Warum jeder einmal auf einer Nacktparty gewesen sein sollte

Körper sind so eine Sache. Wir tragen sie durch die Welt, wir werden sie nicht los, wir definieren uns über sie und wir sind nie zufrieden mit ihnen. Vielleicht wäre manch einer lieber ein Cyborg oder ein anderes Geschlecht oder vielleicht auch gar kein Geschlecht. Denn: Sie sind maßgeblich für die Bildung unserer Identität. Uneinigkeiten zwischen Körper und Geist stellen bis heute einen gesellschaftlich aktuellen Diskurs dar. Und jede*r von uns hat ein Päckchen der eigenen Unzulänglichkeit und verborgenen Wünsche zu tragen.

Wir haben alle keine perfekten Körper und daher stehen wir vor der Wahl: Profilieren wir uns mit unserer Unperfektheit? Oder kaschieren wir mit gewisser Kleidung, Make-Up, gar Operationen unsere allzu fehlbaren Körper? Bei den ganzen Optimierungsmöglichkeiten zwischen Superfood und Kosmetikprodukten kommt uns der eigene Körper wie ein formbares Objekt vor, das durch Zusatzmittel nach Belieben gestaltet werden kann.
Doch bevor wir unseren eigenen Körper klären, durchwringen, ausschütteln und glatt bügeln, sollten wir uns zunächst auf das Wesentliche besinnen. Und genau dazu empfehle ich eine Nacktparty.

Hedonismus für Fortgeschrittene

Ich stehe nackt an der Bar und bestelle ein Bier. Der Teppich kitzelt meine Fußsohlen, die Glasplatte der Theke berührt unangenehm kalt die Unterseite meiner Brüste. Ich bin nackt. Und alle anderen auch. Wie bin ich bloß in diese Situation gekommen?

Seit drei Jahren arbeite ich ehrenamtlich auf einem Non-Profit-Festival. Das macht Spaß, aber auch sehr viel Arbeit. Jedes Jahr karren wir Holz, Bühnenteile und riesige Anlagen von Berlin in die hinterletzte Ecke von Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, um fern jeder Zivilisation in mehreren Wochen einen dreitägigen Kulturkosmos der ganz eigenen Art aufzubauen. Für Verpflegung ist gesorgt, gecampt wird zwischen Findlingen einer alten DDR-Ferienanlage, Geld spielt keine Rolle – Hedonismus für Fortgeschrittene. Jede urbane Subkultur findet hier ihren Ort der Entfaltung, sei es Punk, Hippie, Hedonist oder Hipster. Teil dieses offenen Konzepts ist die Nacktbar. Und jedes Jahr war meine Reaktion: „Nacktbar?! Nicht mit mir!“ Die Vorstellung zwischen lauter fremder, nackter Körper meine entblößten Brüste zur Technomusik schwingen zu lassen, versetzte mich in Panik. Eine Nacktbar schien all meine verborgenen Ängste und Komplexe bezüglich meines Körpers zu verinnerlichen, der nicht den gesellschaftlichen Normen und dem anerkannten Schönheitsideal entspricht.

Dieses Jahr lief es anders.
Dieses Jahr hat es geregnet.
Wo ist unsere Bühne?
- Abgesoffen.
Und wo sind unsere Headliner? 
- In der Nacktbar.
Shit.

Illustration von Hanna Seibel

Willkommen in der Nacktbar

Also jetzt doch: nackt tanzen, kein Weg führt daran vorbei. Wir trinken uns genug Mut an und als wir den „Umkleideraum“ betreten, erwartet uns ein Chaos von Kleidungsstücken, aufgetürmt oder wahllos auf dem Boden verteilt. Ich versuche all meine peinlichen Hemmungen, die mich an den Schwimmunterricht der sechsten Klasse erinnern, mitsamt meiner Kleidung abzustreifen und betrete anschließend skeptisch die mit Teppich ausgelegte Bar.

Okay, da sind wir also. Haut klebt an Haut. Es ist brechend voll. Die Stimmung kocht. Vorne gab es gerade einen Bandwechsel, eine Punkrockband hat ihr Set beendet. Der Legende nach war der Höhepunkt, als ein Mädel aus dem Publikum ihre Handynummer mit einem Kugelschreiber auf den Penis des Leadsängers geschrieben hat. Willkommen in der Nacktbar.

Perfekte Popo-Höhe

Ich komme mit einer Frau ins Gespräch, auch sie ist das erste mal in diesem Etablissement der Hüllenlosigkeit. Unsere Sitzposition auf der hintersten Couch ist auf der perfekten Popo-Höhe. Es ist nicht Sinn des Konzepts, aber einfach zu verlockend: Wir begutachten Hintern. Apfelhintern. Schwabbelhintern. Quadratische Hintern. Muskulöse Hintern. Knöcherne Hintern. Schöne Körper. Teigige Körper. Unperfekte Körper. Falten. Brüste, die einem Knospen entgegenstrecken. Hängende Brüste. Einfach sehr viel nackte Haut.

Und alle sind cool dabei. Fassungslos sehe ich Menschen, die einfach kein Problem damit haben, nackt ihren Job zu machen oder tanzen zu gehen. Alles wie in einer normalen Bar, nur eben ohne einengende Klamotten. Ist das die Freiheit, die wir uns alle herbei sehnen? Völlige Akzeptanz unserer Körper?

Die Freiheit trägt: nichts

Als ich mich schließlich auf der Tanzfläche wiederfinde, stelle ich erstaunt fest: Männer verhalten sich extrem zurückhaltend. Wer angetanzt wird, kann mit einer einzigen Handbewegung jeden in seine Schranken weisen. Niemals habe ich so viel Respekt und Verständnis für das Gegenüber beim Feiern erfahren. Und als ich dann tatsächlich völlig gedankenverloren meine Brüste und Fettpölsterchen zu Technomusik schwingen lasse, denke ich: Ja, so könnte sie aussehen, die Freiheit.

Am nächsten Tag werde ich schnell von der Realität eingeholt. Meine Schicht als Stagemanagerin beginnt um zwölf Uhr. Inzwischen habe ich meinen BH, einen einzelnen Turnschuh und meine Strumpfhose irgendwo auf dem Festivalgelände wiedergefunden. Nachdem ich mit unserem Techniker erstmal zwei Mexikaner gefrühstückt habe, drücke ich einem mir völlig unbekannten Musiker seine Getränkemarken in die Hand.
Er blickt mich an und sagt mit einem Grinsen: Ah, DU warst gestern auch in der Nacktbar.
Shit.

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Julia Tautz Verfasst von:

2 Comments

  1. smaeifa
    7. Februar 2017
    Reply

    Sehr schoen! Haben beim lesen laut gelacht! Und wahre Worte!

  2. diva
    21. März 2017
    Reply

    2 Fragen:
    1. Wieviel Alkohol braucht man, um vor solch einer Party zu Hause vorzuglühen, wenn man durchschnittlich schamhaft ist?
    2. Wie hat die Frau den Kugelschreiber mit reingeschmuggelt?

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