Barcelona Uno: Tourist Go Home

„Tourist Go Home“ – dieses als Graffiti gesprühte Zitat begrüßt mich bei meinem ersten Gang durch’s Viertel El Raval, welches zusammen mit El Borne und dem Barri Gotic die Altstadt von Barcelona bildet. Getrennt werden sie durch die Party-Proleten-Meile La Rambla. Getrennt werde ich von der Stadt durch meinen Status. Tourist, der: nerviger Mensch, steht immer im Weg, unterstützt den Ausverkauf der Stadt, bringt aber leider auch Kohle.

Ich kann dieses Vorurteil verstehen. Ich weiß nichts über aktuelle Diskussionen in der Stadt, über die Entwicklung, ja, auch über Gentrifizierung. Bin ich gerade ein Teil davon? Wohnte vor mir jahrelang eine kleine Familie in dem Apartment? Hat man heutzutage als Tourist mehr Verantwortung als sich nur die Frage zu stellen, wo es eine gute Paella zu essen gibt? Aber ich weiß um die Müdigkeit, die all das Nachdenken, Nachhaken und Nachforschen hinterlässt – und welches Misstrauen es säen kann. Drum nehme ich mir nur eines vor: Meinen Aufenthalt hier bewusst zu genießen und dankbar zu sein für die Möglichkeit, nicht nur das PrimaveraSound, sondern gleich eine ganze Stadt erkunden zu können.

IMG_20160604_150626

Am nächsten Tag heißt es Schritt für Schritt durch die Gassen der Stadt, Stufen raus, Stufen runter. Und je weiter ich komme, desto mehr merke ich, welch verzerrtes Bild ich bisher von Barcelona hatte. In meiner Fantasie war der Platz vor der Sagrada Familia riesengroß und überschattet von noch riesigeren Türmen. Viel falscher konnte ich gar nicht sein. Alles ist muckelig klein, konzentrierte Schönheit. Das Herumstromern lohnt sich, denn egal ob in den verwinkelten Gassen der Altstadt oder den schachbrettig angelegten Vierteln außerhalb, überall finden sich ältere Gebäude oder kleine Besonderheiten, die den Blick einfangen. Wie am Plaza de Mossèn Jacint Verdaguer, wo eine riesige Eule vom Dach grüßt – „the owls are not what they seem“.

IMG_20160605_170358

Und wenn es mal weniger zu sehen gibt, bleibt der Blick an den vielen Palmen und Grünpflanzen hängen, die nicht nur die Straßen der Stadt zieren, sondern auch die Balkone – zusammen mit aufgehängter oder zweckentfremdeter Wäsche:

IMG_20160605_142902

Ich muss an den Berliner Tauentzien denken, auf dessen Mittelstreifen aus Kostengründen eine sehr niedrige, pflegeleichte und nach Grabgesteck aussehende Bepflanzung ausgewählt wurde. Preußisch-praktisch, es könnte ja sonst schön aussehen. Ja, es kommt mir vor, als hätten die Menschen in Barcelona einfach mehr Bock auf ihre Stadt. Es ist nicht nur klimatisch begründet, dass die Nächte hier gerne im Freien verbracht werden – es ist schlicht sehr, sehr schön, den Abend und die Nacht in Barcelona draußen zu verbringen. Das Leben hier fühlt sich wärmer an, positiver. Es gibt Luft an den Kreuzungen, Bänke die von Grün umgeben sind und nicht wahllos an eine Hauptstraße gepackt wurden; und große Einkerbungen in sonst sterile Häuserreihen, durch die Platz gemacht wird für Spielplätze und Leben und Farbe.

IMG_20160603_114119

Drum macht in Barcelona selbst das verpönte Sightseeing-Bus-Fahren Spaß, denn es bringt einen nicht weg vom Leben, sondern nur näher ran. Ganz oben ohne Dach, näher an den Balkonen und Bäumen, der Blick der Straße folgend die bis ans Meer führt, diese Aussicht verschafft Respekt. In Gedanken rase ich schon mit einem Fahrrad runter bis zur Promenade. Kündigt sich da der nächste Besuch an?

IMG_20160605_155643

Selbst ohne Rad: Wenn einen die vielen Straßen und Wege hinab zum Wasser geführt haben und Palmen ihre Schatten über gelben Sandstrand tanzen lassen, der Blick über hellblaues Wasser zieht und sich an einem Fischerboot festsaugt – wie kann solch ein Anblick nichts in einem auslösen und Dankbarkeit für so viel Schönes auslösen? Und spätestens in diesem Moment lohnt sich ein Trip, so kurz er auch sein mag. Wenn er eine Wirkung hat, die über den Moment hinausgeht. Ich sitze lächelnd vor’m Laptop.

In wenigen Tagen folgt „Barcelona Dos“ von Michael, Teil 2 unserer Mini-Barcelona-Reihe. Wie erlebte er Stadt, Menschen und Meer?

Copyright aller Fotos: Enrico Seligmann

Share Button
Enrico Seligmann Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.