Feels Like Home

Seit einigen Jahren unterliegen Spätis einem regelrechten Kult. Das kann schon mal nerven. Sind sie doch eigentlich nichts anderes als die moderne Variante des Tante-Emma-Ladens mit erweiterten Öffnungszeiten, in deren mikrokosmischer Atmosphäre das Cornern zur spaßkulturellen Kunstform erhoben wurde. Aber der Kiosk kann noch ein bisschen mehr sein: ein nachbarschaftlicher Orientierungspunkt – auch für manchen Flâneur. Für die andere ist dies hingegen ein Blumenladen.

Sven: Der orientalische Supermarkt, die Lieblingskneipe, der Späti – sie alle waren noch da. Zum Glück, aber nicht selbstverständlich. Denn als ich kürzlich durch mein altes Viertel in Leipzig schlenderte, hatte sich zum Mal davor wieder vieles verändert. Wenig überraschend, aber etwas erschreckend.

Da wurde mir bewusst, dass ich eigentlich bei jeder Wohnung in jeder Stadt diesen einen ganz besonderen Laden hatte, in dem ich irgendwie immer das fand, was ich gerade brauchte. Oder eben etwas Adäquates. Gefühlt hat er immer geöffnet. Abends bekommst du Korn und Sprite, morgens Brötchen, die du mit dem Flaschenpfand bezahlst. Und es gibt eine gewisse Verbundenheit. Selbst wenn der Supermarkt nur wenige Meter entfernt samstags bis 23 Uhr geöffnet hat und sonntags eine SB-Bäckereikette um die Ecke Croissants anbietet, der Weg führt dich woanders hin.

In Leipzig heißt der Kiosk Späti. (Copyright: Sven)
In Leipzig heißt der Kiosk Späti. (Copyright: Sven)

Meistens war und ist es ein Kiosk – Trinkhalle, Büdchen, whatever. So auch aktuell. Als ich vor knapp drei Jahren von Altona nach St. Pauli zog, war mein neuer Bezugspunkt zwar kein unbekanntes Terrain für mich. Schon oft hatte ich dort, am Hein-Köllisch-Platz, auf dem Weg zum Hafen eingekauft. Als dort aber zum ersten Mal eine Paketlieferung für mich abgegeben wurde, wusste ich: angekommen.

Enrico: Ich bin erst vor Kurzem umgezogen – diesmal nach Schöneweide. Was es hier schonmal nicht gibt, ist ein Späti. Lange geöffnet haben hier vor allem Döner-, Döner-Boxen-, Döner-Pizza-Läden. Das ist voll okay, denn mir persönlich geht die Kultisierung des Spätis ziemlich gegen den Strich. Im Sommer gab es in Berlin mehrere kleine Festivals, durch die der Späti zur Konzertlocation oder zur Kunstgalerie erhoben wurde. Was aber oft vergessen wird: Da arbeiten Menschen für einen alles andere als optimalen Lohn zu später und noch späterer Stunde. Mag sein, dass das Späti-Gewerbe für manche in guter Lage eine Erfolgsgeschichte ist, doch der Rest dient vor allem der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung unserer Generation. Alles sofort! Nicht, dass ich selbst noch nie bei einem Späti gewesen wäre. Ab und zu ein Wegbier, gerne. Aber die Romantisierung des Spätis? Nein danke.

Die größte Verbundenheit spürte ich bisher zu einer kleinen eigenständigen Bäckerei in meiner alten Straße. Leider musste die vor einem Jahr zumachen. Dabei hatte ich mich mittlerweile zum Stammgast hochgefuttert, der drei statt zwei Stücke Mohnkuchen bekam. Dazu ein kurzer Schnack, man lachte. Es war menschlich schön da. Die skurrile hanseatische Optik mit Leuchtturm-Lampe in der Ecke tat ihr übriges. Und wie hier schon früh um 10 Uhr die alten Damen mit Käsekuchen und Käffchen vor der Bäckerei saßen, das konnte man sich nicht besser ausdenken – und ging mit einem Lächeln weiter.

Lisa: Neukölln hat sich in den vergangenen Jahren sichtlich verändert, aber eine Konstante lässt seit mittlerweile 60 Jahren den Kiez aufblühen: ein altberliner, familiengeführter Blumenladen. Ich laufe täglich an dem Geschäft auf der Sonnenallee vorbei und bewundere wirklich jedes Mal die bunten Pflanzen auf dem Gehweg und male mir im Geiste aus, wie ich meinen nicht vorhandenen Balkon bestücken würde. Selbst nach Ladenschluss lohnt ein Blick in die hell erleuchteten Schaufenster, die nun weihnachtlich geschmückt sind. Mein Blumenhändler des Vertrauens ist immer einen kleinen Umweg wert, egal ob zum Kaufen oder Gucken.

Seit etwa zwei Jahren steht eine rollende Kaffeebar im Laden und versorgt Passanten mit frisch gebrühten Heißgetränken. Wer mag, kann sich auch zwischen Zimmerpalmen und Blumentöpfen in eine versteckte Ecke pflanzen – hat dann aber ein bisschen was von Kaffeepause in der Gartenabteilung vom Baumarkt. Also lieber Blumenstrauß und Cappuccino to go.

Blumenladen Weyer Sonnenallee Neukölln
Blumen und Kaffee kann man in Neukölln beides gleichzeitig haben.                                         ©Lisa

Nina: Als ich vor kurzem nach Kreuzberg zog, überraschte mich total, wie übersichtlich und klein sich auf einmal alles anfühlte. Vermutlich auch, weil ich nun nicht für jedes Treffen mit Freunden, Theaterbesuche oder Grillnachmittage im Park stundenlang durch Berlin gurken muss. Auf einmal kann ich sogar zu Fuß vom Club nach Hause spazieren. Purer Luxus, der mein Provinzherz höher schlagen lässt. Und apropos Provinzherz: Ich gebe hier öffentlich zu, dass ich mich in der Nähe eines Tschibo-Geschäftes wieder fühle wie in meiner Kleinstadt – wo die Omis vor den Wollstrumpfhosen der Saison mit der Lupe am Einkaufskorb die Angebotspreise entziffern.

Und inmitten der Metropole fand ich ihn, den Tschibo-Laden. Hier bringen adrett gekleidete Damen die Kaffeemühlen zum Surren, hier kaufe ich regenbogenfarbene Küchenutensilien und glitzernde Schlafanzüge. Ein Stückchen heimelige Spießigkeit in der Großstadt.


Titelbild: Der Kiosk am Hein-Köllisch-Platz. (Copyright: Sven)

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