São Miguel: Wo sich Dinosaurier “Gute Nacht“ sagen

Im November auf eine Insel zu reisen, die mitten im rauen Atlantik liegt, tausende Kilometer entfernt vom Festland, ist nicht gerade ein sicherer Garant für einen entspannten und ausgeglichenen Urlaub. Der Spruch “Im Sommer muss das echt schön sein hier“ wird zum aufdringlichen Mitreisenden. Dennoch oder gerade wegen dieser Launenhaftigkeit des Wetters kennen und lieben die Insulaner ihre Insel. Und auch ihr zaghafter, großstädtisch verwöhnter Beobachter findet sich staunend vor ihren immergrünen Vulkantälern wieder, die den Blick beständig um eine neue Ferne erweitern.

Foto von Martijn de Jong.
Foto von Martijn de Jong

Von hier an blind

Der allgegenwärtige Inselwind scheint ein ehrgeiziges Vorhaben zu haben: Mit rasender Eile fegt er die unheilvoll über den Vulkankratern hängenden Regenwolken auseinander, zerstreut sie in alle Himmelsrichtungen, als wolle er dem Himmel seine ihm zustehende Farbe zurückerobern. Dabei bauscht er die Wolken zu einem dichten Nebelschleier auf, der sich so hartnäckig in der Luft absetzt, dass der mutige Wanderer bei dem erhofften Ausblick vermuten muss, er sei vor lauter Nichts spontan erblindet. So einen dichten, nichts mehr erkennbar lassenden Nebel habe ich noch nie erlebt. Das Gefühl von Ferne und Nähe setzt für einige Augenblicke aus und lässt jedes Geräusch ersticken.

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Sonst grünlich schimmernd: Der Lagoa Verde. Foto von Martijn de Jong
Sonst grünlich schimmernd: Der Lagoa Verde. Foto von Martijn de Jong

Grüner wird’s nicht

Wenn dann doch einmal, in kleinen Glücksmomenten, die Sonne durchbricht, darf man sich auf einen kompletten Stimmungswechsel freuen. Mehrere Varianten Grün leuchten aus allen Ebenen, es wird urplötzlich tropisch warm, sodass man die regendichten Klamotten sofort schwungvoll und mit Nachdruck in den nächsten Vulkansee schmeißen möchte. Bei der azorischen Vegetation kommt das botanische Festlandvokabular an seine Grenzen: Wurzeln, die aussehen wie überdimensionale Ingwerknollen, lederne, immer nass glänzende Blätter, die ihren Betrachter sofort in den Dschungel versetzen und sich unter silber angelaufene Farne mischen. Zudem ist die Insel mit prächtigen Hortensienbüschen geradezu zugepflastert. Ein Anblick, der Lust auf ihre Blüte im kommenden Frühling macht.

Dschungel-Gefühle. Foto von Martijn de Jong
Dschungel-Gefühle. Foto von Martijn de Jong

Ein Vorteil dieser Jahreszeit ist sicherlich, dass auf den meist abenteuerlichen Wanderpfaden kaum mit Gegenverkehr zu rechnen ist. Was bedeutet, dass man sich oft komplett allein inmitten dieser überragenden Urzeitatmosphäre wiederfindet, umzingelt von mittlerweile wieder fruchtbaren Vulkanlandschaften, die einen bei jeder Wegbiegung in die Erwartung einer Dinosaurierschnauze versetzen, die sich langsam in das eigene Blickfeld schiebt, ohne, dass es einen sonderlich überraschen würde.

 

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

Das allumfassende Meer

Das Meer wird immer ein mystischer, für den Menschen nicht zu erobernder Sehnsuchtsort bleiben, der ihn stets in seine Schranken weist. Mich hat er ebenfalls auf meine persönlichen Grenzen hingewiesen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Wer sich also im November auf eines der vielen Angebote einer Whale Watching Tour einlassen möchte, sollte einen widerstandsfähigen Magen haben. Ich habe diesen Magen nicht. Aber zumindest ein Exemplar der sich vor allem im Sommer um diese Inseln tummelnden Pott-, Buckel-, oder sogar Blauwale zu sehen – das wollte ich mir nun auch nicht entgehen lassen.

