Transitstädte

Meistens werden sie nicht unser Zuhause. Wie eine junge Beziehung sind sie plötzlich da als Lebensmittelpunkt, intensiv, haben aber den Abschied vom ersten Moment an als bitteren Bei- im süßen Erstgeschmack. Hier erzählen die Flâneure von Transitstädten – also jenen Städten, in denen wir nicht geboren sind, in denen wir aber für kürzere oder längere Perioden lebten, wichtige Zeit verbrachten, und von denen wir zwangsweise auch geprägt wurden. Letztlich stellen wir uns auch immer die Frage: Warum wurden sie nicht unsere Heimatstädte?

 

Michael

Geburtstadt: Wolfsburg (1982 bis 2002)
Transitstadt: Göttingen (2002 bis 2009)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2009)

Seit ich denken konnte, wollte ich aus dem kargen, seelenlosen, für mich frustrierenden Wolfsburg weg. Als meine Heimat sah ich den VW-Moloch nie, und vielleicht ist es auch ungesund, dass ich meine Wurzeln dort so sehr verteufle. Aber mit dem Umzug nach Göttingen, also etwa 130 Kilometer weiter hinunter ans Südende Niedersachsens zwecks des Studiums, kam für mich ein wichtiger Befreiungsschritt. Ich befand mich in einer mit rund 120 000 Einwohnern zwar genauso „kleinen“ Stadt wie zuvor, aber sie hatte Historie, ihre Menschen waren jung, es fühlte sich alles fast erhebend lebendig an. Ich war bis zu dem Punkt Bürobauten und fragwürdige Architektenkästen aus Glas und Stahl gewohnt; in Göttingen gab es Cafés, in denen man weltmännisch seinen Sencha trinken konnte, es gab Gassen voller Fachwerkhäuser zum darin spazieren, es gab vor allem aber mehr Regungen in den Gesichtern als die Müdigkeit vom Schichtdienst beim Autobauer und viel mehr als den Drang zum Absichern seines materiellen Besitzes. Für mich war die Zeit in Göttingen eine schöne, auch wenn sie von einigen Schwierigkeiten gekennzeichnet war. Von 2006 bis 2008 durchlebte ich eine schwere depressive Episode, zudem fand ich im Studium nie den Freundeskreis, wie man ihn verdammt noch mal zu finden hat, so quasi das Diktat des Universums. Ich umgab mich weiter mit den gewohnten Menschen aus der Geburtsstadt und hätte mir selbst in der Rückschau mehr Mut in dieser Phase gewünscht, die offenen Menschen, die ich kennenlernte, näher an mich heran zu lassen und zu binden. Trotzdem habe ich das nie der Stadt übel genommen und identifiziere Göttingen heute mit fast gar keinen negativen Erinnerungen mehr, auch wenn es eine harte Phase für mich war. Obwohl das Studium längst nicht dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte, pflegte ich dafür meine Hobbys in großer Intensität, baute meine Leidenschaft fürs Schreiben aus, fuhr dank zentraler Lage in Deutschland auf Konzerte nach Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Dresden und wo nicht noch überall hin. Seit Langem plane ich, endlich wieder in Göttingen gebliebene Freunde zu besuchen, ich war nun bald sieben Jahre nicht mehr dort. Vielleicht hätte das niedliche Städtchen meine Heimat werden können, ich hätte 2009 wohl nichts dagegen gehabt, aber das wäre sicher nichts für immer gewesen. Ich hätte in einer Universitätsstadt, die gekennzeichnet ist vom Hin-und-Wegziehen der Menschen, nie die Ruhe meines Heimathafens Hamburg gefunden. Kaum in der Hansestadt angekommen, bewegte sich wieder so massiv viel in meinem Leben – der weitere Schritt hinaus war wieder nötig. Letztlich war Göttingen eben doch zu klein, in Bezug auf die Möglichkeiten, weiter zu wachsen.

