Stilmittel Anti-Style

Lange habe ich mich nicht mehr so sehr auf ein Debütalbum gefreut wie auf das der Bosco Rogers. Zuletzt vermutlich bei Chvrches. Das schottische Trio hatte mein Interesse mit der Recover-EP geweckt. Bei den Bosco Rogers waren es gleich zwei Extended Player: 2014 landete Googoo unerwartet in meinem Briefkasten, wenige Monate später folgte mit French Kiss das nächste Kleinod, mit dem das französisch-britische Duo die Erwartungen an den ersten Langspieler noch steigerte.

Barthélémy Corbelet und Delphinius Vargas trafen sich in einer Londoner Bar, als beide gerade an Projekten mit Andy Ross, dem früheren Chef von Food Records (Blur, Idlewild), arbeiteten. In der Folgezeit pendelten die Musiker zwischen Hastings und Rouen, wo sie selber Tonstudios betreiben. Ihre ersten gemeinsamen Songs entstanden aber in dem 800-Seelen-Ort Bosc-Roger-sur-Buchy in der Normandie. Na, klingelt’s?

Ganz schön bunt: Auf zwei EPs folgt nun mit Post Exotic das Debütalbum. (Copyright: Bleepmachine)
Ganz schön bunt: Auf zwei EPs folgt nun mit Post Exotic das Debütalbum. (Copyright: Bleepmachine)

„These kids all look the same / All the songs on the radio sound kinda tame“, singen Corbelet und Vargas in Drinking for Two. Nun erfinden Bosco Rogers die Musik wahrlich nicht neu. Vielmehr konservieren, kombinieren und zelebrieren sie Sounds der 60er und 70er. Das aber auf eine großartig ungezügelte Art. In ihren kaleidoskopartigen Videos spacken sie vor dem Greenscreen rum; die Frisur von Liam Gallagher, das Hemd von Magnum, die zweifarbige Plastiksonnenbrille vom Platja de Palma. Irgendwie logisch, dass sich ihre charmant unverkopften Texte da nicht um Weltpolitik oder Gesellschaftskritik drehen, sondern um Liebe und Disconächte.

Eingängige Melodien verweben sie mit psychedelischen Beatklängen, Surf-Pop und Garage-Rock. Zu jeder locker-leichten Akustikklampfe gesellt sich irgendwann eine sägende E-Gitarre. Neben dem Fuzz-Pedal setzen immer wieder Sci-Fi-Synthies und Chöre ein. Es wird viel geklatscht und sogar gepfiffen. Letzteres ist seit Wind of Change ja eigentlich verboten, aber was soll’s. Solange die Drums derart angenehm scheppern.

Glücklicherweise hat sich das Duo den ungeschliffenen Lo-Fi-Charme der beiden Vorboten auf Post Exotic erhalten und die 13 Songs während der Produktion nicht glatt poliert. Auch wenn einige der acht neuen Tracks etwas atmosphärischer und stärker von elektronischen Klangspielereien geprägt sind, vor allem auf der zweiten Hälfte des Albums. So wie die erste Single True Romance. Diese hat tatsächlich die massenradiokompatibelste Hookline und mit 3:07 Minuten die längste Spieldauer aller Stücke.

Buttercup ist ein 1:40-minütiger Bastard, den die Beach Boys nie geschrieben haben. Zu dem groovenden The Middle möchte man, die Hände in den Taschen der engen Jeans, durch London, Paris oder San Francisco schlendern. French Kiss könnte den Soundtrack zu einer wahnwitzigen Klopperei im nächsten Film von Guy Ritchie oder Quentin Tarantino liefern. Und zu In Stereo sollte man in der Indiedisco einfach nur Kopf, Arme und Popo schütteln. „Be silly, have fun, dance like a fool!“

Erwartungen erfüllt.

Bosco Rogers / Post Exotic / 8. Juli 2016 / Bleepmachine

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Sven Wiebeck Verfasst von:

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