Auf der Suche nach Frankfurts Hipster-Szene

Ich war vor Kurzem eine Freundin in Frankfurt besuchen. Wenige Tage vor meinem ersten Trip in die Bankenmetropole habe ich einen Artikel in der ZEIT gelesen, in dem das Bahnhofsviertel als „Hotspot der Szene“ bezeichnet wurde. Hipster hätten den Bezirk für sich entdeckt, schrieb die Zeitung und lobte die neue Sexyness. Mein Bild von Frankfurt sah da noch ganz anders aus: Bürotürme, Menschen in Anzügen, noch mehr Menschen mit Aktenkoffern und Drogenjunkies am Hauptbahnhof. Aber, dass die Straßen rund um eben diesen Bahnhof nun als hippe Gegend deklariert werden, hat mich überrascht.

Wohnst du da?“ fragte ich meine Freundin sogleich leicht euphorisch und erwartete ein zweites Neukölln voller Bartträger, angetrunkener Touristen und Spätis inmitten von Frankfurter Bankiers und Drogensüchtigen. „Bist du irre? Nein, da bekämen mich keine zehn Pferde hin!“ Damals dachte ich noch, sie eiferte gegen das eindringende Hipstertum in die Schnöselstadt. Als ich die von der ZEIT umschwärmten Straßen letztendlich entlang lief, verstand ich ihre Empörung.

Multi-Kulti zwischen Bankentürmen

Es war samstagabends, wir hatten Hunger und nirgends einen Tisch reserviert. Also versuchten wir unser Glück direkt im Bahnhofsviertel und bekamen sogar noch Plätze in einem dieser gehypten Burgerläden. Ein Szene-Lokal durch und durch: ein eigener Instagram-Hashtag auf der Speisekarte, Industrie-Chic und Cocktails in Einmachgläsern. Der Laden liegt am Anfang des „sexy“ Viertels an einer belebten Sackgasse. Während wir unsere Burger auf Holzbrettern serviert bekamen, öffneten Obdachlose auf der anderen Straßenseite ihre nächste Flasche Korn. Junge Männer kämpften gegen nahende Entzugserscheinungen. Teenager liefen mit Primark-Taschen vorbei. Sexy sieht für mich anders aus.

Ich habe mir ein Bahnhofsviertel gespickt mit hippen Bars und Restaurans vorgestellt, in denen Vintage-Bilder an unverputzten Wänden hängen, Menschen mit Jutebeuteln ihr Flaschenbier vor Kiosken trinken und elektronische Musik aus den Bars wabert, sobald jemand die Tür öffnet. Eben das Hipster-Image par exellence. Die Wahrheit aber sieht so aus: Asia-Imbiss, türkischer Lebensmittelladen, Kebap, Gemüsestand, Späti, türkisches Haushaltswarengeschäft, progressiver Burgerladen. Und das wiederholt sich in den umliegenden Straßen, die noch zum Bahnhofsviertel dazugehören. Nur, dass die zahlreichen Burger-Lokale wahlweise durch eine Bar oder ein anderes Szene-Fast-Food-Restaurant ersetzt werden können. Die Dichte an wirklich hippen Spots ist gering, sie können fast an einer Hand abgezählt werden.

Rotlichtbezirk Frankfurt

Erst Instagram, dann Puff?

Auch ein Kiosk ist Kult. Dutzende Menschen stehen oft vor und im Yok Yok.“ Als wir an besagtem Späti vorbeilaufen, muss mich meine Freundin erst darauf hinweisen, sonst wäre mir der Kult-Laden gar nicht aufgefallen. Eine Person steht rauchend davor, von dutzenden Menschen keine Spur. Klar, im Sommer ist hier sicherlich mehr los. Aber Samstagabend ist wiederum DIE Späti-Zeit.

Von der Münchener Straße mit ihren Lebensmittelläden, Imbissen und Bars sind es nur fünf Minuten bis zu den Bordellen, Tabledance-Bars und Striplokalen.“ Biegt man einmal falsch ab, landet man im Rotlichtbezirk. Einige Prostituierte fangen schon vorher interessierte Kundschaft ab. Ob die tätowierten Hipster vom Bahnhofsviertel auch dorthin abbiegen, nachdem sie in der Nebenstraße den richtigen Instagram-Filter für ihr Pastrami-Sandwich gefunden haben?

Mein Fazit: Die Straßen rund um den Frankfurter Hauptbahnhof sind weder sexy noch hip. Die wenigen Locations, die dort als szenig bezeichnet werden können, versuchen zu stark, den Flair des Big Apple zu imitieren, was zwar in der New York Times auch schon gut ankam, aber wer ist schon gern nur eine Kopie? Für sich allein mögen sie ein hipper Mikrokosmos sein, aber der Kiez bleibt dennoch weiter ein Problembezirk und die Junkies und Prostituierten fördern das Hipster-Image nicht gerade. Ich frage mich, was die ZEIT da gesehen hat. Der Titel „Hotspot der Szene“ mag vielleicht stimmen, nur ist die Szene dann wohl klitzeklein. Frankfurt, mach dir keine Mühe! Berlin belächelt dich so eh nur.

