Bitte lachen Sie jetzt! Ich sagte JETZT!

Wer sich die hiesige Comedylandschaft anschaut, stößt meist auf eine grobe Unterteilung in „Comedy“ und „Kabarett“. Während vor der ersten Bühne die Menge johlt, weil ein Mann fragt: „Darf er das?“, überspringt man solche Fragen auf der anderen Bühne meist direkt – ist bissiger, politischer. Doch es gibt eine Mischform, die sich anschickt, nun auch hierzulande diese Grenzen aufzureißen: Stand-up-Comedy.

Sonst eher aus der amerikanischen Kulturlandschaft bekannt, wächst in Berlin-Neukölln – dem Epizentrum von Großstadtthemen wie Gentrifizierung, Tourifizierung und Vegandönerisierung – eine frische Szene heran und stürmt die improvisierten Bühnen. Meistens auf englisch, manchmal auf deutsch, immer international. Ein Schmelztiegel der Nationen zu sein hat besonders in diesem Fall seine Vorteile. Australier, Libanesen, Syrer, Inder, Engländer – sie alle und noch viele mehr kommen in den schummrigen Nebenzimmern und Kellergewölben des Bezirks zusammen und bringen ihre Form von Humor mit.

Der übliche Ablauf: Ein Host sorgt für Stimmung und führt durch den Abend, bei dem in zwei Hälften je vier KünstlerInnen fünf bis zehn Minuten ein Set zum Besten geben, gekrönt von einem Headliner am Ende der zweiten Hälfte, der etwas mehr Zeit bekommt. Alltagskomödianten mit speziellem Humor treffen auf Humorspezialisten mit Alltagshumor.

Doch hier, wo Kalauer auf Kapitalismuskritik trifft, wo die Übergänge von Comedy und Kabarett fließend werden, stellt sich auch die Frage: Worüber sollen Menschen lachen? Wo viele lustige Menschen live aufeinander treffen, wird die Kluft zwischen gut und schlecht, lustig und einschläfernd, nicht nur größer, sondern auch direkter. So kann ein Abend für tagelang spürbare Lachkrämpfe sorgen, weil sich Kunst und Konsum auf einem Level treffen oder gemeinsam eines finden. Ebenso gibt es Abende, an denen eisiges Schweigen herrscht und fragile Egos schnell dazu übergehen, das Publikum zu beleidigen statt ihre Show durchzuziehen. „You suck!“, „Faggots!“ – wer meint, so eine Show starten oder auf Nichtlachen des Publikums reagieren zu müssen, hat schon zu Beginn etwas falsch gemacht.

Stand-up ist immer auch Raum für Experimente, soll es sein, doch mir scheint es ein Trend geworden zu sein, rücksichtsloses Herumätzen als lustig zu empfinden und zu meinen, viele Menschen würden einem dabei zusehen wollen. Auf einem „Der Spiegel schreibt was zur Flüchtlingsdebatte“-in-Kommentarspalten-Aufreger-Level wird gegen alles gekeift und der Tabubruch zur höchsten Ehre erhoben. Deshalb bin ich kein Freund dieser Mindestklatscher, die hier oder bei Poetry Slams erwartet werden. Fies zu sein erfordert keinen Mut. Mir gefällt sowas nicht, also klatsche ich nicht, das ist der Deal. Damit müssen beide Seiten zurechtkommen.

Komik war schon immer unberechenbar, manchmal bringen einen die simpelsten Kalauer zum Lachen, völlig ungeplant. Ob es am Ende Comedy oder Kabarett ist, bleibt zweitrangig. Es gibt keinen optimalen Humor, keine Formel oder Garantie für Erfolg. Deshalb wird es immer Leute geben, die auf der Bühne scheitern. Dürfen sie das?

Immer.

P.S.: Wer Lust bekommen hat, selber mal eine Show zu besuchen, sollte sich besonders das Rotbart in Neukölln merken. Hier findet jeden Donnerstag im hübschen Räumchen Night Sweats Comedy statt.

Copyright – Titelbild: Jónatas Luzia, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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