Virtuelle VVege: Loslassen in Los Santos

Walking-Simulator: Was wie ein direkter Verwandter des „Landwirtschaftssimulator 2016“ klingt, dient der Beschreibung von Spielen, die sich dem gewöhnlichen Spielfluss entziehen und ihre spielerische Kraft aus dem Erkunden und Erleben beziehen. In unserer neuen Reihe „Virtuelle VVege“ widmen wir uns Spaziergängen durch diese Welten. Den Anfang macht Enrico mit GTA V, den aktuellsten Teil einer Reihe, die vor allem durch „Cars, Crime, Chaos“ in der öffentlichen Wahrnehmung steht – zurecht?

„This is Chakra Attack! A new approach to Los Santos County integrated health needs, and I’m your host – Dr. Ray De Angelo Harris. Ommm. Let’s all say that again. Ommm.“ Meine eigene Reise startet diesen Morgen am Strand von Los Santos, einem fiktiven Los Angeles. Plan für heute: Ab zum Mount Chilad, mit der Seilbahn hochfahren und auf der Bergspitze Touristen das Smartphone aus der Hand schlagen. Radio an. Motor an. Auf geht’s!

„Ray: My friend, what’s up? Free yourself. Breathe deep. Caller: Yeah, that’s bullshit what you said about coconut water!” Der Highway ist mal wieder voll. Zeit auf den Seitenstreifen zu wechseln – Vollgas! Im echten Leben habe ich nicht mal einen Führerschein, umso schöner hier ein wenig Gas geben zu können. Mein reales Fahrrad mit sieben Gängen kann da einfach irgendwann nicht mehr mithalten. Ich schlängle mich spaßeshalber ein wenig durch den Verkehr, die Umgebung wird grüner – schönes Umland. Fuck! Ein Reh! Rannte direkt auf die Fahrbahn, direkt vor mein Motorrad. Ich werde gefühlt hunderte Meter weit geschleudert, der lebensfernen aber umso spaßigeren Physik des Spieles sei Dank. Kurzes Seufzen, argh, die Seilbahn ist ganz nah, der Restweg geht auch zu Fuß.

Noch glücklich mit seinem Samsung...
Noch glücklich mit seinem Samsung…

„Don’t you go disrespecting coconut water. That’s the nectar of the gods from places that are mad spiritual, with cave paintings, and baking sun, and drum circles, and heat stroke, and where you can swim with dolphins. Dolphins! Wuvuvuvuvu! Wuvuvuvu! And communicate with them! Swim with them and communicate with the dolphins! Dolphins are delivering babies, you punk-ass.“ Langsam tuckere ich zur Spitze. Tolle Aussicht heute! Oben auf der Spitze laufe ich zu den vielen Touris. Ein paar schauen auf ihre Landkarte, andere wandern wieder runter und andere – ha! – machen Selfies. Diesmal versuche ich es spannend zu machen. Ich schleiche mich hinter den Typen, und beginne hinter ihm eine Benzinspur zu gießen. Fertig gegossen fehlt nur ein guter Schuss aus der Schalldämpferpistole und der Spaß kann losgehen. Treffer! Der Touri wedelt brennend mit den Armen als wäre der Akku seines Samsung Galaxy Note 7 explodiert und rennt schreiend über den nächsten Hügel. Ich lache.

„Cheryl: I heard that dolphins molest people. Ray: Where did you hear that, woman? TV? That damn anti-spiritual booty box will suck the life out of you in a minute, make your whole innards glaze over like someone threw your soul into an oven all covered in egg white. Like this coconut water fool right here. Ha ha ha! Listen, my friend, I just drank some, and I’m significantly more hydrated than you.” Wenn GTA-Spiele von Nicht-Gamern bewertet wird, kommt gerne als erstes Argument der hohe Gewaltanteil. Ja, GTA ist blutig, explosiv, gemein zu Hund und Katz – wenn man denn will. Und genau dafür ist ein Sandkasten wie dieser hier da, es wird wild fantasiert. Und es werfen bitte diejenigen den ersten Pixel, die durchs Leben gehen und nicht selbst manchmal so genervt von jemandem sind, dass sie Person XYZ gerne schubsen/schlagen/als Pokémon einfangen wollen würden. GTA bietet keine völlig unverständliche, keine kranke, keine andere Welt. Es ist unsere Welt – gefüllt mit überspitzter Satire. Ich schmunzle im Gedanken an Chakra Attack, denn Kokosnusswasser ist gerade wirklich DAS große Ding in Berlin.

Herumhängen mit den Trailerpark-Boys.
Herumhängen mit den Trailerpark-Boys.

„I’m hydrated. I’m a whole lot wetter than you. People in tropical locations are never thirsty – they discovered the miracle of coconut water. Crack, slurp, crack, slurp – and you fill your glass up. Now, each coconut maybe contains 6 ounces of coconut juice. Now if you’ve got a 16 ounce glass, you’re going to want to break 2 coconuts and hydrate yourself. Or just chop it up and sprinkle it on a coconut cake. You understand? It’s called coconut flakes!“ Auf der Bergspitze steht ein Motorrad bereit. Ich lehne mich nach vorne und rase den Berg herunter, um der ankommenden Polizei zu entfliehen. Mehr schlecht als recht schaffe ich es bis zu einem ebenen Untergrund und komme rechtzeitig am Alamo-See an, um die Sonne langsam untergehen zu sehen. Sehnsucht nach einem echten Road Trip überkommt mich. Doch mal wieder in die Staaten fliegen? Ich drehe den Zündschlüssel nach rechts. Das Radio springt an: „Weazle News“ – Präsidentschaftskandidat wirft Exkremente gegen das Haus seiner Herausforderin. Ist das noch Satire?

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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