Falk

Geburtsstadt: Ulm (1972 bis 1992)
Transitstadt: Gießen (1993 bis 1998 und 1999 bis 2001)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2001)

Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan (https://www.flickr.com/photos/bumix2000/), verwendet unter CC-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/))
Gießen ist was für die ganz Harten. (Foto: Jan, verwendet unter CC-Lizenz)

Das ist so unoriginell. Gießen. Wir hatten alle unser Gießen, unsere Stadt, in die wir zogen, als wir unsere Geburtststadt verließen, unsere Geburtsstadt, die selbst keine Metropole war, weswegen wir es gemächlich angehen ließen und uns fürs Flüggewerden eine Transitstadt aussuchten, und der wir hofften, uns zurechtzufinden. Heidelberg, Münster, Marburg, Göttingen. Oder Gießen. Hauptsache übersichtlich, Hauptsache große Uni. Natürlich fanden wir uns trotzdem nicht zurecht, wie denn auch, es war ja alles neu, wir verliefen uns unter 80 000 Einwohnern, wir begannen, Gefallen zu finden am Verlaufen, es war nicht mehr wichtig, in welcher Stadt wir waren, wichtig war die Stadt an sich. Und in dieser Hinsicht war Gießen tatsächlich ein harter Brocken. Provinz im Wortsinne, eine Stadt ohne Selbstbewusstsein, im Krieg zerbombt, nach dem Krieg autogerecht zusammengezimmert, eine hässliche Stadt tatsächlich. In Gießen gab es keine Fachwerkromantik, in Gießen gab es Beton, vierspurige Ausfallstraßen, einen vom Städtebau stiefmütterlich ins Industriegebiet geschobenen Fluss und einen Autobahnring, der einer zehnmal größeren Stadt zur Ehre gereicht hätte, außerdem wegen der Kessellage zwischen Vogelsberg und Lahntal ein Mikroklima, das schon im Frühsommer Schwüle und schlechte Luft durch die Straßen schickte. Gießen war kein Spaß, das war was für die ganz Harten, aber: If you can make it there you’ll make it everywhere. Und wir machten. Wir lernten auf der Probebühne des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, was Postdramatik ist, lange, bevor der Begriff zum echten Genre wurde. Wir trampten nachts die 20 Kilometer in den Vogelsberg, ins Dorfkino Traumstern, was tatsächlich eines der besten Programmkinos dieser Republik war. Wir gingen zum Spermbirds-Konzert, weil, wenigstens Punkrock, und wir fanden Songtitel wie „Kaiserslautern über alles“ nicht problematisch.

Und irgendwann war dann auch gut. Irgendwann fanden wir uns zurecht, und dann musste es weitergehen. Die meisten orientierten sich nach Frankfurt, der nächsten größeren Stadt, eine gute halbe Stunde per Zug. Viele zogen nach Berlin, ich auch erstmal, man muss ja auch festhalten: In Gießen, überhaupt in diesen kleineren Unistädten gibt es einfach keine Jobs jenseits der akademischen Karriere. Es ist okay, dass man weiter geht, und das ist jetzt nichts schlechtes über Gießen: Dieser verbaute, reizlose, absolut großartige Betonfleck in Mittelhessen war in einer bestimmten Phase meines Lebens genau das Richtige für mich. Wie eine alte Liebe, die auch zur rechten Zeit am rechten Ort genau richtig war, doch irgendwann musste man einen Schnitt machen. Lieben wird man sie aber immer.

Katharina

Geburtsstadt: Oldenburg
Transitstadt: Mainz (2009 und 2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Hach, Mainz. Es ist schon erstaunlich wie sich die eigene Wahrnehmung verändert. Aus der nordischen Kleinstadt kommend, das erste Mal allein in eine Stadt ziehend, war Mainz schon ein wenig aufregend. Zum ersten Mal wohnte ich, wenn auch nur für kurze und begrenzte Zeit, in einer WG, die mich herzlich und liebevoll aufnahm. Ich kam nach Mainz für ein Praktikum bei einem großen Unternehmen. Zu Beginn brauchte ich noch einen Stadtplan, um mich auf dem Gelände zurechtzufinden. Alles war so groß und neu.

(Foto: Katharina Röben)

Wenig später zog ich nach Hamburg, dann nach Berlin. Plötzlich änderten sich die Maßstäbe in meinem Kopf und so kam mir Mainz, als ich 2013 zurückkehrte, plötzlich klein und putzig vor. Ich erinnere mich an das Hochwasser, an heiße Sommerwochen, an Dreharbeiten in der Wildnis, an Tennisballgroße Mückenstiche und an Spaziergänge entlang der Rheinpromenade. Das war schon schön. Irgendwie.

