Die kürzere Kunst

In wenigen Minuten Welten entstehen zu lassen, Geschichten zu komprimieren, zu verstören und zu begeistern, ist nicht einfach. Jedes Jahr widmen sich die „Berlinale Shorts“ dieser großen Kunst der kleinen Filme. Pia und Katharina haben für die Flâneure fleißig gesichtet. Welche Filme bei den 66. Internationalen Festspielen in Berlin gilt es, auf keinen Fall zu verpassen?

Pia: Mir schwirrt noch etwas der Kopf. Bei jeder der 5 Kurzfilmausgaben lohnt es sich, sich tief in einen der begehrten roten Berlinalesessel zu vergraben. Ein Charakteristikum scheint mir übergreifend zu sein: Die Abwesenheit der Sprache. Es sind oftmals nicht verbale Zeichen, die erzählen, sondern es sind die Bilder und ihr Zusammenspiel, die die Narration entfalten. Wie zum Beispiel in Six Cents in the Pocket von Ricky D´Ambrose. Dieser Kurzfilm hatte mich ab der ersten Szene. Clyde, ein junger Mann, wird als Homesitter von Risa vorgestellt, die ihm in einem Umschlag Geld hinterlassen hat und ihn bittet, in ihrer Abwesenheit ein Gemälde rahmen zu lassen und es zu ihrer Schwester zu bringen.

Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.
Von der verlorenen Zeit: Six Cents in the Pocket.

Es werden kaum Worte gewechselt, die Dramaturgie entwickelt sich über Blicke, Gesten, wie das Öffnen des Umschlages oder durch Nahaufnahmen von Clydes Gesichtsausdruck. Die barocke Orgelmusik zwischen den Filmsequenzen gibt dem ganzen einen stummfilmähnlichen Charme. Die Atmosphäre wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und obwohl das Ende einen tragischen Umsturz der Geschichte bedeutet, strahlt alles eine klare, minimalistische Ruhe aus. Ging es dir ähnlich oder bist du vor lauter Stille in deinem roten Kinosessel eingeschlummert?

Katharina: Tatsächlich war die Geschichte um Clyde etwas langatmig. Aber sie hatte doch ihren Charme. Durch die Einstellungen, die Detailaufnahmen, die Postkarten vorlesende Off-Stimme, die großartigen Zwischentitel und die Absurdität des Films fühlte ich mich stark an die Ästhetik von Wes Anderson erinnert. Fandest du es auch so Anderson-esk?

Pia: Ja, durchaus. Wenn man den Fokus auf die Frontalkameraführung und die Kostümauswahl legt, gibt es da schon Parallelen. Aber die satten Bon-Bon-Farben von Wes habe ich nicht vermisst. Mir hat der leicht entsättigte Ton hier gut gefallen, auf Bild- und Sprachebene. Was war denn dein Lieblingsstück aus unserem Kurzfilmrausch?

Katharina: Also mein persönliches Highlight war der schwedische Film Hopptornet von Maximilien Van Aertryck und Axel Danielson. Trotz dokumentarischer Distanz, weniger Worte und statischer Versuchsanordnung entsteht größte Spannung. Die Kamera ist auf die Plattform eines Zehn-Meter-Turmes gerichtet. Selbst großmäulige Jungs kriegen beim Blick in die Tiefe weiche Knie. Das erinnert an Teenagertage im Schwimmbad, an Gruppenzwang und Mutproben.

Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.
Der Blick in die Tiefe: Hopptornet.

Gleichzeitig spielt der Film, ohne sich über seine Probanden lustig zu machen, mit einer Angst, die jeder nachfühlen kann. Mut, Zögern und Aufgabe liegen so eng beieinander wie Badeanzüge auf der Haut. Wärst du gesprungen, Pia?

Pia: Also dieser Film ist tatsächlich ein Kunststück – genial einfach und mit Langzeitwirkung. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich gesprungen wäre und das Schöne ist, dass man sich diese Frage definitiv stellt beim Betrachten und die Herausforderung versucht für sich einzuschätzen. Und beim Anblick des Muskelprotzes in enger Badehose, der mehrmals Anlauf nehmen muss und am Ende kopfschüttelnd den Sprungturm wieder runterklettert und der 70-jährigen Frau, die zunächst das Gleiche entscheidet, dann kurz innehält auf der Stufe, um wieder zurückzukehren und doch zu springen – da merkt man, dass die eigenen Erwartungen an sich selbst immer erst im Moment ihrer unmittelbaren Prüfung verhandelt werden können. Ich hätte wahrscheinlich meine letzten Abschiedsworte gemurmelt und wäre quietschend seerobbengleich runtergeplumst. Eine andere Herausforderung ist es sicherlich, wenn man wie der professionelle Taucher in El Buzo von Esteban Arrangoiz in ein Meer aus Müll springen müsste. Wie hast du diesen Film erlebt?

