So klang 2016

Wieder ist ein Jahr bald rum. Ein sehr turbulentes noch dazu. Viele Legenden sind dieses Jahr von uns gegangen – David Bowie, Prince, Leonard Cohen – teils mit unaufgeregten Abschiedsalben voller Akzeptanz und dem Wissen, dass man sein Leben gelebt hat. Nicht jeder von uns widmet sein ganzes Leben der Musik, doch für jeden ist die Musik Bestandteil des Lebens. Drum haben wir in einer Spotify-Playlist gesammelt, welche Musik uns dieses Jahr ganz besonders begleitet hat.

ENRICO
Ein Blick in die metacritic-Liste der dieses Jahr erschienenen Alben hat mir gezeigt, dass ich wieder eine Menge verpasst habe – selbst von mir bekannten Bands. Dennoch schwer vorstellbar, dass dies großen Einfluss auf die folgende Liste hätte:

Nick Cave & The Bad Seeds – Girl in Amber
Der lebensgeschichtliche Hintergrund seines aktuellen Albums ist schon schwer verdaulich, und die einzelnen Stücke machen es – selbst ohne direkten Bezug – nicht einfacher. Besonders „Girl in Amber“ gräbt sich ins Gedächtnis. Wenn im Hintergrund das erste mehrstimmige sanfte Jauchzen einsetzt und Nick Cave die bittere Akzeptanz der Umstände zeigt, den trotzigen Selbstschutz, das verletzte Herz, kann nichts wie zuvor bleiben. Ein Lied, das wirkt. „Don’t touch me…“

Clams Casino – Be Somebody
Durch Clams Casino bin ich zum ersten Mal mit dem Begriff „Cloud Rap“ in Berührung gekommen – breite, flächige Synthies – weit weg von den rammenden Bässen eines Kanye West & Konsorten. Besonders „Be Somebody“ sorgt für einen Sog und erschafft in wenigen Minuten eine ganz eigene Blase, eine Konzentration, die heute selten ist. Ich bin oft schlecht im Lyrics heraushören, aber hier ist das kein Problem, weil der Song wohlsortiert und unaufgeregt ist. „Did they ever tell you money has no race?“

Perfume Genius – Can’t Help Falling In Love
Jaja, eigentlich ist das ein Cover des Elvis-Klassikers und wurde vorrangig in einem Parfüm-Werbespot von Prada verwendet, aber alles was Mike Handreas mit seiner brüchigen Stimme besingt, wird zu einem Kaleidoskop aus Emotionen. Stärke, Schwäche, Wunschdenken. „Wise men say, Only fools rush in…“

ANOHNI – 4 Degrees
Der kraftvollste Song seiner albumgroßen Anklage an die Menschen und allem, was sie schlecht macht. Doch während der elektronische Support von Hudson Mohawke viele Stücke etwas unwirklich werden lässt, bekommt „4 Degrees“ ordentlich Schub und lässt einen am Ende mitklagen – Klagen über das gemeinsame Totschlagen dieser einen Welt: „I wanna hear the dogs crying for water, I wanna see the fish go belly-up in the sea, And all those lemurs and all those tiny creatures, I wanna see them burn, it’s only 4 degrees.“

Kyle Dixon – Kids
Die Serienüberraschung des Jahres war für viele „Stranger Things“. Nicht nur, weil sie als 80er-Sci-Fi-Mischmasch viele Retro-Sehnsüchte bedient hat, sondern mit einem starken Synthesizer-Soundtrack durch die Staffel trägt. Der prägnanteste davon ist „Kids“, fröhlich-frei klimpernd, ein Song, mit dem sich nicht nur Serien-Kids in neblige Nächte auf dem Land stürzen würde, um außerirdischen Wesen nachzuspüren.

 

SVEN
David Bowie – Lazarus
Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, ist aber eine wahre Geschichte: Am 10. Januar kam ich während eines ausgedehnten Spaziergangs an der Elbe endlich dazu, mir David Bowies neues Album „Blackstar“, in Ruhe anzuhören. Kurz zuvor hatte ich erstmals das Video zu „Lazarus“ gesehen. Und tags darauf fügte sich alles zusammen, als ich am Morgen vom Tod des Ausnahmekünstlers hörte. Hat er also sein eigenes Requiem komponiert, ein bisschen wie Mozart. Nun bin ich nicht der weltgrößte Bowie-Anhänger, trotzdem hat mich das Lied von Beginn an durch das Jahr begleitet – und die Erinnerung an diesen Tag.

Bosco Rogers – French Kiss
Psychedelische Beatklänge, Zeilen voller Begehren und eine sägende Fuzz-Gitarre: Diese durchgeknallte Lo-Fi-Mischung aus Surf-Pop und Garage-Rock gehört unbedingt auf den Soundtrack des nächsten Tarantino-Films. Für mich gehörte sie 2016 jedenfalls auf jede Reise-Playlist und zu den Songs, die meinen Popo selbst im heimischen Wonzimmer immer wieder zum Wackeln gebracht haben.

Beginner – Ahnma
Für ihre Comeback-Single nach 13 Jahren haben Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad gleich mal die ganz dicken Baggy Pants aus dem Kleiderschrank geholt. Ein Nebelhorn von Bass kündet von gewohnt selbstbewussten Lyrics, deren Refrain sich nicht nur in Hamburg binnen kürzester Zeit ins kollektive Deutschrap-Gedächtnis gebrannt hat. Definitiv der Kopfnicker der vergangenen zwölf Monate.

