Virtuelle VVege: Ein Stern der meinen Namen trägt

Walking-Simulator: Was nach einem direkten Verwandter des „Landwirtschaftssimulator 2016“ klingt, dient der Beschreibung von Spielen, die sich dem gewöhnlichen Spielfluss entziehen und ihre spielerische Kraft aus dem Erkunden und Erleben beziehen. In unserer neuen Reihe „Virtuelle VVege“ widmen wir uns Spaziergängen durch diese Welten. Heute steht Enricos Besuch des beinahe endlosen Universums von „No Man’s Sky“ an.

No Man's Sky_1
Schnieckes Ding!

Oh yeah! Schickes Weiß, Doppelflügel (sicherlich mit strömungsförderndem Mehrwert… oder so), mehr Lagerraum und bessere Bordbewaffnung. Dafür haben sich 1.400.000 Units gelohnt. Was kostet schon das All? Mit ordentlich Schub verabschiede ich mich von der Raumstation und gleite hinaus in das weite All. Drei Planeten, zwei Monde und eine Atlas-Schnittstelle umgeben mich. Und es ist das erste Mal, dass ich in einer Galaxie gelandet bin, die schon vor mir jemand entdeckt hat – was bei 5 Trillionen Galaxien gar nicht mal so leicht ist. Aber vielleicht muss jeder hier vorbei, an dieser Schnittstelle, die mich ein Stück näher zum Zentrum des Universums bringt. Dort hinzukommen ist zumindest das Ziel in „No Man’s Sky“, dem spielerischen Hassobjekt des Jahres.

Oft sind die Welten leer und relativ (-80°C) tödlich...
Oft sind die Welten leer und „relativ“ (-80°C oder Hitzestürme oder Radioaktivität, das Übliche halt – auf der Erde nennt man das Feinstaubbelastung) tödlich.

Die Entwickler, allen voran Chefentwickler Sean Murray, versprachen einem vor der Veröffentlichung das Blaue vom Erdenhimmel. Die Trailer sahen fantastisch aus, ständig wurden neue Lebewesen und Pflanzen entdeckt, Begegnungen mit Freund und Feind im All, grenzenlos spannende Weite! Die Realität hingegen stellt sich als repetitiver Sandkasten dar, der zwar 18 Trillionen Planeten generiert, diese aber mit den immer selben Gebäuden, Monumenten und Möglichkeiten füllt. Jedes Mal aussteigen, mit einem Laser Rohstoffe abbauen bis das Lager voll ist, Rohstoffe verkaufen, von vorne loslegen, bis genug Units da sind um sich was Hübsches davon zu kaufen. In Maßen wäre das alles okay, aber „No Man’s Sky“ fühlt sich stark danach an, als wollte man mit solchen Elementen nur das Spielerlebnis strecken. Ein knappes undurchdachtes Inventar, ständiges Aufladenmüssen irgendwelcher Antriebe, weder Schnellreise- noch Schnellhandel-System. Dafür Stühle in den generischen Forschungsstationen, die sich drehen lassen. WTF?! In sowas wurde Entwicklungszeit gesteckt, aber nicht in elementare Spielbestandteile?

Das traurige Leben der Aliens: Ständig auf Displays starren - auch hier in dieser Anomalie.
Das traurige Leben der Aliens: Ständig auf Displays starren – auch hier in dieser Anomalie.

Ein Spiel als Übung in Frustrationstoleranz. Dass sich die Entwickler um Sean Murray seit Spielveröffentlichung vor drei Monaten nicht mehr melden, außer dass sie ab und zu einen Patch veröffentlichen, stärkt das Gefühl, hier einem großen Schwindel beizuwohnen.

Und doch, hier fliege ich nun, gut zehn Stunden nach Spielbeginn, und düse durch’s All. Weil „No Man’s Sky“ eher unfreiwillig genau das Gefühl erzeugt, welches dem All viel näher liegt als Weltraumschlachten á la Star Wars: Isolation und Leere. Leichte Frostränder bilden sich am Cockpit, vor mir liegt bläuliche Schwärze, die Systeme blinken, ich bin allein. Niemand funkt mich an, niemand bietet mir eine Nebenaufgabe, nein, ich bin in einer meditativen Blase, die nur durch den – fabelhaften! – Soundtrack von 65daysofstatic zarte Risse bekommt. Er schwelt im Hintergrund im Anblick der ewigen Weite oder schwillt im Vordergrund bei Attacken feindlicher Raumschiffe. Trommeln, eine Erinnerung an Vergangenheit auf der Erde. Doch wo ist sie? Weit weg, unerreichbar, nicht das Zentrum des Universums. Ebenso wenig wie ich. Dieser Himmel gehört nicht mir – es ist „No Man’s Sky“.

 

Ein Planet, auf dem zumindest Flora und Fauna toben, ein seltenes Glück!

Und wenn dann dieser Moment kommt, an dem das Raumschiff durch die Atmosphäre dringt und sich vor einem ein lebhafter Planet eröffnet, mit Wasser und Flora und Fauna, dann ist es auf einmal, das Gefühl von Freude. Es gleicht all den Ärger nicht aus, aber es gibt mir ein Gefühl von meditativem Gleichnis, welches mich nach Stunden der Entbehrungen belohnt. Und für alle anderen gibt es ja immer noch den Honest Trailer zum Spiel, der all den irdischen Frust anspricht. Ich werde nun weiter meiner eigenen Mission fröhnen: Neu entdeckten Spezies Pokémon-Namen geben. Lauf, Bisasam, lauf!

Fotos: Enrico Seligmann

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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