#instagram – auf drei Bilder mit berlintensiv

Selbstverliebte Selfies, haufenweise Hashtags und das Streben nach Likes – Instagram kann mehr als nur oberflächliche Selbstdarstellung. Wir stellen euch in unserer Reihe „#instagram – auf drei Bilder mit…“ besondere Perspektiven auf die Bildersammlungsplattform vor. Los geht es mit berlintensiv.

Morgendlicher Kaffeeduft, das laute Zischen von Wasserdampf, Menschen trippeln ungeduldig auf der Stelle. In der Schlange tippt Benedikt J. Feldmann auf seinem Handy. Es erscheinen große weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: „Latte mit Sojamilch“. Er ist an der Reihe, streckt sein Smartphone dem jungen bärtigen Hipstermann hinter der Theke entgegen und lächelt. Langsam füllt sich das Café in Berlin-Mitte mit verschlafenem Gemurmel, zwischen Holzgestellen und Designerstühlen nimmt Benedikt Platz. Seine großen braunen Augen strahlen. Er trägt millimeterkurze Haare und Nasenpiercing, trinkt zum Latte eine Limonade. Besonders die Inneneinrichtung habe es ihm angetan und die Kleinigkeiten, wie die Wahl der Schriftart des Logos, Helvetica, geradlinig und ohne Serifen. Benedikt pflegt eine Vorliebe für klare Linien, für geordnete Ästhetik.

Das Visuelle hat einen ganz besonderen Stellenwert für ihn: „Da ich taub bin, nehme ich vieles visuell wahr, was hörende Menschen eher akustisch begreifen. Blaulicht, Schatten, Bewegungen um mich herum – all das. Ob ich daher besser fotografieren kann, glaube ich aber nicht.“ Eilig löffelt er seinen Milchschaum.

Benedikts Suche nach Bildern bleibt nicht unbeachtet: Fast 58.000 Menschen folgen ihm über Instagram auf seinen Wegen durch die urbane Kultur, durch U-Bahn-Stationen und den Asphaltdschungel. Alles begann mit privaten Bildern, wann weiß er schon gar nicht mehr genau: „Irgendwann habe ich den Account berlintensiv ins Leben gerufen. Dort lade ich nur Bilder von Berlin hoch.“ Während er erzählt, leuchtet sein Handy – jedes Licht ein Like. Die Instagram-Gemeinde wächst stetig, hat zahlentechnisch bereits Twitter überholt und kann mittlerweile in Deutschland über neun Millionen Nutzer verzeichnen.

„Instagram hat meinen Blick auf die Stadt verändert. Wenn ich mich in irgendeiner Gegend aufhalte, nehme ich alles mit Instagram-Augen wahr. Wenn ich in eine neue Stadt fahre, finde ich vorher heraus, ob es dort Szenen gibt, die sich für gute Bilder eignen. Ich suche gezielt nach gentrifizierten Gegenden. Die können sehr spannend sein, auch wenn ihr Hintergrund oft eher tragisch ist,“ erklärt Benedikt und nimmt den letzten Schluck seines Kaffees.

Der 30-jährige tritt hinaus auf die Straße, in der Hand eine Postkarte, darauf ein Karomuster aus Fenstern und Beton, ein symmetrisches Abbild der Plattenbauromantik. Benedikt blickt sich um und eilt entschlossen los, mit knallrotem Rucksack auf dem Rücken und nach diesem einen Motiv suchend. Er streift durch die Straßen, blickt immer wieder nach oben den Linien der Hausfassaden folgend. Dann endlich: Um drei Ecken, dann erstreckt sich der große, beige Betonbau vor ihm. „Fassaden sind schon sehr typisch für meine Fotografie“, tippt er auf dem Handy, „ich mag die Struktur, alles muss geometrisch stimmen.“ Er öffnet sein Profil, um die Linien darin zu suchen. Mit dem Finger fährt Benedikt die Diagonalen nach, die sich über die einzelnen Bilder fortführen, von Straßenlaternen zu Häuserkanten und zurück. Dem flüchtigen Blick mancher Instagram-Nutzer mag diese Feinheit entgangen sein.


Hinter vielen der veröffentlichten Fotografien steckt eine Menge Arbeit. Perspektivische Verzerrungen können korrigiert, mit Filtern die perfekte Stimmung gezaubert und das fertige Bild mit einer Unmenge an Hashtags versehen werden. Alles nur, damit die Follower auf das rote Herz drücken, das Gefallen symbolisiert. „Likes haben schon eine psychologische Wirkung. Sie bedeuten Bestätigung und Anerkennung. Manche, die viele Selfies hochladen, wollen wissen, wie sie bei anderen Menschen ankommen, ob sie geliebt werden,“ meint Benedikt und schießt ein Foto von dem schrecklich schönen Gebäude.

Eisig zieht der Wind durch die sonnenbeschienenen Straßen als Benedikt zurück zur U-Bahn läuft. Im Vorbeigehen entdeckt er einen modernen, minimalistischen Bau mit großzügiger Glasfassade, ein Blick, ein paar Fingerübungen, ein Foto und weiter. Hinunter zum Bahnsteig.

Am anderen Ende des U-Bahn-Gleises steht eine Frau mit einer roten Mütze und starrt auf ihr Smartphone. Benedikt hebt sein Handy in ihre Richtung. Menschen zu fotografieren, sei am schwierigsten, meint er. Noch bevor sein schelmisches Grinsen sich gänzlich auf seinem Gesicht ausgebreitet hat, ist das Foto gemacht. Die Frau ahnt nicht, dass in einigen Minuten ihr digitales Abbild bei Instagram erscheint.

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Katharina Röben Verfasst von:

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