The Hunger Games

Vom Leben und Überleben in einer Großstadt, in der ein Bier zehn Euro kostet – Gastautorin Clara war für uns in Oslo unterwegs.

Die Straßen sind weit und offen, die Schaufenster glitzern und leuchten mit Neonschildern der neuesten Angebote, schöne Menschen schlendern umher, einen Latte to go vom Espresso House in der Hand. Kaffeekonsum ist einer der Grundpfeiler des Norwegischseins. Mindestens fünf Tassen am Tag schlürft der durchschnittliche Norweger. Ich ziehe weiter unter Regenbogenflaggen, die im Wind wehen. Buntes Popcorn wird verteilt. Prideweek in Oslo – eines der größten Spektakel der LGBT Gemeinschaft in Skandinavien. Fischgeruch liegt in der Luft, Kopfsteinpflaster unter den Füßen, italienische Ballustraden umrahmen einen Springbrunnen. Vor mir eine Traube von Menschen. Eher eine Schlange. Man steht an. Natürlich in Reih und Glied. Ohne zu zögern, gehe ich der Sache auf den Grund: Heute ist zufällig Tapasday und damit gibt es Tapas und kleine Schlucke spanischen Bieres umsonst. Zielstrebig stelle ich mich hinten an. Natürlich nicht nur einmal.

In Oslo zu überleben kann so einfach sein – folge dem Gratisessen. Genaue Strategien sind schon schwieriger auszumachen und bleiben dem Großteil der Menschen verborgen. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Bequemlichkeit.

Doch jegliche Studierendengruppen und -organisation haben den Trend erkannt. Egal welches Event, egal welches Thema, mit Gratisessen werben zieht immer. Facebook als treuer Begleiter, um den Überblick der potentiellen Tagesaktivitäten zu behalten. Langweilige Einführungsveranstaltungen versprechen also Pizza für alle. Das Versprechen lockt an und führt zu einem archachischen Kampf auf Gedeih und Verderb. Futterneid at its purest.

Oslo / Clara
Kontraste in der norwegischen Hauptstadt: Prunk am Nationalfeiertag auf der einen Seite, alternatives Pflaster auf der anderen.

Für die hiesigen Verhältnisse stehen die Preise eher in Relation. Mit einem Mindestlohn von 150 NOK (Norwegischen Kronen) pro Stunde und damit ca. 18€ kann man sich vielleicht tatsächlich die Packung Käse für 5 Euro leisten. Während das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland knapp 40.000 beträgt, tummeln sich die Norweger an der Spitze der Liste mit rund 90.000€.

Wer jedoch ohne norwegisches Einkommen leben muss, braucht Alternativen. Und mit dem richtigen Blick lassen sich diese auch finden. Im Neukölln Oslos, namens Grønland, gibt es beispielsweise einen Supermarkt. Um nicht zu sagen, DEN Supermarkt. Ob Yams, Fufu, Okra oder Ayran – hier lässt sich alles finden, von jenen Produkten aus deutsch-türkischen Supermärkten, deren Etikette auch nicht weiter übersetzt werden, zu einen Überfluss an verschiedenstem Obst und Gemüse und Familienjahrespackungen Reis. Der Verkauf findet in erster Linie draußen statt. Unter den wachenden Augen von ungefähr sechs jungen Männern, begeben sich die Käufer_innen in den Kampf gegen Ellenbogen, Einkaufstrollis und herabfallende Früchte. Unter dem Gewicht der schweren Tüten zusammenbrechend, lässt es sich immer noch lächeln. Schließlich konnte im Vergleich zu Einkäufen bei herkömmlichen Supermarktketten mindestens 70% gespart werden.

Ober eben: Containern. Noch nicht ganz so illegalisiert wie in Deutschland, sind die Müllcontainer der Supermärkte frei zugänglich. Also zumindestens nicht abgesperrt oder eingegittert. Oslos 600.000 Einwohner_innen verdienen größtenteils wohl gut genug. Der Ansturm hält sich auf jeden Fall in Grenzen. Und so müssen auch keine strikteren Maßnahmen getroffen werden.

Generell ist Secondhand erstaunlich preiswert. Ob Wollpullis, antike Möbel oder Ledertaschen – alles sehr erschwinglich. Wert legt man eher auf das Neuste vom Neusten. So auch beim Essen. Ein gefundenes Fressen für nächtliche Suchende. Die letzten Wochen ernährten wir uns vom leckersten Brot Norwegens. Eine Biobäckerei, in die wir uns sonst gar nicht hereingetraut hätten, stellte es bereit. Mehr oder weniger freiwillig.

Oslo / Clara
Endlich günstig speisen: Flâneurin Clara auf dem Weg ins Café Blitz.

Auch im offizielleren Rahmen wird die Verschwendung von Essen problematisiert. So gibt es an der Uni eine kleine alternative Mensa. Hier werden ablaufenden Produkte verarbeitet und zum geringen Preis verkauft. Der Andrang ist groß. Kurz nach 12 Uhr Mittags schon ein leergefegter Ort. Einziges Problem: Täglich steht Fleisch auf dem Menü. Sicherlich ist gerade die Wegwerfmentalität bei Fleischwaren erschreckend, doch das Vegetarier- oder Veganerherz guckt in die Röhre.

Doch auch dafür lässt sich in Oslo Abhilfe finden. Der Weg führt zum Kampf gegen das System mit erhobenen Fäusten und Parolen an den Wänden. Der Ort, wo es am leckersten schmeckt ist antifaschistisch und linksradikal. Das Café Blitz hat jeden Wochentag geöffnet mit veganen und vegetarischen Sandwiches und Snacks und einer veganen warmen Mahlzeit. Die Räume schwarz, die Luft voll Rauch und auf den Stühlen Menschen aller Couleur. Junge Mädchen mit Hunden, alte Herren mit Dreads. Vorsichtig wage ich mich beim ersten Besuch durch die Tür. Ich werde direkt willkommen geheißen und bestelle zwei der belegten Brote und Tee. 20 NOK, bitte. Für den Tee? Nein, für alles. Ich kann es gar nicht fassen. Nur gerade mal einen Euro für ein Brot? Das entspricht in Oslo quasi einem Gratisessen.

Mit all dem Eingesparten kann selbst ich mich, als arme Studentin, ab und zu dem Schlemmerluxus hingeben. Was sage ich Luxus – die norwegische Lebensrealität natürlich. Ein Crêpe mit weißer Schokolade, Banane und Erdbeeren. Klingt edel und kostet auch so: Stolze 13,50 €.

Den Magen in nordischen Gefilden zu füllen ist also eine Kunst für sich, zwischen hoher Freude über Schnäppchen und seelischen Abgründen beim Alkoholeinkauf. Und als ich so wanderte durch das weite Tal, fast 6 Monate Überleben in Oslo im Gepäck, begegnete ich einem alten Mann am Straßenrand. Fast blind verkaufte dieser kleine Pins. Ich betrachte das Angebot. Und mein Blick fiel zielstrebig auf diesen: „Norway is a little bit expensive“. Wie wahr.

 

Merken

Share Button
GastautorIn Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.