Aus sicherer Distanz. Foto von Martijn de Jong
Aus sicherer Distanz. Foto von Martijn de Jong

Also finde ich mich bei hohem Wellengang und Regen auf offenem Meer wieder, mit einem Kapitän, der bei seinen Waltouren anscheinend sein Gleichgewichtsorgan gleich mit über Bord geworfen hat. Während ich drei von den vier Stunden mit Schnappatmung und einigem Druck auf der Speiseröhre im Innenraum des kleinen Boots verbringe, huschen andere Wal-Enthusiasten leichtfüßig an mir vorbei. Auf einmal hält das Boot unter steigendem Wellengang an. Irgendetwas scheint am Horizont aufgetaucht zu sein. Ich nehme all meinen Mut zusammen und wanke im Takt der Wellen zur Reling, fast komme ich mir in meiner dramatisierenden Wahrnehmung wie auf der untergehenden Titanic vor.

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

Und da springen sie an uns vorbei: Eine Horde aufgeweckter Delphine, die mit den Wellen surfen, als würden sie ihnen Flügel verleihen. Wale haben wir dafür leider nicht gesehen. Wieder an Land, blieb der skeptische Blick aufs Meer immer noch eine Mutprobe, der mir ein leichtes Gefühl von Übelkeit bescherte.

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

Haustier gefällig?

Wer tierlieb ist, dem könnte es auf den Azoren des Öfteren passieren, dass sich über Nacht vor der eigenen Tür ein paar Jungtiere wie durch Zauberhand platziert einfinden. Anscheinend ist in jedem Dorf genau bekannt, wer schon ein paar der umherstreunenden Straßenhunde oder -katzen bei sich aufgenommen hat. Ein Grund mehr also, vielleicht auf seinem Grundstück einen Schuppen für wilde Tiere anzubauen, denn davon gibt es wirklich genug. Auch kann es passieren, dass auf den Wanderungen plötzlich ein weiterer Begleiter hinzukommt, der, glücklich über die Gesellschaft, sich am liebsten gar nicht mehr von seinem neuen Besitzer in spe trennen möchte. Auch der Katzenliebhaberin und Autorin dieses Artikels fiel es beim Anblick dieser unisono schnurrenden und miauenden Kätzchen schwer, Standhaftigkeit zu bewahren und sich nicht des Catnappings schuldig zu machen.

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

Resümierend muss ich gestehen, dass ich nach dieser Reiseerfahrung auf die stürmischen Azoren nichts lieber möchte, als sofort in einen All-Inklusive Urlaub zu fahren, mit Strand, Sonne, Meer und sonst nichts. Ich war zwar noch nie in einem All-inklusive Urlaub, aber nach zwei Wochen Wind in den Ohren und der investierten Energie, die zum Teil sehr erkalteten Sommerresidenzen auf der Insel zumindest ein wenig warm zu bekommen, merkt man, wie der Großstädter in einem wieder anklopft. Im Sommer, ja, da muss es echt schön sein hier. Dafür werden sich dann wahrscheinlich keine Dinosaurier zeigen. Die Küsten werden geglättet sein. Und das Licht wird weniger geheimnisvoll durch den Nebel schimmern. Kurzum: Die Insel wird eine andere sein. Und das wäre dann, gerade in Anbetracht dieser fotografischen Mitbringsel, doch sehr bedauerlich.

Foto von Martijn de Jong
Foto von Martijn de Jong

 

Ein letzter Blick. Foto von Martijn de Jong
Ein letzter Blick. Foto von Martijn de Jong
Share Button
Pia Gralki Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.