Pia

Geburts- und Heimatstadt: Berlin
Transitstadt: Toulouse (2011)

Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki
Rue de Taur, Analog 2011, Pia Gralki

Liebe auf den ersten Blick. Ja, es ist wahr, ich durfte sie erleben. Allerdings stand ich unter starken Entzugserscheinungen, wie ich bekennen muss, denn bevor ich für ein Semester an die Ècole des Beaux-Arts nach Toulouse ging, hatte ich in Braunschweig meinen Bachelor begonnen. Und musste weg. Ganz schnell. Diese niedersächsische gefühlte Kleinstadt ließ mich zu einer Person werden, die ich nicht mochte, und die fernab des idyllischen Kunsthochschulareals zu einer Passantenpöblerin und Kulturpessimistin wurde. Also, im wahrsten Sinne des Wortes: nothing left toulouse. Ich packte also mein avanciertes Schulfranzösisch ein und viel zu viel Gepäck auf meine Schultern und dachte mir: Jetzt wird alles besser. Als ich meinen Erasmusbetreuer an der Kunsthochschule traf und mein Studentenwohnzimmer betrat, wusste ich: Ok, nicht alles wird besser. Schnell musste ich pauschal feststellen: Die Unterbringung überlebe ich zwei Tage, denn an Tag 3 stellen sich die Kakerlaken persönlich vor, und, noch fataler, ich kann Franzosen nicht leiden. Kein Wunder, denn die Ersten, die mir begegneten, hatten etwas von dem Sinnbild der drei Affen: Der Erste wollte mich nicht sehen, der Zweite konnte mich nicht verstehen, und der Dritte hatte keine Lust, mit mir zu reden. Aber irgendwann war es mir egal, und ich wurde hartnäckig. Diese Hartnäckigkeit realisierte ich dann in täglichen Sitzstreiks: Vor dem Erasmusbüro, vor dem Fotolabor, vor dem Wohnheimschalter, im Waschsalon – nichts war mir zu schade, um meine Entschlossenheit zu demonstrieren, mir einen Platz zu erobern. Und siehe da: Es wirkte. Man wurde auf mich aufmerksam. Man lud mich auf einen Kaffee ein. Und zu Sonnenbädern am Flussufer der Garonne. Und zur Mittagspause, pünktlich jeden Tag um 12. Zu Jazzabenden, die wir zeichnend und mit viel Rotwein verbrachten. Zu Käseplatten und Jamsessions, Konzerten und Fahrradtouren entlang der Sonnenblumenfelder des Canal du Midi. Geraucht haben wir natürlich auch viel. Kurzum: Ich hatte es geschafft. Ganz allein. Ich war umgezogen, wusste nun, wie man Muscheln zubereitet und dass Crêpes mit salzigem Caramel so ziemlich das Beste sind, was einem passieren kann. Freunde hatte ich auch, französische sogar. Und als mich ein Barmann in Paris fragte, aus welcher Region Südfrankreichs ich kommen würde mit meinem Dialekt, wusste ich, hier könnte ich bleiben. Aber so ist das mit dem Transit: Alles hat seine Zeit. Und ich würde alles wieder ganz genauso machen.

Lisa

Geburtsstadt: Finsterwalde (1990 bis 2009)
Transitstadt: Palma de Mallorca (2013)
Heimatstadt: Berlin (seit 2010)

Ich stamme aus einem kleinen Kaff in Brandenburg, bin fürs Studium in die nächstgrößte Stadt gezogen und sammele seit sieben Jahren fleißig Transitstädte im Ausland. Vor einigen Jahren habe ich für einige Monate ein Praktikum auf Mallorca gemacht. Jaja, her mit den Klischees und dummen Witzen, aber so war das eben nicht. Den Ballermann habe ich selten gesehen, dafür aber viele verwinkelte Gassen, Hippie-Märkte, urige (was für ein Wort!) Tapas-Bars und natürlich Palmen und Meer. Sangría gab es auch, aber nicht aus Eimern. An meiner deutschen Arbeitsstelle kann ich zwar kein gutes Haar lassen, aber immerhin haben wir Praktikanten eine riesige WG gesponsert bekommen. Von unserem Balkon aus konnten wir in weiter Ferne die Kathedrale und von Nahem die ein- und ausfahrenden Kreuzfahrtschiffe begutachten und so jeden Morgen einen neuen Luxusliner bei einer Tasse Kaffee begrüßen. Letztendlich hatte jeder im Laufe der Zeit seinen Lieblingsdampfer. Mein Arbeitsweg führte mich täglich entlang der Hafenpromenade, vorbei an den Fischkuttern auf der einen und den Yachten auf der anderen Seite. Nach Feierabend ging es entweder an den Strand westlich von Palma de Mallorca oder zurück auf den Balkon. Palma war vor drei Jahren unübersehbar von der spanischen Wirtschaftskrise geschwächt. Jedes zweite Schaufenster war leer, die Bars und Restaurants in den versteckten Ecken der Stadt waren selten bis zum letzten Stuhl gefüllt. Mich hatten Palma und vor allem Mallorca trotzdem überrascht und verzaubert. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich nicht mit Wohnungssuche und spanischer Bürokratie geplagt wurde, sondern sofort von tollen Menschen umrundet war. Ich hatte vom ersten bis zum letzten Tag eine rosarote Brille auf. Ich habe mir immer vorgenommen zurückzukehren für ein oder zwei Jahre, die tolle Zeit fortzusetzen. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

