Fackeln im Sturm, Gorki-style.

Letztes Wochenende feierte die Romanadaption „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ von Isaac Bashevis Singer im Maxim Gorki Theater seine Premiere. Regie führte Yael Ronen. Es gab Sex, Lügen und Akkordeonmusik.

Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)
Foto: Esra Rotthoff (courtesy Gorki Theater)

Fackeln im Sturm, Gorki-style.

Im New York von 1949 zeichnet das Stück die Liebeswirrungen vier jüdisch-deutscher Neu-Amerikaner nach. Herman (Aleksander Radenković) spielt „Bäumchen wechsle dich“ zwischen seiner ehemaligen polnischen Haushälterin – nun Ehefrau – Yadwiga (Orit Nahmias), die sich weder traut ein Telefon zu bedienen, noch mit der Bahn zu fahren; seiner von den Toten auferstandenen Ehefrau Tamara (Çiğdem Teke), die er eigentlich einem Erschießungskommando zum Opfer gefallen glaubte, und seiner Geliebten Masha (Lea Draeger). Ebenfalls geschunden von Kriegsverbrechen und knapp dem Tod im KZ entronnen, schwankt sie, eifersüchtig auf Hermans andere Frauen und bevorzugt schreiend, zwischen Leidenschaft und Abscheu.

Klingt nach Melodram, in dem alle weiblichen Rollen hilflos Kreise um die männliche Hauptrolle drehen, ist auch so. Herman spurtet zwischen den Appartements der zumeist leicht bekleideten Damen hin und her und versucht den Schaden an seiner Person einzudämmen. So leuchtete mir nach einer halben Stunde ein, dass die Entscheidung, die Herman zu treffen hat, wohl oder übel das einzige zu verhandelnde Thema des Abends sein würde und ich konnte mich zurücklehnen und die Show genießen.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Stahlgerüste und Spitzenvorhänge

Denn abgesehen von der inhaltlichen Sackgasse ist der Abend in seinen Momentaufnahmen durchaus unterhaltsam und atmosphärisch. Auch die Schauspieler*innen nehmen den Plot sportlich und mit Liebe zu kleinen Gesten. Die maßgeschneiderten eleganten Kleider und hochgesteckten Lockenfrisuren, wehende Trenchcoats und ein tief ins Gesicht gezogener Hut, Herman immer unterwegs mit einer ledernen Reisetasche voller Wechselhemden und halbfertiger Schriftstücke. Auf der Bühne entstehen aus Stahlkonstruktionen und Podesten ineinander verschachtelte Räume. Jede der drei Frauen ist auf einer Ecke oder einem Podest eingerichtet, mit Bett, Wäscheleinen, einem Küchentisch. Herman muss ja schließlich in jeder Wohnsituation Essen serviert bekommen und Sex haben können. Vereinzelt pastellige Holzmöbel, weiße Spitzenvorhänge, ein silberner Wasserhahn blitzt aus einer Ecke hervor. Diese Mischung aus zarten Farben und Stoffen mit dem Stahlgerüst und den schwarzen Steinwänden der Bühne setzt ein interessantes visuelles Zitat auf das Setting New York.

Eine Reling führt knapp unter der Decke entlang. Aus deren sechs Metern Höhe – spoiler alert – Herman gegen Ende überwältigt von Verzweiflung und ziemlich eindrucksvoll herunterkotzt. Einer der Momente, die mir wegen des spielerischen Umgangs mit dem Raum besonders im Gedächtnis hängen blieb. Bis in die hintersten halbschattigen Winkel der Bühne kann man blicken, es werden alienartige Schemen von Frauen- und Männerkörper projiziert, zwei Mädchen schaukeln, Hände fliegen über die Körper auf der Bühne.

Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO (courtesy Gorki Theater)

Rettende Musik

Umspielt und kommentiert werden die Ereignisse von der dreiköpfigen Band. Und an dieser Stelle ziehe ich meinen Hut, denn das war zauberhaft. Eine gesangliche Mischung aus Jiddisch, Englisch und Deutsch – unterlegt von mal leichten Akkordeontönen, mal anwachsend zu einer wilden FreeJazz-Session. Die Band „The Painted Bird“, in Form von Sänger und Instrumentalist Daniel Kahn, dem Schlagzeuger Hampus Melin und Musiker Christian Dawid, geben dem Abend rhythmische Kraft und pointierte Leichtigkeit, die das Publikum dankbar annimmt.

Und auch die Musiker positionieren sich auf den Podesten und fügen sich in das Bild ein, Kahn wandert mit Sprechgesang und dem Akkordeon um den Bauch geschnallt über die Bühne, Dawids Beine baumeln beim Saxophon spielen im Halbdunkeln.

So fängt sich der Abend zwischen lauten Ansprachen, Liebes-und Hassbekundungen ab und zu in amüsanten und zarten Momenten selbst auf. Und wenn Sätze wie „Gott ist ein Nazi.“ und „Warum soll ich noch einmal Kinder wollen? Damit die Nazis wieder welche zum Verbrennen haben?“ fallen, schrickt meine Sitzreihe kollektiv zusammen.

In der letzten Szene taucht dann kurz doch noch ein Hoffnungsschimmer der Emanzipation auf. Die Zurückgelassenen raufen sich zusammen. Endlich ein bisschen Vernunft, auch wenn dieser kleine Moment dem bitteren Nachgeschmack von antiquierten Geschlechterrollen in erzählerischen Flachgewässern nicht aufheben kann. Prädikat: Problematisch, aber schön verpackt.

Die nächsten Vorstellungen von „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ finden am 04.04. und 07.04.2016 statt, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es hier und unter 030 – 20221-11.

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Nina Behrendt Verfasst von:

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