Die Stadt in Kuriosaufnahme

Die Großstädte unserer Zeit gleichen sich in vielen Belangen immer mehr. Glaspaläste im Zentrum, Starbucks am Bahnhof, Rollkoffer im Handgepäckformat auf den Gehwegen. Ein Uhrenvergleich zeigt: Vom Aufbau sind sie fast synchron. Doch die Zeit selbst – die tickt in jeder Stadt anders. Und so gibt es in jeder Stadt kuriose Eigenheiten zu entdecken.

Enrico: Ich wohne seit über 12 Jahren in Berlin, aber es erstaunt mich immer wieder, wie hektisch die Menschen hier auf dem Bahnsteig zur U-Bahn oder S-Bahn hetzen. In einer Stadt, in der es unter der Woche alle 5 Minuten Nachschub gibt. Okay, ganz unbegründet ist die Panik nicht. Es ist nie klar, ob die nächste Ringbahn nicht direkt durch widrige Wetterumstände (0°C, eine Wolke am Himmel) außer Gefecht gesetzt wird. Vielleicht sitzt den Berlinern also gar nicht die Zeit, sondern die Angst im Nacken. Wundern wird es mich trotzdem auf ewig.

Lisa: Ich bin auf dem Land groß geworden und lebe seit 6 Jahren in Berlin. So populär und ausgeprägt die Clubkultur hier auch sein mag, mich schafft sie jedes Mal. Ich gehe liebend gerne feiern und könnte stundenlang zu elektronischer Musik tanzen, aber warum muss man die Nacht immer erst so spät starten? Früher standen wir teilweise schon vor 24 Uhr in der Schlange und waren nie die Ersten, in anderen Städten beginnt der Abend auch nicht erst um frühestens 3 Uhr. Wie wär’s also mit einer Rückbesinnung?

Sven: Eines vorweg, ich möchte hier keinesfalls zu einer Ordnungswidrigkeit aufrufen. Doch nun das große Aber: Manchmal hat es schon etwas Kurioses an sich, wenn selbst die Punks an der Reeperbahn warten, bis ihnen das grüne Ampelmännchen erlaubt, die sündige Meile zu überqueren. Soweit das Auge blicken kann, sind weder Kinder noch herannahende Autos auszumachen, aber bei Rot bleibt man hierzulande eben stehen. Wobei: Vielleicht ist ja heute das unerwartete Befolgen aller Regeln, auch der Straßenverkehrsregeln, wirklich punk? Unterwanderung durch Anpassung. Subtile Rebellion auf der Metaebene. Oder: Die Punks haben es einfach verstanden – und nutzen den staatlich oktroyierten Stopp zur tatsächlichen Entschleunigung. Als gutes Beispiel für die übrigen 1,8 Millionen Hamburger bleiben sie einfach mal stehen. Die Wiederentdeckung der Langsamkeit als Maxime. Die nächste U-Bahn kommt schließlich in fünf Minuten.

„Berlin, die Stadt der
erfolgreichen Schnapsideen.“

Pia: In den 26 Jahren meiner bisherigen Lebenszeit hat mir Berlin sehr viel beigebracht. Ich habe hier Laufen gelernt, bin zum ersten Mal Fahrrad gefahren, habe als cooler Teenager meine ersten Zigaretten aus dem Automaten an der Ecke gezogen, und musste als Größte im Freundeskreis immer als Erste in den Clubwarteschlangen stehen. Eine echte Berlinerin sozusagen. Mit einer Ausnahme: Denn als waschechtes Original hätte ich natürlich bis auf Lebenszeit in meinem Heimatkiez im Prenzlauer Berg bzw. allerhöchstes im sogenannten Aldiletten-Bannkreis bleiben müssen. Bin ich aber nicht. Ich wohne momentan da, wo meine Mutter, die noch den Großteil der DDR miterlebt hat, lange Zeit keinen Fuß hinsetzen konnte und dies auch nach der Wende eigentlich selten tat: Kreuzberg. Für mich hatte das als Kind nach dem Mauerfall natürlich keine Ost-West-Beziehung mehr, aber auf der anderen Spreeseite war ich dennoch relativ selten. Der Görli, der Kotti und das Paul-Lincke-Ufer lagen gefühlt in umständlich weiter Ferne, ein anderes Berlin, exotisch und fremd. Mittlerweile habe ich hier Wurzeln geschlagen, und muss feststellen, dass ich mich wieder eigentlich nur innerhalb meiner fünf naheliegenden Straßen bewege. Ein neuer Aldiletten-Bannkreis sozusagen. Jetzt sind es eher Bezirke wie Charlottenburg und Schöneberg, bei denen ich noch ein großes Fragezeichen im Kopf habe, und mich frage, was für ein Berlin sich wohl hinter ihnen versteckt. Berlins Einzigartigkeit gegenüber anderen Metropolen ist eben ihr Aufbau als Stadt der vielen Städte. Um sie ganz und gar zu verstehen und zu erobern, müsste man eigentlich alle 2-3 Jahre umziehen und zwischen den Bezirken routieren wie auf einer Drehscheibe.

Nina: Berlin, die Stadt der erfolgreichen Schnapsideen. Es sind die selbst gezimmerten Bierbanklandschaften, klimpernden Bauchläden und zuhause genähten, gestrickten, bedruckten, geformten Flohmarktschätze, die mir als Besonderheiten Berlins als erstes einfallen. Wer eine gute Idee hat, findet schnell eine Gruppe von Leuten, die mitmacht, die interessiert ist, die beitragen kann oder für das Resultat gern Geld gibt. Beste Beispiele sind Orte wie die Prinzessinengärten und der Klunkerkranich. Paradiesische Provisorien, die zu festen Institutionen und Touristenmagneten geworden sind. Bröckelt, wackelt oder knirscht immer ein bisschen, hält aber und bringt Menschen zusammen. Berlin ist Meister im Improvisieren. Und diese fröhliche Heimwerkermentalität weiß ich sehr zu schätzen.

Titelfoto: flickr.com – thomashawk, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

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