Palma de Mallorca
Was Touristen für einen Tag hatten, durfte ich mehrere Monate erleben. (Foto: Lisa Ksienrzyk)

Ninia

Geburtsstadt: Hannover (1983 bis 1984)
Transitstadt: Marburg (2003 bis 2006)
Heimatstadt: Hannover (seit 2011)

Es gab für mich nach dem Abi in Braunschweig nur einen Grund, nach Marburg zu ziehen: Die Uni hatte keinen NC für meine Fächer. Ich hatte ein Abi, das in allen anderen Städten niemals für ein Studium gereicht hätte, also zog es meine Freundin und mich nach Marburg. Studentenstadt, WG, das volle Programm. Das, was ich noch am besten erinnere, ist der Tag der Immatrikulation. Während die Jungspunde von heute das ja einfach online machen können, haben wir sechs geschlagene Stunden in der Hitze angestanden, um dann schriftlich innerhalb von zwei Minuten über unsere Zukunft zu entscheiden. Meine hieß dann wohl Germanistik und Kunstgeschichte. Als ich anfing, zu studieren, durfte man noch in der Uni rauchen, und dieser frühmorgendliche Kneipengeruch, der eine umwehte, wenn man die Uni betrat, ist genauso unvergessen für mich. Marburg kam mir sehr provinziell vor. Und so, als würde ich mich in einer Blase bewegen. Einer Blase voller links-orientierter, betrunkener Studierenden. Auf der anderen Seite hatte Marburg eine sehr große Szene an Verbindungshäusern. Einmal sind eine Freundin und ich von einer Party verwiesen worden, weil wir uns über deren Bändchen lustig gemacht haben. Da kam ich mir richtig rebellisch vor. Im Prinzip bin ich in Marburg erwachsen geworden. Auch, wenn es mir manchmal so klein vorkam, war es doch der erste Ausbruch von zuhause, das erste Mal Menschen kennenlernen, die nicht aus schulischen Gründen gezwungen sind, mit einer befreundet zu sein, und das erste Mal selbst ans Klopapier denken. Nachhaltig beeindruckt hat Marburg mich allerdings nicht. Ich glaube auch heute noch, dass diese Stadt einzig und allein aus Studienzwecken erbaut wurde. Nichts anderes passiert dort. Und das macht die Architektur der Uni nicht gerade besser. Wir haben die Häuser der Geisteswissenschaften nicht umsonst „Elefantenfüße“ genannt. Das war auch eine Sache, die mich genervt hat: Es gab keine Campus-Kultur. Alle Fakultäten waren sehr auseinander gerissen. Natürlich hatte Marburg eine tolle Kneipenszene. Die hab ich ausgiebig getestet. Und einen Club, in den man gehen konnte, wenn man lieber Punk gehört hat. Das war dann nach einem Jahr auch irgendwie langweilig. Nach der Zwischenprüfung bin ich dann auch weg, nach Göttingen. Die Stadt hat mich dann wesentlich mehr geprägt.