The Last Shadow Puppets – Aviation
Etwas überraschend kamen Alex Turner und Miles Kane im Frühjahr mit einem neuen Album ihres Nebenprojektes aus der Kiste. Das Debüt von 2008 zählt für mich noch immer zu den besten des laufenden Millenniums. Und der Nachfolger steht dem in nichts nach. Den Anfang macht das lässig-stilvolle „Aviation“: eine fein arrangierte Nummer mit dezent treibendem Taktschlag und pompös anmutenden Streichern. Die perfekte Einstimmung auf den von mir am häufigsten aufgelegten Longplayer des Jahres.

Radiohead – Ful Stop
„Ey, Du hast es echt versaut! Aber sowas von.“ Selten hat das ein Lied so auf den Punkt gebracht wie „Ful Stop“. Durch den unablässig pulsierenden Bass, den sich stetig steigernden Beat und Thom Yorkes „You really messed up“-Mantra entwickelt es einen geradezu hypnotischen Sog. Eine fast schon meditative Form der Trennungsbewältigung, intim und fernab jedweder Theatralik (wie eigentlich das gesamte großartige „A Moon Shaped Pool“), dabei aber auch latent aggressiv. Kopfhörer auf!

 

PIA
Rosie Lowe – Who’s That Girl?
Den Februar 2016 hat Rosie Lowe mit ihrem Musikdebüt „Control“ allemal versüßt. Ein wunderbar durchkuratiertes Album: zart, elegant und darin sehr kraftvoll. Bis zu ihrem Konzert im Privatklub Berlin war seit dem Release gerade mal ein Monat vergangen, da hatte ich die meisten ihrer Songs bereits verinnerlicht. Aura, Musik und Mensch: Bei Rosie scheint alles zu einer Einheit zu verschmelzen, die ich mir jederzeit wieder gerne live anhören würde.

Patrick Watson – Hearts
Anscheinend wurde das dazugehörige Album „Love Songs For Robots“ bereits 2015 punktgenau zu meinem Geburtstag veröffentlicht. Da ich an diesem Tag aber wohl anderes zu tun hatte, als nach Neuveröffentlichungen zu suchen, ist mir dieses musikalische Schmuckstück erst 2016 auf einer nächtlichen Autofahrt zurück nach Berlin zu Ohren gekommen. Auch hier gilt: Unbedingt das ganze Album anhören. Ob Androiden sich tatsächlich bei dieser Musik verlieben könnten, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Mein Herz hat es auf jeden Fall erwärmt.

OMC – How Bizarre
Ja ok, dieser Song hat mit diesem Jahr konkret nichts zu tun. Aber ist dennoch einer der wohl meistgespieltesten Songs meiner Playlist 2016. Erstens, weil der Titel dieses Jahr für mich sehr gut zusammenfasst. Und zudem weil ich, seitdem ein Radiomoderator ihn mit den Worten: „Unter uns Experten heißt der Song nur Parmesan, Parmesan“ ankündigte, immer schmunzeld an Käse denken muss, wenn ich ihn höre.

Ainslie Wills – Drive
Das Album „On the Gold“ hat, genauso wie dieser Song, sehr viel Drive. Ich stelle mir bei jedem erneuten Hören vor, wie ich die schwere Fahrertür meines (noch nicht existenten) VW Bus mit diesem charakteristischen Knall zufallen lasse, den Motor starte und einfach nur noch wegfahre. Nach ganz jwd. 2017, ich komme.

 

NINA
Beyoncé – Lemonade
Ob man nun zum Beehive gehört, sich das Spektakel um Queen Bey lieber aus ironischer Distanz anschaut oder um den Popzirkus generell einen meilenweiten Bogen macht: Es ist nicht zu leugnen, dass man Beyoncé nicht wirklich entkommen kann. Da ich loud and proud jedes ihrer Lieder mitsinge und auch gern unaugefordert dazu in wilde Tanzextase verfalle, ist meine Wahl ihres 2016 mit einem großen Knall und Begleitfilm erschienen Konzeptalbums Lemonade keine Überraschung. Queen Bey lässt es krachen und traut sich endlich ein paar Kratzer in das glatte Image zu hauen. Sie flucht, sie schmeisst die Haare über die Schultern und wirbelt Baseballschläger durch die Luft. Sie macht sich in Tracks wie Freedom und Formation zur Galleonsfigur afro-amerikanischer Weiblichkeit in Zeiten von Black Lives Matter. Epochale Momente der Popkultur.

Mystikal – Bouncin‘ Back
Ja, dieses Lied ist 15 Jahre alt, aber das ist ja auch egal. Es hat mir dieses Jahr jeder Scheißtag ein bisschen besser gemacht. Bei großen und kleinen Momenten des Scheiterns und des Weltschmerzes – und davon hatte ich dieses Jahr einige – empfehle ich einen ruhigen Ort aufzusuchen und dieses Lied so lange zu hören, bis es sich anfühlt, als hätte man sich die Kontrolle über sein Leben zurückerobert. Wahlweise kann man es auch mit Survivor’s Eye of the tiger abwechseln.

Ólafur Arnalds – Island Songs
Ein grandioses Meisterwerk der zarten Töne. Arnalds blickt in die seidene, raue und zauberhafte Seele Islands und läd eine Reihe von lokalen Künstlern ein, mit ihm zusammen ein musiklisches Mosaik der Insel zu bauen. In sieben Tracks reist Arnalds an unterschiedliche Orte Islands und macht Musik mit den dort lebenden Menschen. Begleitet wurde das Projekt vom Filmemacher Baldvin Z. Mir geht in den kostbaren 40 Minuten dieses Album jedes Mal neu das Herz auf.

Foto: Jackson Romie, über flickr.com, unter Verwendung von CreativeCommons.

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