Meine Stadt 2016 – ein Rückblick der Flâneure

So. Geschafft. Das (zu Recht) allseits gedisste 2016 ist endlich vorbei. Zum Abschluss wurden noch einmal viele Worte über das Ableben zahlreicher Berühmtheiten und die katastrophale Entwicklung der Weltpolitik verloren. Wir halten es da etwas kleiner und blicken zurück auf die schönen und schlechten Dinge, die uns in den vergangenen zwölf Monaten in unseren Städten beschäftigt haben.

 

Enrico & Berlin

Lieblingsort: Das Kallasch& in Moabit. Kleine Kneipe mit tollem Programm und einem Plus an Wohlfühlfaktor. Ich erinnere mich gerne daran, keinen Platz mehr im Hinterzimmer zum The Big Lebowski Filmabend bekommen zu haben, dafür aber im Vorderraum extrem leckere White Russians weggeschlürft zu haben. Hicks.
Neu entdeckter Ort: Da ich seit Anfang November in Schöneweide wohne, bin ich etwas wacher was kulturelle Entwicklungen im Osten Berlins betrifft. Das KAOS-Gelände sticht hier besonders heraus und die lieben Leutchen vom Verein haben kürzlich einen der schönsten Berliner Weihnachtsmärkte realisiert. In der Vereins-Industriehalle gelegen, mit handgezimmerten Ständen, und vor der Tür eine Feuertonne, deren Flamme sich in der vorbeiziehenden Spree spiegelt – schön!
Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Flüchtlingsinitiativen ins Werk pfuschen, nur weil man selber nix gebacken bekommt. Schlechter und vor allem unmenschlicher Stil.
Dafür liebte ich meine Stadt 2017: Sommertage in kleinen Buchten an der Havel
Dafür hasste ich meine Stadt 2017: Ich sehe überall nur Lofts entstehen. 🙁
Schönstes Fremdgehen 2017: Barcelona, da viel kleiner und angenehmer und radfreundlicher als gedacht.
Davon braucht Berlin 2017 mehr: Absperrungsfreie Tage im Tiergarten
Davon braucht Berlin 2017 weniger: Lofts. Fickt eure Lofts!

 

Sven & Hamburg

Lieblingsort: Der Nachtmarkt auf dem Spielbudenplatz. Einkaufen für zu Hause, einen Feierabendwein trinken, vor einem Konzert noch eine Fischfrikadelle essen – geht hier alles.
Neu entdeckter Ort: Ich würde eher sagen, ich habe ihn wiederentdeckt – den japanischen Garten in Planten un Blomen. Wie angedacht ein Ort zum Runterkommen. Ach, und wirklich neu war für mich die Doppelschicht. Eine alteingesessene Kneipe, in der sich alle aus der Gegend treffen und sich niemand daran stört, wenn ein Nachbar zum Bier und Fußballgucken mal sein selbstgekochtes Essen mitbringt.
Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Der Gentrifizierungsstress in der Schanze? Die Drogenpolitik auf St. Pauli? Ich entscheide mich für die lautstarken Proteste der „Konservativ-Etablierten“ gegen Flüchtlingsunterkünfte in ihren schicken Vierteln. Viele von ihnen finden es zwar richtig, Menschen in Not aufzunehmen, aber eben nicht, diese in ihrer direkten Umgebung unterzubringen.
Dafür liebte ich meine Stadt 2017: Fahrradtouren entlang der Elbe.

Die Elbe, immer wieder schön. Und wer kein Schiff hat, erfährt sie halt mit dem Rad. (Copyright: Sven Wiebeck)
Die Elbe, immer wieder schön. Wer kein Schiff hat, erfährt sie halt mit dem Rad. (Copyright: Sven)

Dafür hasste ich meine Stadt 2017: Für all die nicht erst seit gestern leerstehenden Bürogebäude. Und es werden immer mehr. Wie wäre es stattdessen mit ein paar Wohnungen?
Schönstes Fremdgehen 2017: Ich bin ja gerade etwas monothematisch unterwegs. Doch auch bei meinem dritten Besuch in Folge musste ich wieder feststellen, wie schön und abwechslungsreich Palma de Mallorca ist. Und wie entspannt es sich dort sein lässt. Vorausgesetzt, man weiß, wie und wo man zu vielen Klischees und den Touristenmassen aus dem Weg geht.
Davon braucht Hamburg 2017 mehr: Apropos Klischee: Sonne.
Davon braucht Hamburg 2017 weniger: G20-Gipfel. Sperrgebiete. Ausweiskontrollen. Kreisende Polizeihubschrauber. Ein frommer Wunsch.

 

Lisa & Berlin

Lieblingsort: Das Dreiländereck am Lohmühlenplatz. Ich habe zwar noch nie mehr als drei Monate am Stück am Meer gewohnt, trotzdem zieht es mich immer zum Wasser. Hier, an dieser einen Stelle am Kanal, sieht man den schönsten Sonnenuntergang Berlins. Letztes Jahr war hier noch Baustelle und das Ufer wie leer gefegt. Jetzt ist dieser geheime Spot in aller Munde und man muss zeitig genug da sein, um einen schönen Platz zu finden. Trotzdem mein liebster Ort.
Neu entdeckter Ort: Ein Café mit den besten Croissants, die ich bisher außerhalb von Frankreich gegessen habe. Und das auch noch direkt bei mir um die Ecke.

Gruß aus der fabelhaften Welt der Amélie. #montmartre #paris #architecture #igersparis #stairs (Foto: Lisa)

Ein von Les Flâneurs (@flaneursmag) gepostetes Foto am

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Die Abgeordnetenhauswahl. In Neukölln kandidierte ein junger Kurde für die CDU und wurde prompt als Nazi abgestempelt. Die CDU drehte unerlaubt einen Wahlspot auf der Dachterrasse des Klunkerkranich. Die Wahlergebnisse der AfD. Und und und. Achja, und die Genehmigungsschlacht rund um das Lollapalooza.
Dafür liebte ich meine Stadt 2017: In meinem Wahllokal konnten sich junge Wähler ein Freibier abholen, nachdem sie ihre Kreuze gesetzt hatten.
Dafür hasste ich meine Stadt 2017: Lange Wartezeiten für einen Termin beim Bürgeramt.
Schönstes Fremdgehen 2017: Paris, meine Wahlheimat bis einschließlich März.
Davon braucht Berlin 2017 mehr: Vier normale Jahreszeiten. Und Fahrradwege. Aber daran soll ja jetzt gearbeitet werden. Hoffen wir es jedenfalls!
Davon braucht Berlin 2017 weniger: AfD-Wähler.

 


Titelbild: Blick vom Park Fiction auf den Hamburger Hafen. (Copyright: Sven)

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