Kathrin

Geburtsstadt: Zwar nicht dort geboren, aber aufgewachsen bin ich in St. Stefan im Rosental (1985 bis 2001)
Transitstadt: St. Pölten (2002-2006)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2007)

Da ich aus einer gottverlorenen Gegend im Südosten Österreichs komme, war mir schon lange klar, dass ich nach der Matura, wie das Abi bei uns heißt, dringend weg muss. Verschlagen hat es mich dann erst mal nach England an einen Riesencampus zum Freiwilligendienst, wo ich ein Jahr lang einen Studenten im Rollstuhl begleitete. Das fühlte sich kosmopolitisch an, Menschen aus aller Welt studierten da, ich sog die neuen Kultureindrücke auf wie ein Schwamm. Dann kam ich zurück und fing ausgerechnet in St. Pölten an, zu studieren. St. Pölten, wo später einmal Fritzl der Prozess gemacht werden sollte. Die Stadt, die vor allem von der nach faulen Eiern stinkenden Glanzstofffabrik geprägt war. Die nur Landeshauptstadt von Niederösterreich ist, weil Wien ein eigenes Bundesland wurde. Deren beste Eigenschaft wohl auch die Nähe zu Wien und Krems mit seinen wunderschönen Weinbergen ist. Warum also dahin?

Ich wollte mir das Publizistik-Studium in Wien mit seinen überfüllten Hörsälen ersparen – und in St. Pölten konnte man Medienmanagement studieren und beim Campusradio moderieren. Es war einfach ein guter Mix. Und ich muss sagen: Auch wenn man in St. Pölten die Kultur mit der Lupe suchen musste und es keine coolen Clubs gab – die Zeit, die ich dort verbracht habe, gehört zu den besten meines Lebens. Fast mein ganzer Jahrgang wohnte im selben Studentenwohnhaus. Wann immer man Lust hatte, ging man zwei Türen weiter auf einen Plausch. Wir veranstalteten unsere eigenen Parties, gingen gemeinsam auf Festivals und fuhren im Sommer mit dem Rad zum See und bauten im Winter Schneemänner. Wir stellten den Rekord auf, wie viele Menschen in eine Studentenwohnheimküche passen. Wir bekritzelten die Wände mit Watzlawick-Zitaten und anderem Kram. Vor Prüfungen lernten wir gemeinsam (oder auch nicht). Wir wurden richtig gute Freunde. Im letzten Jahr wohnte ich dann mit sechs anderen Menschen in einer ehemaligen Dienstbotenvilla ein paar Meter vom Studentenwohnheim. Die Tür war immer offen, der Kühlschrank mit Bier gefüllt und irgendjemand war immer zu Besuch. Im riesigen, verwilderten Garten gab es eine Schaukel und Liegestühle. St. Pölten hat vielleicht nicht meine Sehnsucht nach der großen Stadt und nach Kultur in Hülle und Fülle befriedigt – aber das alles mit einer besonderen Gemeinschaft wett gemacht. Und als die sich in alle Winde zerstreute, war auch meine Zeit mit St. Pölten abgelaufen.

Die Villa in St. Pölten
Die Villa in St. Pölten

Sven

Geburtsstadt: Braunschweig
Transitstadt: Leipzig (2010 bis 2012)
Heimatstadt: Hamburg (seit 2012)

Den Arbeitsvertrag hatte ich auslaufen lassen. Meine Beziehung, oder dieses ähnlich anmutende Etwas, befand sich in einem wenig zukunftsträchtigen Status. Überhaupt hatte ich schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Dringend musste sich etwas ändern. Nicht nur die Tapete, sondern die Stadt dahinter. Hamburg erschien als logische Konsequenz. Verband mich doch seit mehr als zehn Jahren eine innige Wochenendliaison mit der Hansestadt, den einen oder anderen Two-Month-Stand inklusive. Leipzig hatte ich nicht auf der Karte. Jedenfalls nicht seit ich über meinen Studienort nachgedacht hatte, was bereits einige Jahre her war. Der Großteil meines Wissens über die Halbe-Millionenstadt in Sachsen basierte auf Büchern und Dokumentationen über die Wiedervereinigung. Während meines ersten Besuchs sah ich nur die hochglänzenden Fassaden der Passagen im Zentrum. Beim zweiten, ich hatte mich für den Job und die Stadt entschieden und war auf Wohnungssuche, verschlug es mich in diverse Stadtteile. Bei Plagwitz wusste ich sofort: Das passt. Anfangs begegnete mir mancher deshalb noch mit Kopfschütteln, zwei Jahre später wollten fast alle dorthin. Ich fühlte mich sofort wohl am Karl-Heine-Kanal, zwischen kernsanierten Altbauten aus der Gründerzeit, Clubs in baufälligen Wächterhäusern und Industrieruinen, in direkter Nachbarschaft zur Baumwollspinnerei, der Schaubühne und dem Clara-Zetkin-Park.

Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)
Durchgetanzt in Ruinen: In Leipzig lohnt sich der Blick hinter die Fassade. (Copyright: di.fe88, flickr/CC-Lizenz)

Den Hype um die Stadt, die das neue, ach was, das bessere Berlin sein sollte, und über die sogar die New York Times schrieb, spürte ich lange Zeit nicht. Doch irgendwann manifestierte sich der viel zitierte Begriff „Hypezig“ auch in meinem Freundeskreis als Stigma. Leipzig ist eine geschichtsträchtige Stadt, wobei dir insbesondere die deutsch-deutsche oder klassisch-musikalische Historie an vielen Ecken begegnet. Leipzig ist eine kulturelle Stadt: hoch-, sub- und popkulturell. Obwohl durchaus noch Potential für mehr Konzerte besteht. Binnen 20 Minuten erreichst du mit dem Fahrrad nahezu alles, bis zum Highfield-Festival dauert es etwas länger. Ich weiß nicht, ob Leipzig das Beste war, was mir damals passieren konnte. Aber es war definitiv etwas verdammt Gutes. Beruflich lief es zwar nicht wie gedacht, einige Kontakte pflege ich aber immer noch. Was jedoch viel wichtiger ist: Ich habe Menschen kennengelernt, die heute zu meinen besten Freunden gehören. Mittlerweile bin ich doch in Hamburg angekommen. Vordergründig war es eine rationale Entscheidung, zu gehen. Leicht gefallen ist sie mir nicht; am Ende wurde ich vermutlich von einer emotionalen Sehnsucht getrieben. Ich musste diesen Schritt einfach machen; zurückkehren kann ich ja immer noch. Anfangs war dieser Gedanke sehr präsent; nun verblasst er mehr und mehr, wenn auch langsam. Ich bin noch oft in Leipzig. Und genieße es. Vermag aber nicht zu übersehen, dass sich die Stadt in den vergangenen Jahren rasant verändert hat. Insofern komme auch ich nicht um das böse Wort „Gentrifizierung“ herum. Einige Freunde haben die Stadt ebenfalls verlassen. Sie ist eben für viele bloß eine Durchgangsstation. Allerdings: Manche von ihnen sind inzwischen wieder zurückgekehrt. Aus Berlin und Hamburg.

Nina

Geburtsstadt: Bützow
Transitstadt: Vancouver (2014 bis 2015)
Heimatstadt: Berlin (seit 2012)

Vor etwas länger als einem Jahr verschlug es mich mit Goldgräberstimmung und working-holiday Visum in der Tasche für einige Monate nach Kanada. Eigentlich plante ich, weiter nach Norden zu reisen, auf eine Ölplattform, wo man Backpackergerüchten zufolge tausende Dollar innerhalb weniger Wochen verdienen konnte. Mit dem Geld wollte ich – nein, keinen Bus kaufen – für einen Trip nach New York und ganz viele Broadwayshowtickets sparen. Da ich aber nicht so der Ölfördertyp bin, änderten sich die Pläne schon am Flughafen von Vancouver, zwischen Pazifik und Gebirge und natürlich bei Sonnenuntergang und leichter Spätsommerbrise.

Hastings. Hafensounds und Sommenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)
Hastings. Hafensounds und Sonnenaufgang. (Foto: Nina Behrendt)

Also blieb ich und mietete mich erst einmal in einem winzigen Zimmer mit Wänden voller Spiegel ein. Auf airBnB sah das anders aus. Später erfuhr ich, dass meine neue Hood in Surrey auch gern von Einheimischen als „Armpit of Canada“ bezeichnet wurde. Zu mir waren die obdachlosen Crackraucher am Bahnhof jedoch immer zuvorkommend und hilfsbereit.

In meinem 8 qm großen Spiegelkabinett wurde ich nach wenigen Tagen zunehmend paranoid, so dass ich panisch eine Craigslist-WG nach der anderen abklapperte und schließlich ein Zimmer in dem halbzerfallenen viktorianischen Häuschen eines Verschwörungstheoretiker-Pärchens am Commercial Drive bezog. Jackpot ist anders, aber heute kann ich drüber lachen. Wenigstens ließ ich mich nicht voreilig auf den dubiosen Deal einer chinesischen Familie ein, auf ihre drei Kinder aufzupassen, Mandarin zu lernen und in ihrem feuchten Keller zu wohnen.

