Ferropolis feiert

Das Melt! Festival und ich sind gute alte Freunde. Wir haben schon viel miteinander durchgemacht – das letzte Deutschland-Konzert von The Streets, Justice in der ersten Reihe und mit nur noch einem Ohropax (welches Ohr ist wichtiger?!), Bloc Party im Mosh-pit. Ich sah London Grammar, Alt-J und den diesjährigen Headliner Disclosure als junge Bands ihre Debutalben auf den kleinen Bühnen präsentieren. Für einen Mitternachtssnack stand ich gefühlte Stunden am Handbrotstand an und fiel zum Morgengrauen voller Glitzer, Konfetti und bunten Federn in den Schlafsack. Wir haben Unwetter und Hochsommerhitzewellen überlebt, zu Kyle Minogue und Azealia Banks getwerkt. Und immer Montags unter der heimatlichen Dusche kommt es mir jedes Jahr wieder vor, als hätte sich die ganze Welt verändert.

Foto: Janosh Frenz
Foto: Janosh Frenz

Die ersten Schritte aufs Festivalgelände am Freitag ließen erahnen, dieses Jahr würde einiges anders sein. Das Intro-Zelt, ein riesiges buntes Zirkuszelt, stand nicht wie gewohnt direkt am Eingang, dafür wummerte schon der Bass aus dem länglichen Gebäude, das man ansonsten gern auf der Suche nach den großen Bühnen oder wahlweise dem Geldautomaten oder Erste-Hilfe-Zelt übersieht. Die Orangerie bot von frischem Indierock der Kytes, über den finnischen Rapper und Produzenten Noah Kin, Dragshow-Einlagen des Berliner Queer Music Festivals Yo!Sissy bis zu einer Gesprächsrunde über Dawid Bowie mit Intro-Chefredakteur Daniel Koch ein breites Spektrum an Unterhaltung. Dennoch zog es mich die meiste Zeit direkt vor die große Melt!-Stage mitten zwischen die imposanten stillstehenden Kohleförderkräne– und dort trat ich mir geschlagene sechs Stunden in einem Marathon von Jamie Woon, M83, Tame Impala und Boys Noize die Füße platt. Ein kurzes Intermezzo gab ich mir jeweils mit Mura Masa und Skepta einen Steinwurf neben der Hauptbühne auf der Medusa Stage.

Foto: Stephan Flad
Foto: Stephan Flad

Schon mit den ersten Klängen von „Night Air“ hatte Jamie Woon uns alle in der Tasche – die laue Abendsonne, die smooth tanzenden Backupsänger, Jamies R’n’B-Stimme zu den minimalistischen Beats. Für mich persönlich bleiben die Songs vom Album „Mirrorwriting“ die großen Nummern, aber das 2015 erschienene „Making Time“ hat mit „Sharpness“ und „Celebration“ durchaus glänzende Momente.

Vielleicht bin ich die letzte Person, der das musikalische Genie von M83 nicht so ganz klar war. Neben ein paar halb bekannten Songs im Ohr und einer vagen Vermutung, dass es was zu Tanzen gibt, scheinen glatte 16 Jahre imposante Bandgeschichte mit sieben veröffentlichten Alben einfach an mir vorbeigeschwebt zu sein. Das Konzert war ein Feuerwerk von feinstem Synthie-Pop und voll großer musikalischen Gesten. Der Gitarrist Justin Meldal-Johnson spielte bis zum Umfallen und die Sängerin Mai Lan schritt für „Laser Gun“ und „Go!“ gegen Ende als Special Guest mit wehendem Kimono und Sonnenbrille auf die Bühne. Superwoman auf Strandurlaub. Es wurde mit „We own the Sky“ zum Abschied gewunken, ich bin um eine Lieblingsband reicher.

Tame Impala (Foto: Janosh Frenz)
Tame Impala (Foto: Janosh Frenz)

Tame Impala überraschten im Anschluss nicht unbedingt. Eine auf zehn Minuten ausgespielte Version von „Feels like we’re only going backwards“ hat mich dann aber auch gekriegt. Und man stelle fest: die australischen Surferboys hatten die größten Konfettikanonen und die sympathischsten Zwischenansagen. „You look so young and alive, it’s beautiful.“

Der letzte Freitags-Act auf der Melt!-Stage Boys Noize enttäuschte keinesfalls, wer um die Uhrzeit und nach dem Programm noch stehen konnte, tanzte. Heftige Elektrobeats und krachige Technoeinschübe boten der Stahlkulisse einen gebührenden Soundtrack bei Nacht.

