„Välkommen till din Utopi“ – “Willkommen in der Utopie“

Some say feminism has gone too far. We say, feminism hasn’t gone far enough and it’s time to go further! – diese kämpferische Ansage hatte sich in diesem Jahre das Feministischen Festivals in Malmö zum Programm genommen. In Abgrenzung zu einer feministischen Konferenz wie dem „Nordisk Forum“, welches 2014 parallel debütierte und einen sehr akademischen Ansatz vertrat, setzt das „Feministisk Festival“ einen Schwerpunkt in Aktivismus und „street-level Feminismus“. Dabei sollte vom 10. bis 12. Juni Theorie mit anwendbarer Praxis ausgetauscht, diskutiert und etabliert werden.
Der Plan ist aufgegangen, unzählige Freiwillige haben auch in diesem Jahr Malmö zu einem weiteren gut besuchten, feministischen Event verholfen. Der kostenlose Eintritt zieht.

feministisk_festival_logoIch erfahre mehr über die Akteure des Festivals, als ich Maja kennenlerne, die sich ihm aus voller Überzeugung widmet. Sie ist 26 und hat Politikwissenschaften studiert, nun ist sie bei der Stadt Malmö mit einem 40-Stunden-Job angestellt. Ihre Aufgaben bestehen unter anderem darin, eine der Anlaufstellen für Immigrant_innen zu leiten und zwischen den rechtlichen Grundlagen und den persönlichen Bedürfnissen der Einzelnen zu vermitteln; Wege und Lösungen zwischen Gesetz und Gefühl zu finden. Ein beanspruchender Job, wie sie ihn beschreibt. Aber damit nicht genug! Neben einem achtstündigen Arbeitstag engagiert sie sich schon im zweiten Jahr ehrenamtlich für feministische Initiativen der Stadt Malmö und Umgebung, so auch in diesem Jahr für das „Feministisk Festival“. Ein Engagement, das beeindruckt.

Maja erklärt mir auch, warum die Informationen auf der Website mit dem Willkommengruß ”Välkommen till världens bästa festival!“ (zu deutsch: „Willkommen zum besten Festival der Welt!“) in englischer Sprache eher spärlich gehalten sind: “There haven’t been so many international visitors yet.“ Etwas, dass sich schnell ändern wird. Während der Festivaltage laden die Initiator_innen des „Malmö Feministisk Nätverks“ an drei Orten in Triangeln, einem der Innenstadtbezirke Malmös, zu diversen Veranstaltungen ein. „It’s an event which is not tied to any political party or specific group. It aims to be an inclusive and intersectional environment for everyone interested in feminism“, beschreibt Maja. Film-Screenings, Podiumsdiskussionen, Vorträge, Buchveröffentlichungen, Workshops und Performances zu sowohl queer-feministischen, als auch ökonomischen und aktivistischen Themen finden statt. Einer der Veranstaltungsorte ist das Panora – ein stadtbekanntes Arthouse-Kino – in dessen Foyer sich lokale Initiativen vorstellen. Unter anderem macht dort das TFN („Team Feminint Nätverk“) auf sich aufmerksam, welches sich schwedenweit für Opfer häuslicher Gewalt einsetzt. Direkt nebenan trifft sich die Gruppe FPH („Förenande Progressivt Hantverk“ – „Vereinigung Progressives Handwerk“) mit ihren Workshopteilnehmer_innen, um über das Handwerken als feministische Praxis zu diskutieren und selbst mit Nadel und Faden aktiv zu werden.

Foto: Luisa Puschendorf
Foto: courtesy of Feministisk Festival Malmö

Bei einem im Foyer stattfindenden veganen Frühstück, organisiert von der Initiative „Lesbisk Frukost“, darf ebenso diskutiert werden: Die Aktivist_innengruppe erzählt, dass sie in mehreren schwedischen Städten regelmäßig zu Zusammenkünften einlädt, denen sie bestimmte queere Themen voranstellt. Im Falle des „Feministisk Festivals“  ist das Thema “Aktivismus”: „An welchen Fronten muss ich kämpfen? Was kann ich tun?“