That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)
That Skyline though. (Foto: Nina Behrendt)

Durch einen glücklichen Zufall bekam ich einen Job als Barista in einem auf magische Weise immer voll besuchten 24-Stunden offenen Café in Downtown. In einer Seitenstraße an der Robsonstreet fanden Touristen, Büroarbeiter der Wolkenkratzer, Studenten und ziemlich viele Freaks den Weg zu uns an den Kaffeetresen. Der Laden hatte NIE zu. Wir wurden zu den Stosszeiten – IMMER- besonders wegen der riesigen Kuchenauslage und des guten german-style breads praktisch überrannt. Diese Phase meines Lebens heißt „Let them eat cake“ und noch nie habe ich Mindestlohn so hart erarbeitet, mich so oft an siedender Milch, glühenden Sandwichsgrills und zerbrochenem Glas verletzt. Verdammt, ich musste sogar ins Krankenhaus, weil ich mir beim Schlagsahne schlagen die Hand verstauchte. Diese absurde Verletzung brachte mir den Spitznahmen „Whip it real good“ ein, und fortan wurde mir offiziell verboten, Schlagsahne herzustellen. Aber so anstrengend auch die Schichten im Café waren, so traumhaft schön war die Freizeit in der Natur am Kitsilano Beach, im Stanley Park (dem nördlichsten Regenwald der Welt), auf den wilden Bergwanderwegen und dem Lighthouse Park.

Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)
Mein Lieblingscafé auf dem Commercial Drive. All die Burger, all die Milchshakes! (Foto: Nina Behrendt)

 

Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)
Lighhouse im Lighthouse Park. (Foto: Nina Behrendt)

Vancouver wird oft vorgeworfen, langweilig zu sein. Hochglanzpoliert. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Ja, die Wolkenkratzer, die peinlich sauberen Straßen und schnieken öffentlichen Verkehrsmittel (ich meine, die Bahn heißt Skytrain und schwebt), die Bilderbuchvororte und auch die Menschen: vornehmlich gestriegelte Jungunternehmer, Lululemon-Ladies mit green juice im Kinderwagen-Getränkehalter und fleißige asiatische Austauschstudenten, die auch nachts um vier von mir mit Eiskaffee versorgt wurden, um dann doch über ihren BWL Büchern einzuschlafen.

Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)
Kostümierte Herrschaften an Halloween auf dem Commercial Drive. (Foto: Nina Behrendt)

Aber Vancouver kann auch Grunge. Es gibt sie, die rebellischen Kunsträume und Galerien, die eskalierenden Punkkonzerte, die Secondhandläden und abgefuckten Bars. Es scheint schon fast, als kämpfen die jungen Künstler mit aller Kraft dagegen an, wie simpel sie der gemütlichen Schönheit dieser Stadt als Banker oder Wasserflugzeugpilot erliegen könnten. Manchmal hatte ich das Gefühl, in Pleasantville zu wohnen, an anderen Tagen habe ich neue kleine Musikläden entdeckt oder bin aus Versehen an der East Hastings Street ausgestiegen – einem Straßenzug auf dem vornehmlich Drogen- und Prostitutionsgeschäfte abgewickelt werden, Menschen in Pappkartons wohnen und ihre Habseligkeiten in Einkaufswagen stapeln.

Aber trotzdem und deswegen: ich vermisse Vancouver. Ich vermisse den guten Kaffee unter blühenden Kirschbäumen zu trinken und die Lucky Donuts von der Main Street und dass es in jedem Geschäft öffentliche Toiletten gibt. Ich vermisse die Wanderwege um Deep Cove, Zimtschnecken und kanadischen Smalltalk. Ich vermisse Weihnachtssänger und Busse mit neongelber Halteschnur. Die knallbunten Markthallen auf Granville Island und Academy Awards in Echtzeit gucken, im Abendkleid im Theater. Habe ich schon das beste Sushi außerhalb Japans erwähnt?

Hey there, creepy Sushi-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)
Hey there, creepy Food-Deal Lady. (Foto: Nina Behrendt)

Mein Abschied fiel schwer und ich glaube, er war auch nicht endgültig. Ich bin immer noch froh, dass mich die Geldgier nicht auf eine Ölplattform im Yukon führte, sondern meine Neugier solange an der glatten Fassade vom metropolitan Vancouver kratzen lies, bis ich dahinter ein herzliches, schräges, buntes Dorf fand.

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