Und was tut man, wenn man ob der ätzenden Zelthitze morgen um neun aus seinem Nachtlager gerissen wird? Sightseeing in Dessau! Das legendäre Bauhaus mit den verschiedenen Ausstellungen ist immer einen Besuch wert, außerdem gibt es zwischen den Gebäuden weitläufige Grünflächigen für einen kleinen Mittagsschlaf in der Sonne. Diesmal zog es meine Festivalbegleiter und mich in die Meisterhäuser von Gropius, Klee, Feininger und Moholy-Nagy. Die kühle Stille, die beeindruckende Architektur und Geschichte dieser Häuser ließ den Bass-Tinitus schrumpfen und machte den Kopf wieder frei für neue Musik.

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Foto: Janosh Frenz

What else is in the teaches of peaches?

Am Samstag Abend beim Peaches-Konzert erklomm ich einen der begehrten Stehplätze auf den Betonpfeilern, so konnte ich die Bühnenshow mit Tänzern in Genitalkostümen in aller Pracht bestaunen. Peaches ist einer dieser Acts – wie auch Robyn oder eben M83 – die man erst so richtig lieben lernt, wenn man sie live erlebt. Und spätestens, als sie den Versuch unternomm auf dem Publikum zu laufen, jeweils einen Fuß in die Luft gerissen und auf die tragenden Hände wartend, waren auch die zufällig vor der Bühne Gestrandeten euphorisch und kreischten „Fuck the pain away“ am lautesten mit.

Peaches. (Foto: Stephan Flad)
Peaches. (Foto: Stephan Flad)

Ich hab es zwar leider nur zehn Minuten im Zuschauerraum ausgehalten, aber eine Ehrenerwähnung im Line-up hat auf jeden Fall das Rap-Duo Ho99o9 verdient. Explosiver, anarchischer Post-Punk-Rap aus New Jersey, der das staunende, schwitzende Publikum nach getaner Arbeit in einem Haufen Schutt und Asche zurücklässt. Das war faszinierend, wenn auch ein bisschen gruselig. Ich hörte, dass eigentlich am Schluss des Konzerts immer einer weint oder blutet, und zog einen Spaziergang an der Essensmeile vor.

Krawall und Remmidemmi

Ach, Deichkind, ihr werdet auch nicht alt. Dieses glitzernde rollende Fass mitten im Publikum, diese Federschlacht, diese Lichtshow, die Kostüme. Die bombastische Show, die ich bis dahin noch vermisst habe, lieferten die Hamburger am Sonntag Abend bei herrlichstem Wetter und in bester Stimmung ab.

Deichkind hat tief in der Songkiste gegraben und Klassiker wie Limit und Bon Voyage herausgeholt, die neben den neuen Songs vom „Album Niveau Weshalb Warum“ noch bestens funktionieren. Zum großen Remmidemmi-Finale mit Akrobatik, Schlauchboten und flackernden Lichtern habe ich mich kurz gefühlt, als würde ich wieder mit 16 in der Schuldisko tanzen, und das auf die beste Art und Weise wie man so etwas nur meinen kann.

Deichkind auf der Melt!Stage (Foto: Stephan Flad)
Deichkind auf der Melt!Stage (Foto: Stephan Flad)

The Great Joy Leslie’s Magic Show

Das diesjährige Rahmenprogramm auf dem Zeltplatz war übrigens nicht zu unterschätzen, und wenn man es denn mal zum vormittäglichen Yoga oder Stand-up Comedy geschafft hat, wurde man mit kleinen Unterhaltungs-Schätzen belohnt. Seien wir ehrlich, eigentlich war die Kaffee-Schlange schuld, dass ich mich am Sonntagmorgen auf die Wiese vor der kleinen Bühne setzte. Tatsächlich war The Great Joy Leslie’s Zaubershow dann aber ein Hit – wahnsinnig lustig und uns mit leichtfüßigen Tricks immer einen Schritt voraus (wie verdammt nochmal hat er die Münze in die Glasflasche gezaubert!?).

Mit Digitalism und Disclosure endete das Melt! Festival standesgemäß mit Pauken und Trompeten. Zum Hit „Latch“ färbte sich alles lila, Sam Smiths Stimme schnitt einen Lichtstrahl in den Himmel und alle lagen sich schwärmend in den Armen. Auch ein bisschen traurig, dass dann mit dem letzten Knall nur noch der etwas beschwerliche Nachhauseweg bliebt.

Langsam trotteten meine Tanztruppe und ich vom Gelände, winkten den Kränen zum Abschied zu, bevor wir noch einen Abstecher auf den Sleepless Floor machten, denn dort begrüßte Ellen Allien alle, für die die Party nie wirklich zu Ende geht.

 

Die Spotify-Playlist zum Nachhören (inclusive Zeltplatz-Hits von SXTN und Großstadtgeflüster) gibt es hier.

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Nina Behrendt Verfasst von:

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