I feel used.

 

Kunstmarktanekdoten zur Retrospektive von Christian Jankowski in der CFA Galerie Berlin

Empörung wird zu Wut. Wut wird zu der Motivation, kritisch zu betrachten. Und die Kritik muss feststellen, dass sie an der Nase herumgeführt wurde.

Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Intuitives Win-Win
Christian Jankowski tischt auf – diesmal jedoch nicht mit Alfred Biolek, deren Kochstudio von 2004 erneut in der CFA Galerie aufgebaut wurde. Nein, für seine Retrospektive lässt der Künstler auftischen, und zwar von der Schauspielerin Nina Hoss, die mit Blockbustergesicht und Schlagschatteninszenierung auf dem Ausstellungscover glänzt. Rasant vernetzen sich Assoziationen: Wie kommt dieses Gesicht mit der Attitüde eines Rockstars mit diesem Namen, der im Großformat unter dem Titelbild wirbt, zusammen? Handelt es sich um eine überraschende interdisziplinäre Kollaboration oder haben wir es hier mit einem Bildteaser der nächste Ausgabe einer Frauenzeitschrift zutun? So oder so, diese in-your-face Konfrontation mit der Kuratorin regt die kunstmarktsensiblen Synapsen an und lässt Fragen aufkommen. Fragen nach dem Imperativ des Expertentums in der gegenwärtigen Kunstszene und dem der Aufmerksamkeitsökonomie. Wer zuerst blinzelt, hat verloren.

Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Oder ist auf Jankowski reingefallen. Denn diese offiziell als ganz intuitiv angegebene Wahl des Frontgesichts stellt sich in Betrachtung seiner Werke immer mehr als eine Bewusste heraus. Aus dem Spiel mit Namen wird eine Strategie der Offenlegung von Kunstmarktmechanismen. Umso mehr, da diese Retrospektive – eigentlich ein Format für staatliche Institutionen – in einer privaten Galerie stattfindet.

Schnitzeljagd nach Kunst
So wie der moderne Großstadtmensch das Gefühl der archaischen Nahrungsbeschaffung erinnern möchte, indem er im Supermarkt mit Pfeilen auf die Warenbeute schießt, kann der moderne Kunstsammler seine Kunstware gleich im Teleshoppingkanal abschießen- zur unverbindlichen Preisempfehlung Jankowkis. Auch wenn sich hier das letzte Kunstidealismushaar aufstellt: so paradox klingen die geölten Stimmen der TV-Konsummoderatoren gar nicht in ihrer Präsentation der Kunstwerke auf der Kunstmesse Art Cologne, die u.a. mit Marktwerten wie Jeff Koons jonglieren. Sie passen sogar sehr gut, vor allem in ihrer Anmoderation eines Kunstzertifikats, mit dem offiziell das Recht vom Urheber erworben wurde, den Inhalt einer vorgegebenen Wodkamarke auf dem Boden zu verteilen und im Anschluss mit rosa Glitzer zu garnieren. Natürlich geht es bei der Preisempfehlung mehrerer Tausend Euros nicht um den materiellen Wert des Werks, sondern um den performativen Symbolwert: Das perfekte Party-Kunstwerk- wie gemacht für einen interaktiven Abend, bei dem die Gäste beim Überrennen der Arbeit selbst zum Teil dieser werden.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Ich schäme mich
Vom Fremdschämen für die aalglatte Souveränität des Kunstmarkt TV´s (2008) springt einem die Scham in vielen der Werke Jankowkis entgegen. Während man sich an den Außenwänden einer überdimensionalen hölzernen Karaokebox entlangschmiegt, drängt sich einem der Schamkasten gefährlich nah auf. Und die Frage: Wenn sich Menschen aus dem Jahre 1992 u.a. für ihre Triebhaftigkeit, ihre eigene Vergesslichkeit darüber, dass sie noch existieren oder dafür geschämt haben, dass sie bei ihrer Omi auf den Teppich gekotzt haben- wie würde eine aktualisierte Bestandsaufnahme der individuellen Schamesröte aus dem Jahr 2016 ausfallen? Schämen wir uns immer noch für das Gleiche? Oder ist Scham in gewisser Weise zeitspezifisch?

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Schamloses Rumgeflenne
Was den Einen zum Weinen bringt, bringt den Anderen zum Lachen. In der Arbeit Crying for the March of Humanity von 2012 weinen mexikanische Darsteller in ikonischer Telenovela-Manier. Ihr Weinen wird zum endlosen Standbild, zum eingefrorenen Rumgezappe zwischen sich gegenseitig einholenden Momenten der emotionalen Ekstase. Was sie an Sprache einbüßen, holen sie an Tränenflüssigkeit wieder raus: schon beim Aufstehen, beim Frühstück, im männlich dominierten Geschäftszimmer im Leo-Look, auf dem Hof oder in der Kammer- es wird geflennt das sich die Augen röten, von Mann zu Mann, von Frau zu Frau und von Kind zu Großmutter. Der Effekt dieser nie versiegenden Tränenquelle löst im Ausstellungsraum leises Kichern aus, welches sich in prustendes Gelächter steigert. Und dann kommt der Moment, in dem die süßlichen Bonbon-Farben, das Pink des Lippenstifts und die rasierte Brust einen langsam übersättigen. Und man den Wahnsinn kaum noch aushalten kann.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Reingefallen
Als die Galerieeigentümerin der Lisson Gallery in einer Videoarbeit Jankowkis die Arbeit des Künstlers einschätzen soll und schmunzelnd bekennt, dass sie sich irgendwie ausgenutzt fühlt, nickt ihr die ursprüngliche Titelbildskepsis zustimmend zu. Denn Jankowski scheint genau zu wissen, welche Fäden er in dieser Konstellation zusammenziehen möchte. Buying Art- But expensive schlägt die über dem Ausstellungsraum elegant überhebliche Lichtschrift vor- idealer hätte es die Galerie wohl auch nicht formulieren können. Ob die Kunstpreise der Werke Jankowskis mit dieser Ausstellungsplattform in die Höhe schnellen, ist eigentlich irrelevant. Sie enthalten nämlich einen Überschuss, der sich nicht verkaufen lässt, sondern nur in der eigenen subjektgebundenen Kunsterfahrung konserviert werden kann. Wer diesen Überschuss sucht, sollte versuchen ihn zu finden, und sich diese Retrospektive in der CFA Galerie Berlin anschauen. Der Eintritt ist ja umsonst.

Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin
Fotograf: Jens Ziehe, Courtesy CFA Berlin

Titelbild: Nina Hoss fotografiert von Franziska Sinn, Courtesy: CFA Berlin

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Pia Gralki Verfasst von:

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