In einem der Veranstaltungsräume findet parallel das Filmscreening „Radikal Queerkonst“ statt, dazu der österreichische Beitrag „Femme Brutal“ von Liesa Kovacs & Nick Prokesch über die Wiener Performance-Gruppe „Club Burlesque Brutal“. Die Protagonistinnen lassen in den Interviews und dokumentarischen Performance-Mitschnitten die Zuschauer_innen Anteil nehmen an ihrer queer-feministischen Arbeit und geben sehr private Einblicke in ihren eigenen Werdegang, das Suchen und Finden von Identitäten, das Ausprobieren und Emanzipieren und die Arbeit mit Sexualität, Körperlichkeit und Begehren auf der Bühne. „Let me live…Let me live…This is my life!“ von Shirley Bassey, welches in einem Performancemitschnitt als Untermalung dient, klingt mir noch lange in den Ohren.
Das Film-Screening bietet noch einige weitere interessante Filme, so zum Beispiel die türkische Produktion „Bakur (North)“ von Çayan Demirel und Ertuğrul Mavioğlu. Die Regisseure gewähren den Zuschauer_innen Einblicke in die Arbeits- und Lebensweise der PKK Guerillas, die seit 40 Jahren in den zwar unerklärten, aber manifesten Kriegszuständen im Norden und Süden Kurdistans ausharren und für ihre Rechte kämpfen. Auf dem dokumentarischen Weg durch die Camps werden Menschen vorgestellt, die sich dazu entschieden haben dem bewaffneten Widerstand beizutreten. Es werden persönliche Geschichten erzählt, Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft benannt. Die Filmemacher selbst sagen: „‚Bakur'[…] invites (the audience) to view the PKK from a completely new perspective.“

Foto: Luisa Puschendorf
Foto: courtesy of Feministisk Festival Malmö

Im Stadsarkivet und dem Inkost, den beiden weiteren Veranstaltungsräumen, finden derweil Diskussionen und Gesprächsrunden unter anderem zu den Themen Alltagsrassismus, Eurozentrismus, Selbstverteidigung, Geschlechterkampf, Machtstruktur, Stellung der Frau in arabischen Kulturen, Transgender, Solidarität sowie BDSM als feministische Praxis statt. Auch die ökonomischen Themen sind nicht zu kurz gekommen, so wurde in einem ausgiebigen Vortrag über die Vorteile eines Sechs-Stunden-Arbeitstages referiert, welcher in einigen Firmen Schwedens bereits praktiziert wird. „It’s not a national standard, especially in the care sector like hospitals and elderly-care facilities the six-hour-work-day has been introduced. It’s been mostly positive reactions as the people have more time for their personal activities which in turn has a positive effect on the working atmosphere and the satisfaction of the customers. But most decision makers do not advocate for this issue. So it will take a long time, if ever, it’s national standard“, fasst Maja zusammen, da dieser Vortrag in schwedischer Sprache stattfindet.

Foto: Luisa Puschendorf
Foto: courtesy of Feministisk Festial Malmö

Auffallend ist der integrative Ansatz des Festivals und der freundliche Umgang miteinander. In Nachbesprechungen werden Meinungen ausgiebig diskutiert, Interessenten werden mit eingebunden. Die Veranstaltungen sind in schwedischer, einige auch in arabischer Sprache, einige Filme haben englische Sprache oder Untertitel.Thematisch hat das Festivalprogramm in jedem Fall für alle Nationalitäten und queeren Communities etwas zu bieten! Und das Feministische Netzwerk proklamiert auf einer seiner Internetseiten den Wunsch nach universaler Cooperation und Etablierung eines „European Feminist Forum“: „Could there be a common international feminist agenda? What could be the first step?“ Wenn das mal keine Einladung zu einer gemeinsamen Solidaritätsbewegung ist! Es wird also spannend bleiben, was sich in den nächsten Jahren aus dem Festival und den einzelnen Initiativen ergibt.

„It’s time that we let the world know / Bitch ya vag look like Janet Reno / Awkwafina’s a genius / And her vagina is 50 times better than a penis“
(„My vag“ von Awkwafina)

Nach einem intensiven Festivaltag treffen sich alle in entspannter Atmosphäre zur Party im Inkost. Mehrere DJanes und Performer_innen auf zwei verschiedenen Floors bieten gute Musik um die ernsten Themen abzuschütteln und die „political correctness“ für ein paar Momente zu vergessen. Bis dann am nächsten Morgen das Festivalprogramm weitergeht!

Wer zumindest einen der Akteure des Feministisk Festival live sehen möchte, um letztendlich Lust auf das volle Programm zu bekommen: Der „Club Burlesque Brutal“ geht demnächst auf Tour und ist im November in Berlin.

Share Button
GastautorIn Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.