Fotos: sunsets_and_bubbles und tj unter Verwendung der creative common license

Share Button
Lisa Ksienrzyk Verfasst von:

4 Comments

  1. Toni
    17. Oktober 2016
    Reply

    Hipster-Szene? Gibt’s hier net, geh‘ weider.

  2. Sebastian W.
    18. Oktober 2016
    Reply

    Hi Lisa,

    Ich kann deinen Eindruck nachvollziehen, aber….

    Das Bahnhofsviertel ist aus meiner Sicht MEHR als ein Viertel voll
    Prostitution und WENIGER als Nr. 12 der New York Times „52 places to go“.
    Ich komme aus einem kleinen, behüteten Dorf im Rhein-Main Gebiet, aber wenn
    ich im Frankfurt leben würde, dann im Bahnhofsviertel.
    Klar feiert sich das Bahnhofsviertel und schmückt sich manchmal mit dem
    überzogenen Lob, aber wer braucht schon Hipster, um in einem
    vielschichtigen Stadtquartier glücklich zu werden.

    Wo sonst lebe ich im Herzen der Stadt: Südlich vom Viertel nur 7 Gehminuten
    bis zum Joggen am Mainufer, nördlich nur 7 Gehminuten zu meinem Arbeitsplatz im Bankhochhaus entfernt. Die Innenstadt mit Kultur und Shopping beginnt
    direkt dahinter – 7 Minuten entfernt 😉 . Für Frankfurter Verhältnisse sind die Mietpreise im Bahnhofsviertel günstig und dazu bekomme ich die größte Auswahl an Restaurants, Cafe’s und Bars. Ganz zu schweigen von den U-Bahnen,
    Straßenbahnen, Zügen und Bussen, die alle im Bahnhofsviertel
    zusammenlaufen: Ein Tor zum restlichen Frankfurter-Kosmos mit all seinen
    Rooftop-Bars, Apfelweinkneipen in Sachsenhausen und Einkaufspassagen an der
    Hauptwache.

    Nicht jeder braucht ein jüdisch-amerikanisches Pastrami-Sandwich oder hessischen Apfelwein um glücklich zu sein, aber allein die Auswahl zu haben und es unter gefühlt 1.000 internationalen Speisen im Bahnhofsviertel auswählen zu können, empfinde ich als Bereicherung. Das Bahnhofsviertel bietet eine Kostprobe
    vom Leben – Und das Leben hat auch Schattenseiten. Auch ich würde gerne
    auf Drogen Dealer, Drogenkonsumenten und Prostituierte verzichten und somit
    eine Teil-Gentrifizierung billigend in Kauf nehmen, aber ich schätze das
    Bahnhofsviertel dennoch weil ich nirgends so zentral, schnell, vielfältig
    und vergleichsweise günstig meine Freizeit in Frankfurt verbringen kann.
    Das Bahnhofsviertel bedingt Toleranz – manchmal mehr als ich selbst aufbringen kann – und entlohnt mit Vielfalt. Es nimmt sich selbst nicht zu ernst und gibt sich damit liebenswert bodenständig.

    P.S. Wir teilen eine gemeinsame Freundin aus Frankfurt. 😉

  3. Chris K.
    4. Februar 2017
    Reply

    Der Blog-Beitrag trifft es perfekt. Verslumt, abgeranzt und verjunkt soll heutzutage urban sein – ist es aber nicht. Das Bahnhofsviertel ist (zum Glück) auch nur einen lausigen halben Quadratkilometer “gross“.

  4. EinFrankfurter
    20. Mai 2017
    Reply

    Auch ich bin Frankfurter, Frankfurter aus Leidenschaft.
    Ich habe euren Artikel mit Freude gelesen – NEIN, das Bahnhofsviertel hat keine Ähnlichkeit mit all den Berliner Kiezen, bei denen auch nach Mitternacht noch Techno aus dem „Späti“ dröhnt. Ja, das fehlt mir, Ich bin beruflich oft in Berlin, wüsste aber auch:

    Berlin würde mich auffressen. Frankfurt, das ist ein Dorfgefühl unter Hochhäusern, eine Bürgerlichkeit inmitten eines multikulturellen Miteinanders. Steter Wandel an einem Flecken, statt an zig Städten innerhalb einer Stadt.

    Frankfurt ist mehr Gefühl der Ort, mehr Aufgeschlossenheit denn Trend. Mehr Ort des Machens denn des Träumens, aber eben: Ehrlicher als Berlin. Wenn auch nicht so trendy. Und mit weniger Schwaben obendrein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.