Guckst du noch oder wiegst du schon? Wir flânieren durch Unverpacktläden

Im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos haben Mitte Januar 40 internationale Großkonzerne erklärt, in Zukunft weniger und umweltfreundlicheres Plastik verwenden und so einen nachhaltigen Beitrag zum Schutz der Weltmeere leisten zu wollen. Wenige Tage später hat der erste Unverpackt-Laden in Hamburg eröffnet. „Stückgut“ heißt er und findet sich im Stadtteil Ottensen. Sven und Michael haben gleich mal vorbeigeguckt. Die Idee hatten auch andere, in dem kleinen Laden wurde es am Samstagmittag ziemlich eng. In anderen Städten gibt es schon seit Längerem Geschäfte, die komplett auf Einwegverpackungen verzichten. Zum Beispiel in Berlin.

Sven: Eine konsumkulturelle Revolution sieht anders aus, aber verpackungsfreies Einkaufen ist in jedem Fall ein wichtiger Schritt, den vor allem viele von uns machen können. Auch im Kleinen. Und irgendwie schien im Freundes- und Kollegenkreis fast jeder von der Eröffnung zu wissen. Finde ich gut. Obwohl ich mir das Geschäft und das Angebot ehrlich gesagt größer vorgestellt hatte. Ich versuche seit geraumer Zeit, möglichst verpackungsarm einzukaufen. Auf dem Markt etwa oder in einem kleinen Laden am Hein-Köllisch-Platz, der Obst und Gemüse der Saison verkauft und auch mal einen Stoffbeutel verleiht. Das Vorhaben klappt nicht immer, aber ich ärgere mich seit Jahren, wenn im Supermarkt ausgerechnet die Bio-Gurken und -Bananen eingeschweißt sind. Wenn man in der Nähe wohnt und es sich leisten kann, ist „Stückgut“ definitiv eine gute Ergänzung für den alltäglichen Einkauf. Wie „Twelve Monkeys“ auf St. Pauli. Dort kann man sich ebenfalls Nudeln, Kircherbsen und Müsli nach Eigenbedarf abfüllen. Im Idealfall lässt sich so auch Lebensmittelverschwendung vermeiden. Wir brauchen mehr solcher Läden.

41 Gramm – ganz ohne Plastik geht es dann doch nicht. (Copyright: Michael Schock)
41 Gramm – ganz ohne Plastik geht es dann doch nicht. (Foto: Michael Schock)

Michael: Selbst als Skeptiker fand ich das Unverpackt-Ladenkonzept großartig. Denn die Umwelt mal nebenbei, hat das auch ganz andere Gründe: Ich bin faul, wohne im dritten Stock ohne Aufzug und hasse es extrem, den Müll rauszubringen. Passt auf, ich kann den nicht mal einfach auf dem Weg zur U-Bahn loswerden, nein, ich muss erst ums Eck hinters Haus! Unverschämtheit, kostbare Lebenszeit geht flöten. Und dann stimmt oft noch was nicht mit diesen beschissenen chipgesteuerten Tonnen und … ach, es nervt. Umso mehr Müll ich also einsparen kann, desto besser. Ich kaufe mir ja gerne mal diese fancy fertig verpackten Salate mit „exotischen“ Zutaten wie Croutons, Ziegenkäse, Quinoa oder Rosinen (mir jetzt bitte keine Vorträge halten) und es ist schon absurd, wie viel Plaste nach dem Schnabulieren anfällt. Heftig unnötig. Außerdem komme ich aus einem Tupper-Haushalt. Bleibt mir weg mit euren Ikea-Billoschüsseln oder Lock-n-Cock-Dosen, ich werde von Muttern mit ausgemusterter Tupperware versorgt. Ich könnte den ganzen Kram also echt mal sinnvoll zum Einsatz bringen. Aber ich stimme Sven zu: Mir war die Auswahl im „Stückgut“ zu klein und zu sehr auf Alternativos ausgelegt. Wie oft kauft man sich denn als Otto-Normalbürger Amaranth-Pops und Getreidesamen in verschiedenster Ausführung? Genau, selten. Zudem ist der Laden viel zu klein und die Gemüseecke absurd winzig. Was ich mir wünsche: Das Unverpacktkonzept muss von Supermärkten aufgegriffen werden! Hier stimmt die Auswahl und gerade seelenlose Ketten sind doch bestimmt daran interessiert, Verpackungskosten einzusparen. Also, liebe Edekas, Rewes, Lidls, Alis, Nettos und Pennys, ihr wisst, was zu tun ist. Ich gehe derweil mal kurz Müll runterbringen aka mein Leben verschwenden.

Die beiden Gründerinnen Milena Glimbovski und Sara Wolf des Berliner "Original Unverpackt"-Ladens. (Copyright: Lisa Ksienrzyk)
Die beiden Gründerinnen Milena Glimbovski und Sara Wolf des Berliner „Original Unverpackt“-Ladens. (Foto: Lisa Ksienrzyk)

Lisa: Ich habe das Berliner Pendant „Original Unverpackt“ ebenfalls gleich am Eröffnungstag besucht und war super gespannt, wie die beiden Gründerinnen ihre Idee wohl in die Realität umgesetzt hatten. Das war im Herbst 2014. Ich muss sagen, ich war damals total beeindruckt, all diese Plastikröhren gefüllt mit Nudeln, Müsli und Co. Die vielen Gläser mit den verschiedensten Gewürzen und Teesorten, Süßigkeiten und selbst Schnaps. Die Preise wurden alle pro Kilogramm angegeben und so haben die Zahnpasta-Tabletten eben mal knapp 400 Euro pro 1000 Gramm gekostet. Schreckt ab, waren allerdings der Renner, weil innovativ. Viele Leute sind extra aus anderen Städten angereist, haben den Laden – ähnlich wie in Hamburg – förmlich überrannt und das Konzept mächtig gelobt. Ich war ebenfalls angetan, bin aber, ehrlich gesagt, seitdem nie wieder hingegangen. Wahrscheinlich war ich nicht die einzige, die den Vorsatz irgendwann verworfen hat. Man kann halt nicht mal eben spontan in den Unverpacktläden einkaufen. So, wie ich sonst nach der Arbeit doch noch schnell Käse und Salat im Supermarkt nebenan hole. Man muss immer mehrere Dosen dabei haben oder zahlt ordentlich drauf für fancy Ökoglasbehälter. Meine Bequemlichkeit geht vor. Für Müsli, Bananen und Spaghetti möchte ich dann doch nicht extra zwei Kilometer zu „Original Unverpackt“ fahren.

 


Titelbild: Zwischen Spülmittel und Schokolade zum Selberabfüllen im „Stückgut“ in Hamburg-Ottensen. (Foto: Michael Schock)

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