Ein Meer aus Müll: El Buzo.
Ein Meer aus Müll: El Buzo.

Katharina: Es ist schon erstaunlich wie Julio César Cu Cámara in der Doku über das Bad in der schwarzen Brühe wie über einen Ausflug in eine andere Welt romantisiert. Schwerelos, umgeben von Dunkelheit, einer Weltraumexpedition gleich. So stellt er es sich vor: wie allein im All. Das Wasser umarmt ihn. Hach. Da kann man fast vergessen, dass es sich um die Kanalisation von Mexiko-Stadt handelt. Wo wir gerade bei Romantik sind, wie verliebt warst du in den Film LOVE?

Pia: Sehr! Die Regisseurin Réka Bucsi hat ja bereits 2014 mit ihrem Berlinale Beitrag Symphony No. 42 begeistert. Diese Animation hat es mir nun besonders angetan: Ein Universum aus lächelnden Planeten und fabelhaften Fantasiegestalten, die in 3 Kapiteln die unterschiedlichen Phasen der Liebe durchspielen: Longing, Love and Solitude.

Spiegeln im anderen: LOVE.
Spiegeln im anderen: LOVE.

Besonders großartig finde ich die fließenden Metamorphosen. Rote Berge, die sich als Rücken eines Wassertieres herausstellen, Schwarze Raubkatzen, deren Fell sich rot färbt als Beginn ihrer gegenseitigen Zuneigung, Pferde, die fragmentarisch mit Pflanzentrieben durchsetzt werden. Willst du noch was hinzufügen oder gehen wir zum Nächsten über?

Katharina: Seh ich auch so. Ein herrlich putziges Stimmungsbild durchzogen von zauberhaft abstrusen Figuren. Die Bandbreite der Kurzfilme ist beachtlich, immer wieder werden Genregrenzen verwischt, Dokumentationen mischen sich mit Illustrationen, Experimentelles bricht Filmklischees. Besonders in Erinnerung blieb mir Estate, nicht nur aufgrund seiner aktuellen Thematik. Der Film von Ronny Trocker ist einer Fotografie von Juan Medina nachempfunden, die er 2006 auf Fuerteventura aufnahm. Wie im Bild steht alles still: Die poppige Sandstrandästhetik mit fotografierenden Touristen und tropfendem Waffeleis unterläuft ein Mann, ein Geflüchteter. Er liegt erschöpft am Strand. Unter das Möwengeschrei mischt sich ein Dröhnen. Ein Eindringling im Urlaubsparadies. Trocker lässt die Touristen zu erstarrten Puppen ihrer selbst werden. Eine befremdliche Szenerie, in der nur der Gestrandete sich menschlich bewegt. Ohne Worte, sehr eindringlich.

Der Bruch der Strandidylle: Estate.
Der Bruch der Strandidylle: Estate.

Pia: Ja, das stimmt, der ist mir vor allem aufgrund der besonderen Machart auch in Erinnerung geblieben. Einen Kurzfilm, der ähnlich experimentell arbeitet, allerdings dokumentarischer angelegt ist, dürfen wir auch nicht unerwähnt lassen: Kaputt von Volker Schlecht und Alexander Lahl. Hier leiten die Frauenstimmen zweier DDR- Häftlinge durch das Gefängnis Hoheneck und erzählen im O-Ton von den Erniedrigungen und Entbehrungen, die sie während ihrer Haftzeit erleiden mussten.

Reliquien der Haft: Kaputt.
Reliquien der Haft: Kaputt.

Begleitet werden ihre Einblicke von architektonisch anmutenden Zeichnungen, die die Szenerie klar und abstrakt illustrieren. Ein bisschen wie der gewonnene Blick einer ästhetischen Distanz auf die emotional eindringliche Thematik. Der Beton der Gefängnisfassade wird spürbar. Ich kriege gerade leichte Gänsehaut.

Katharina: Nehmen wir doch die Gänsehaut als Schlusswort oder?

Pia: Passt.

 

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Katharina Röben Verfasst von:

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