Alles, was Berlin nicht braucht: der Haubentaucher

Der Haubentaucher ist einer der größten und am häufigsten vertretenen Wasservögel unserer Breitengrade. Gerade sein Balzverhalten ist unter seinen Artgenossen hervorzuheben, denn er liebt öffentlich und läuft unter Observation vieler Schaulustiger geradezu zur Höchstform auf.

Ähnliches – nur mit den selbstgebräunten und muskelaufgepumpten Federn von Eventsüchtigen geschmückt – lässt sich auch über den Haubentaucher Berlin berichten. Das Freiluftschwimmbad – oder auch nach eigener Definition die urbanpool&sundeckgardenloungebar – auf dem RAW Gelände verspricht den Abkühlungssuchenden eine Oase in der Großstadt, die den rauen Charme Berliner Urbanität mit der mediterranen Leichtigkeit der 60er Jahre verschmelzen lässt.

Es sind 35 Grad. Allen ist heiß. Unter der Abgas- und Staubglocke Berlins steht es jedem auf die schweißnasse Stirn geschrieben: schnell ins kühle Nass! In der Schlange vor dem Haubentaucher schwitzt eine Mischung aus jungen Familien, Touris, und Kiezlern gemeinsam die Wartezeit ab. Diese kann schonmal dafür verschwendet werden, schnell den eigenen Wasservorrat auszutrinken, denn der kommt am Türsteher trotz feuernder Hitze leider nicht vorbei. Ach ja, richtig, das ist noch so eine Eigenart: Es gibt Türsteher. Etwas mulmig ist einem schon zumute, wenn der Blick einer unbeeindruckten Miene versucht, die Tauglichkeit der eigenen Bikinifigur zu scannen. Oder wonach wird hier ausgewählt? Fettpolster? Bauchnabelpiercings? Tattoos? Beschädigungen des eigenen Federkleids findet die Haubentaucher-Elite anscheinend gar nicht lustig: Ein junger Amerikaner muss sich ein anderes Wasservergnügen suchen, weil sein T-Shirt ein paar Löcher hat. Mittlerweile ist die Lust bei allen in der Schlange, deren Selbstrespekt die Sonne noch nicht weggeschmolzen hat, auf einen unterirdischen Tiefpunkt gesunken. Jedoch: Die versprochene mediterrane Leichtigkeit und der Geruch von Chlor und den geliebten Schwimmbad-Pommes locken noch genug.

Schnell den nicht wasserfesten Stempel aufdrücken lassen und schwups, findet man sich in der Ausgeburt einer American Poolparty wieder, fehlen nur noch die roten Becher und der erste, der sich in das azurblaue Schwimmbecken erleichtern muss. Dicht an dicht klebt viel nackte Haut in Neon am Rand des Pools, in dem es sich zwar gut stehen lässt, aber an richtiges Schwimmen nicht zu denken ist. Und ja – es kommen auch pikante Analogien zum brutzelnden Burgerfleisch, dessen Geruch sich in der Luft festgesetzt hat, und der Hautfarbe der meisten Badenden auf, die sich wahrscheinlich durch den konsumierten Champagner an die Folgen der Sonneneinstrahlung nicht mehr erinnern können. Ein einziges Schaulaufen aus wackelnden Hintern, protzenden Muskeln, gebleichten Haaren: Wer vorhatte stilecht die eigene Badehaube aufzuziehen oder gar einen Badeanzug zu tragen, läuft Gefahr öffentlich ausgebuht zu werden.

The one and only!
The one and only!

Und so geht das Vorhaben der Initiatoren, auf die Marketingstrategie des Standard-Pakets von Berliner Charme und zeitgenössischer Loungekultur aufzuspringen, im unsympathischen Becken mitsamt der Süßkartoffelpommes und unmotivierten Plätscher-Elektrobeats endgültig unter: Der Haubentaucher Berlin verkörpert alles, was Berlin nicht (noch mehr) braucht.
Berlin braucht kein pseudoelitäres VIP-Wasserbad, an dessen Oberflächlichkeit die Kreativität dieser Stadt und vor allem die alternative Nutzung des RAW-Geländes weltfremd abprallt. Hier findet keine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen eines Bezirks statt, hier entsteht nichts Neues, hier wird nur reproduziert und Inzest betrieben mit Vermarktungsstrategien, die diese Stadt entwerten.

Wer Berlin schätzt und erleben möchte, sollte diesen Ort schnell von der Karte wegradieren, bevor er es hoffentlich bald selbst tut. Und dann könnte dort tatsächlich ein Schwimmbad entstehen, mit einer Eiskühltruhe, ein paar Bahnen zum Schwimmen, den typischen Schwimmbadpommes, der Oma mit Badehaube, Kindern mit Schwimmbällen, Tischtennisplatten und ein paar Hängematten, die über dem Sand baumeln. Ein Ort, den Berlin wirklich braucht: unprätentiöses, bodenständiges und gemeinsames Entspannen, eine Art Tempelhofer Feld unter den Freiluftschwimmbädern.

Der Haubentaucher jedoch darf ein für alle Mal in der kurzweiligen Rubrik von Neuerfindungstüftlern, die versuchen, Kapital aus dem Mythos Berlin zu schlagen, untergehen. Und einfach mal abtauchen, und sich ein anderes Paarungsobjekt suchen.

Fotos: flickr.com –  Timm Rizzo und  Jean-Daniel Echenard – unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

 

 

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Pia Gralki Verfasst von:

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