Pudel brennt

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Unverkäuflich. Der tolle Pudel. (Foto: Sven Wiebeck)

Am Hamburger Fischmarkt riecht es noch immer verbrannt. Vor den Stufen zum Oberstübchen liegt ein Feuerwehrschlauch. Trotz des Regens bleiben immer wieder Menschen stehen, um sich anzugucken, was das Feuer vom Golden Pudel Club übriggelassen hat. Einige sind extra hergekommen, ihre Gesichtsausdrücke schwanken zwischen Tristesse und Skepsis. Wer keinen Schirm dabei hat zieht sich die Wollmütze oder die Baseballkappe tiefer in die Stirn. Selbst einer Touristengruppe ist das halbverkohlte Haus einen langen Blick wert.

Falk
Im Pudel lernte ich, dass Gegenkultur nicht immer böse und muskulös daherkommen musste, sondern genauso gut spielerisch sein konnte, gut gekleidet, schillernd.
Wichtig war eigentlich immer nur das richtige Bewusstsein.
Der Pudel war der einzige Kulturort meiner Stadt, an dem ich mich nie bemühte, auf einer Gästeliste zu stehen, der einzige Ort, an dem ich immer den vollen Eintritt zahlte. Der nie hoch war, okay, das machte es einfacher, aber trotzdem: Hier war das wichtig.
Weswegen ist es eigentlich so, dass gerade Linke sich über kurz oder lang bis aufs Blut streiten, und immer geht es dann um billige, dumme Sachen wie Immobilien oder so? Und werden wir unsere kleine Netzheimat, Les Flâneurs, auch irgendwann einmal zwangsversteigern?
Geständnis: Ich mochte den Kuchen im Oberstübchen, Sonntagnachmittags, im Sommer.
Gibt es irgendjemand, der schon einmal im Pudel war, und sich nicht darüber aufgeregt hat, dass das mittlerweile lauter Touris sind, die hier tanzen?
Der Pudel war schon da, lange bevor ich nach Hamburg gezogen bin, der kann doch nicht so einfach ABBRENNEN.


Marcel
Mir persönlich hat der Pudel nie wirklich viel bedeutet. Ich war zweimal dort und es war beide Male schön. Für viele Menschen, auf die ich wert lege, hat der Club aber eine wirklich große Rolle gespielt. Als Freiraum, Parallelwelt oder als „Alternative zur Wertschöpfungskette einer fresssüchtigen Eventmaschine“, wie es der Verein für Gegenkultur gerade formuliert. Das finde ich toll und einen solchen Ort soll es auch in Zukunft geben. Ich muss aber auch sagen, dass mir diese ganze Pudelszene manchmal auch ein bisschen blasiert vorkommt. Als wäre die Buntheit, Offenheit und Ungezwungenheit mittlerweile ein bisschen mehr Masche als wirkliche Herzensangelegenheit. Als würden zu viele arrivierte Kunstschaffende Besitzansprüche stellen. Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht auch der schlichte Kern des gesamten Streits. Am Ende will ich jedenfalls einen Pudel, der für alle ist. Damit ich Lust habe, irgendwann noch ein drittes Mal hinzugehen. Falls das dann überhaupt noch möglich sein wird.

Asche, Staub, Regen.
Asche, Staub, Regen. (Foto: Sven Wiebeck)


Kathrin
Der Pudel war der erste Club in Hamburg, in dem ich getanzt habe. Es war eine wahnsinnige Nacht mit T.Raumschmiere, und ich blieb so lange, bis die Jugendherberge auf dem Stintfang wieder aufsperrte. Ich war damals also auch eine dieser Touristinnen, die da angeblich jetzt nur noch tanzten. Aber vielleicht hat der Club ja sogar dazu beigetragen, dass ich von der Touristin zur Hamburgerin wurde. Sicher, es gibt viele Leute, die öfter im Pudel waren als ich. Ich war einfach ein Indierockkind, und so waren es oft eher die kleinen, feinen und stets intimen Konzerte als das DJ-Programm, die mich in den Pudel geführt haben. Viel wichtiger als wie oft man da tanzte war ohnehin das ganze Drumherum. Die politische Haltung, die Diversität der Besucherinnen und der Gegenpol zu der Art von Club mit Türsteher, der nach Aussehen entscheidet, wer reindarf. Der Park Fiction wäre ohne Pudelkollektiv nicht da, unzählige Sommerabende haben wir da verbracht. Bier auf den Treppen zum Oberstübchen getrunken, das damals noch nicht das Oberstübchen war. Bei den Open Airs wunderschöne Sonntag verbracht. Es macht mich schon länger traurig, dass dieses Herz der Hamburger Clubkultur gespalten wurde. Und nun das Feuer. Was wird nur aus dieser Stadt ohne den zerzausten Pudel? Ich mag es mir nicht vorstellen. Nur hoffen, dass der Geist nicht mit der Hütte verloren geht.

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