Sich fühlen in der Stadt

Während sich das öffentliche Leben in Paris langsam wieder normalisiert, bleibt für viele eine diffuse Angst. Eine Angst, die sich auch ohne Terroranschlag entwickeln kann. Gerade Großstädte sind oft unüberschaubar und Grund vieler Aversionen. Wie sicher fühlen sich die Flâneure in ihrer Stadt?

Enrico: Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Vor Terroranschlägen Angst zu haben, verbietet schon die reale Wahrscheinlichkeit, davon in Europa betroffen zu sein. Die liegt wohl nahe Null. Dass es schnell anders kommen kann, haben die Anschläge in Paris auf furchterregende Art und Weise gezeigt, aber das ist für mich einfach eine Art Realität, die sich in mein Leben setzen kann, oder eben nicht. Was mich viel mehr stört, ist diese unterschwellige Aggression in Berlin. Ich verstehe, dass die Welt, in der wir leben, eine schlechte ist. Viele Probleme, wenig Lösungen. Aber ich sehe nie jemanden, der sich darüber beschwert und in der S-Bahn gegen TTIP motzt oder wieso wieder Flüchtlingsheime angegriffen wurden. Nein, da fluchen Leute, weil sie gerade die U-Bahn verpasst haben – die nächste kommt in 5 Minuten – oder weil Berlin wieder so furchtbar grau und nass sei. Herrje, grau und eintönig sind vor allem die Menschen in dieser Jahreszeit. Sommer = gut, Winter = schlecht. Ein ewiger Kreislauf, ebenso wie das ständige vor S-Bahn-Türen stehen bleiben, um andere Leute bloß nicht in Ruhe aussteigen zu lassen. Erstmal schön die Schultern zücken und sich durchboxen, so wie durch das Leben, Rocky Alltäglich. Eye of the Öffis. Ups, da ist es passiert! Ich beschwere mich ebenfalls über Kleinigkeiten. Der Unterschied: Es sind menschliche Kleinigkeiten, die ein jeder schnell stoppen könnte – und dazu beitragen, dass das Leben in Berlin an Entspannung gewinnt und somit auch an Sicherheit. Denn diese Dauerfrustration ist nicht gut  – und entlädt sich irgendwann. Immer.

Ninia: Ich bin eine von diesen Dauerfrustrierten. Auch, wenn man mir das oft nicht zutraut. Unterschwellige Aggression gibt es nämlich auch in Hannover. Ich ärgere mich nunmal, wenn die S-Bahn nicht kommt, der Regen meine gerade-noch-super-Locken zur unförmigen Krause auf dem Kopf macht oder ich im Sommer schon schwitze, wenn ich bloß herumstehe. Das ist für mich aber auch absolut ok. Dinge, die nerven, darüber kann man sich ruhig mal aufregen. Deshalb hat hoffentlich niemand Angst vor mir. Angst vor Anschlägen habe ich nicht. Ich hatte sie auch nicht, als auf dem Sofa aufgewacht bin und in den Nachrichten sah, dass nur einen Kilometer entfernt gerade das Stadion geräumt wird wegen der angeblich Drohung beim Spiel der Nationalmannschaft kurz nach den Anschlägen in Paris. Es war eher ein kurioses „Ok, bleib ich Zuhause“-Gefühl. In der Stadt, oder in meiner Stadt, hab ich eher Angst, wenn ich abends allein unterwegs bin. Ich fahre deshalb oft Taxi und bin froh, dass ich mir das inzwischen leisten kann. Erst letztens hatte ich im Bus und danach eine unangenehme Situation und hab mich alles andere als sicher gefühlt. Ich versuche schlecht beleuchtete Wege oder einsame Ecken zu vermeiden und telefoniere entweder mit meiner Mutter oder einer Freundin bis ich in der Wohnung bin. Es weiß auch immer jemand, dass ich gerade unterwegs bin, falls ich dort, wo ich hinwill, nicht ankomme. Das mag paranoid klingen, ist aber nach allem, was ich schon selbst erlebt habe, für mich ein Gefühl der Sicherheit. Diese alltäglichen Dinge sind als Angst also viel präsenter und nicht charaktertypisch für Hannover, sondern typisch für eine patriarchale, von Rape Culture geprägte Gesellschaft.

Katharina: Ich bin mir nicht sicher. Auf der einen Seite kann ich nicht behaupten, frei von Angst zu sein. Überraschenderweise begegnen mir solche unangenehmen Situation, wie Ninia sie beschreibt, immer häufiger in Berliner Stadtteilen, in deren gentrifiziertes Bild es eigentlich nicht passt. Auf der anderen Seite glaube ich daran, dass ich solchen Aggressionen und Brenzlichkeiten mit etwas Vorsicht und etwas gesundem Menschenverstand aus dem Weg gehen kann, ohne in Paranoia zu verfallen. Ich will mich nicht durch eine über allem schwebende Terrorgefahr in meinem Alltag einschränken lassen, soweit lässt mein Verstand es nicht kommen. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass ich Unbehagen empfinde, wenn, so wie letztens, ein Großaufgebot an Polizisten ein Gleis am Alexanderplatz sperrt. Natürlich dreht sich meine Fantasie. Doch mit der Angst kommt der Trotz. Ich gebe mich nicht den Vorurteilen hin.

Nehmen wir uns noch eine Zigarettenlänge Zeit für eine vierte Perspektive aus Hamburg:

 

Bild: Georgie Pauwels – flickr.com, unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz

Share Button
Les Flaneurs Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.