der eigenen pinken Seite anfreunden. Vielleicht auch mein 15-jähriges Ich, dass sich neben den pinken Riesenhummer kuschelt und leise Punkrocksongs singt?

Und besonders in den letzten Momenten des trüben Winters sehnen wir uns alle nach etwas mehr Farbe im Leben: Pink is the new black!

puderpinkpuderpink. (Foto von Julia Tautz.)

Die Ausstellung „Puderpink“ war bis zum 24.02.2017 im Puderraum in Berlin zu sehen. Wer noch mehr Lust auf pink bekommen hat, kann sich an weiteren Bildeindrücken hier sattsehen oder dem Künstlerkollektiv G/Pop direkt folgen.

Share Button
Julia Tautz Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.