Foucault lebt!

Fearless Speech #0

Letzte Woche wurde im „HAU – Hebbel am Ufer“-Theater in Berlin mit der Pilotveranstaltung „Fearless Speech #0 – Aktive Intoleranz. Ein Plädoyer für neue Verhaltensrevolten“ der Grundstein für eine interdisziplinäre Reihe zu Diskursen des Kritischen in der Kunst gelegt. Die Veranstaltungsreihe, die „Phantasma und Politik“ ablöst, wird den Spielbetrieb am HAU mit theoretischen Einschüben, Diskussionen und Gedankenanstößen begleiten und bereichern. Im Zentrum stehen das philosophische Erbe Michel Foucaults und die Frage danach, was die Begriffe Disziplinarstaat, Panoptismus und Wahr-Sprechen heute für die Gesellschaft und die Kunst bedeuten.

Wie jede Grundsteinlegung war die Veranstaltung eine ziemlich anstrengende, zähe Angelegenheit. Ich habe trotzdem oder gerade wegen der abstrakten geistigen Bauarbeit des dreistündigen Abends etwas gelernt – im langen Kampf gegen die Berieselung mit Fremdwörtern und diplomatischen Wortgefechten. Vielleicht glimmte durch all das Diskutieren über den Widerstand und den Mut zur Wahrheit sogar ein Funken Revolution in mir und im Saal auf.

Wie man Foucault heute liest

Foucault ist und bleibt der Sci-Fi-Rockstar unter den französischen Philosophen. Seine Ansätze aus Überwachen und Strafen und der Archäologie des Wissens sind 32 Jahre nach seinem Tod mindestens noch genauso aktuell. Was ist politische Kunst? Und welchen Preis hat es, die Ordnung der Dinge infrage zu stellen, Alternativen zu bieten?

Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0 Courtesy HAU Theater Berlin
Im Bild: Alex Demirović bei Fearless Speech #0
Courtesy HAU Theater Berlin

Die Keynote des Abends und theoretische Basis für „Fearless Speech“ liefert der Sozialwissenschaftler Alex Demirović. In seinem Vortrag geht er auf Angst als Ausnahmezustand ein. Darauf, wie weltweit Journalisten im Kampf um das Ausüben der Pressefreiheit verfolgt, verurteilt und getötet werden. Und er betont, dass uns das alle etwas angeht, egal ob es im Iran, in der Türkei oder in China stattfindet. Unser Dunstkreis ist die ganze Welt. Das angstfreie Sprechen ist ein Geist. Und wer Mut hat, sucht ihn unerbittlich und beispielhaft. So schreibt Demirović im Programmheft „Es scheint so, als würde das Scheitern von Staaten langsam auch nach Europa greifen. […] Die, die das Demonstrationsrecht in Anspruch nehmen, werden mit polizeilichen Mitteln von der Bevölkerung getrennt; […] widerrechtlich körperlich geschädigt und in den Medien beleidigt. Sie dienen als Droh- und Angstkulisse.“ Ein Angststaat funktioniert so gut, weil die Machthabenden zwischen Ebenen des Legalen, Illegalen, Sichtbaren, Versteckten, Halbwahren und Rechtfertigten geübt hin-und herspringen, bis selbst der Widerstand verwirrt ist.

Auch die Dissidenten und Individualisten gehören zu einer Herde und die Herde hat Hirten, die wissen wohin sie gehen. Im folgenden Gespräch mit der UdK-Professorin und Philosophin Kathrin Busch kommen wir immer wieder auf das Wahr-Sprechen zurück, das was Foucault Parrhesia tauft. (Wie ich nach unsicherem „Was, warum die Pariser?“ mit meinem Handy unter dem Theatersitz google. Ein bisschen mehr Laienfreundlichkeit und Greifbarkeit hätte nicht nur mir an diesem Abend sehr gut getan.)

Die Wahrheit und der Widerstand

Die Wahrheit als Erlösung aus der Unterdrückung durch die Machthabenden. Die Wahrheit als einzige Möglichkeit sich selbst eine Position der Macht zurückzuerobern, denn wenn ich im öffentlichen Raum spreche, schaffe ich eine Situation der Macht. Nach dem ‚Use it or lose it’- Prinzip rinnt uns die Freiheit durch die Finger, wenn wir nicht den Mut aufbringen, sie zu verteidigen.

Bei dem Konzept Widerstand stößt man jedoch schnell auf folgende Frage: Wenn ich allein mit meinem Widerstand bleibe, wenn ich allein und mit Märtyrer-Herz gegen die real-gewordene panoptische Überwachung, das minutengenaue Selbstmonitoring der eigenen Biografie von social media über Paypal bis zu Netflix kämpfe, dann stehe ich im schlimmsten Fall ausgestoßen von der Herde da. Will und kann ich dieses Risiko auf mich nehmen? Bin ich bereit den Preis der Isolierung und Denunziation zu zahlen? In dieser Frage wohnen die Angst vor dem freien Sprechen und auch die Motivation der Fearless Speech-Reihe. Denn in dem Moment, in dem wir merken, dass wir nicht allein sind, haben wir gewonnen.

Das „Wilde Außen“

Foucault nennt diese revolutionäre Randgruppe von Leuten, die ihre Herde verlassen haben, das „Wilde Außen“. Im „Wilden Außen“ passieren die interessanten Dinge, die politische Kunst, die offene, demokratische Rede, da machen sich die neuen Möglichkeiten auf, da tanzt man zur guten Musik und trinkt den guten Wein, vielleicht sind dort auch die guten alten Zeiten versteckt. Fakt ist, dass Kritik und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, dass sie einander bedingen und benötigen. Und dass wir, auch wenn es langweilig und anstrengend wird, uns diese Kontexte bewusst machen müssen, um ihre Dringlichkeit und Zerbrechlichkeit zu erkennen.

 

Die nächste „Fearless Speech“- Veranstaltung findet am 16.3.2016 im HAU statt, dann unter dem Thema Foucault und der Neoliberalismus, Gast ist u.a. Daniel Zamora.

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Nina Behrendt Verfasst von:

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