Alltag, du Sau (15): Hateparade

Eigentlich ist es ja schon etwas spät für diese Anmerkungen. Und natürlich geschehen gerade jetzt sehr viel wichtigere Dinge, über die es sich wirklich aufzuregen lohnt. Aber: Ich pule mir noch immer kleine Glitzerherzen aus den Schuhsohlen. Sechs Tage danach. Nach dem Schlagermove.

Schon Wochen vorher bitten die Stadt und Veranstalter uns Anwohner per Flyer im Treppenhaus um Verständnis hinsichtlich der Unannehmlichkeiten, die da auf uns zukommen würden. Dabei geht es vor allem um die Verkehrslage und die Abfallentsorgung. Also um Straßensperren und Unmengen an Plastikbechern, Girlanden und Konfetti. Nicht den peinlich (un)berührten Koitusversuch im Hinterhof oder den akustischen Müll, der über den Kiez wabert. Am Vorabend der Massenbewegung künden unzählige Dixieklos auf der Reeperbahn und in den Seitenstraßen von dem bevorstehenden Andrang. Die Urinschwaden, die mir am Mittag danach noch aus den U- und S-Bahnschächten entgegenwehen, lassen jedoch vermuten, dass viele der Prilblumen-Kinder einfach woanders laufen ließen. Solange ich nicht meine Hände darin bade.

Freunde aus der Nachbarschaft sind vorsorglich in andere Stadtteile geflüchtet. Das kann ich aufgrund terminlicher Verpflichtungen leider nicht. Zumindest nicht gleich. Mit Schrecken erinnere ich mich an das Vorjahr: Als ich nichtsahnend aus dem Urlaub kam und mich plötzlich inmitten der bonbonbunten Menge wiederfand. Da hatte ich zwei Wochen auf Mallorca verbracht und mit dem Ballermann so viele Berührungspunkte gehabt wie der Schlagermove mit gutem Geschmack – und dann hatte ich den ganzen Bums tausendfach potenziert vor der Haustür. Zynismus ist ein Arschloch.

Möge bitte mal jemand versuchen, an solch einem Tag „nur eben schnell das Nötigste“ einzukaufen. In den nahegelegenen Einkaufsmärkten verstopfen die Polyester-Party-People die Gänge und brüllen dir auf ihrer Suche nach billigem Dosenbier und Wodka-Energy Textzeilen von Costa Cordalis, Tony Marshall oder Chris Roberts ins Ohr. Es ist, als würden 36.000 Junggesellenabschiede auf einmal gefeiert. Hölle, Hölle, Hölle, Hölle!

„Von allen Großveranstaltungen ist der Schlagermove die Schlimmste. Auch was den Alkoholkonsum angeht.“ Eine Frau unterhält sich mit einer Freundin. Sie hat ja so was von recht. Beide sind im besten Rock’n’Roll-Alter. Es ist mittags, kurz nach zwölf. Wenige Meter weiter utzt eine Discoversion von Heinos blauem Enzian aus den Boxen vor dem Reisebüro.

Kurze Zeit später bin ich im Grindelviertel unterwegs, etwa zweieinhalb Kilometer vom Bad-Taste-Epizentrum entfernt. Doch selbst dort stolpern mir grölende Kasper in goldenen Glitzerhemden und grellgrünen Dauerwellen auf Plateauschuhen entgegen. Die Frauen tragen die Fernsehtestbildtapeten meines Elternhauses als Kleider auf.

Nun lässt sich über Geschmack nicht streiten – egal ob er gut ist oder schlecht. Oder so richtig beschissen. Aber gegen den Schlagermove ist der Hafengeburtstag eine kuschelige Babyparty. Und Karneval das Winterfest der Hochkultur. Kann man dort mit etwas gutem Willen noch auf die historische Bedeutung, einen traditionellen politischen Anspruch oder vielleicht sogar eine gewisse Individualität bei der Maskerade verweisen, dreht sich die unsägliche Plastikparty nur um die Auflösungserscheinung des Einzelnen in der dichten Masse. Gleichschaltung in der Synthetikschlaghose. Eine Uniformität, die mir widerstrebt. Von beseelter Liebe ist jedenfalls nicht viel zu spüren.

Ein Grundrauschen ist man als Kiezbewohner ja gewohnt – das monotone Dröhnen der Bässe, Gejohle, das Klirren von Flaschen. Es gibt allerdings Tage, an denen man nur noch ein weiteres „Hossa!“ davon entfernt ist, aus dem Fenster zu springen. Dieser ist so einer. Die Termine sind abgehakt. Nichts wie weg.

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Sven Wiebeck Verfasst von:

Ein Kommentar

  1. mike
    6. September 2017
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    haha. armer sven. great read tho!

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