Geht spazieren!

Als Punk in einer norddeutschen Kleinstadt war Tanja van de Loo früh mit Nazis konfrontiert, seitdem lässt sie das Thema Migration nicht mehr los. Heute ist sie engagierte Aktivistin im Kampf um die Rechte Geflüchteter. Flâneur Marcel hat sich mit ihr zum Pernodtrinken verabredet und über ihre Arbeit gesprochen.

„Die Arbeit mit Refugees in Hamburg ist fast ausschließlich aktivistisch organisiert. Es ist zwar schön zu sehen, wie viel Engagement sich in einer Stadt entwickeln kann. Sozialpolitisch gesehen ist das aber natürlich eine Katastrophe“. Noch keine fünf Minuten sind vergangen, seit Tanja van de Loo mir strahlend die Tür zu ihrer Wohnung in der Sternschanze geöffnet hat. Während ich noch versuche, mich zu orientieren, habe ich schon den ersten Pernod im Glas. Es ist 18 Uhr. Tanja redet bereits über Progrome der 90er Jahre, fährt darüber zu Hochleistungen auf und mir wird klar: Das wird ein schöner, langer Abend.

Wir zünden uns eine Zigarette an. Ich will wissen, wie der Alltag einer Aktivistin aussieht, wenn es so etwas überhaupt gibt. „Viele Menschen arbeiten in der Kleiderkammer, geben Deutschkurse, organisieren Chöre, Fußballspiele und sowas. Ich sitze meistens am Rechner und am Telefon, beschäftige mich mit Organisation und Recherche und versuche, Menschen zueinander zu bringen“, erzählt sie. Sie legt wert darauf, keine Helferin zu sein. „Das klingt zu paternalistisch. Mein Job ist Empowerment“.

Sie erzählt mir von den Organisationen, in denen sie aktiv ist. Vom Bündnis „Recht auf Stadt – Never mind the papers“, das für Rechte unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Aufenthaltsstatus eintrete, darunter das Recht auf Arbeit, menschenwürdiges Wohnen, Gesundheitsversorgung und das Bleiberecht. „Wir kämpfen für eine Stadt, in der alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben“. Die Initiative „Refugees Welcome Karoviertel“ gründete sich ursprünglich zur Organisation der Hilfe rund um die Erstaufnahmeeinrichtung in den Messehallen. „Seit Ende September wohnen dort zwar keine Geflüchteten mehr, die Initiative mit zahlreichen Arbeitsgruppen ist seit ihrer Gründung vor gut drei Monaten aber so gut vernetzt, dass sie in der ganzen Stadt aktiv ist“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

Auch wenn es ihr nicht immer gelinge, eine gesunde Balance zwischen ihrem Engagement (pro bono, versteht sich) und ihrem Brotjob als Grafikerin zu halten, scheint sich beides gegenseitig zu befruchten und ineinander zu fließen. „Ich beschäftige mich seit Jahren mit Bildpolitiken und Ikonographie, mache Grafiken für Demos und sowas. Dabei lege ich immer großen Wert auf Barrierefreiheit und Universalität“. Sie zeigt mir ein Plakat, das sie im Zuge einer Demonstration gestaltet hat. Darauf fliegen mehrere origamigeformte Vögel über arabische Schriftzeilen. Ein stärkeres Bild für Freiheit und Papierlosigkeit fällt mir nicht ein.

Von Harburg in die Containerstadt

Das zweite Glas Pernod. Ich lasse mir den bürokratischen Ablauf erklären, den jede_r Asylsuchende in Hamburg durchlaufen muss. Zuerst meldet sich der/die Ankommende in der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung in Harburg und wird daraufhin einer Erstunterkunft zugeteilt. In der Regel sind das Camps oder leerstehende, von der Stadt gekaufte Baumärkte. In der Unterkunft wird der/die Geflüchtete von einem mobilen Team registriert. Erst jetzt ist es ihm/ihr erlaubt, einen Asylantrag zu stellen. Wurde dieser geprüft, folgt ein persönliches Interview mit der Behörde, indem genau begründet werden muss, warum Asyl gewährt werden sollte.

Zwischen diesen Etappen liegen oft viele Monate. Eine endlose Zeit der Ungewissheit, die jede_r Einzelne gemeinsam mit vielen fremden Menschen auf engstem Raum und unter schlechtesten Bedingungen verbringt. Theoretisch soll eine Person nach drei Monaten aus der Erst- in eine der aktuell 18 Folgeunterkünfte im Raum Hamburg verlegt werden. Wegen des großen Aufkommens kann ein Umzug mittlerweile aber bis zu sechs Monate dauern. Die Folgeunterkünfte sind qualitativ sehr unterschiedlich, meist handelt es sich dabei um Container-Städte. „Der Vorteil von Containern ist natürlich, dass man dort mit weniger Menschen in einem Raum schlafen muss als in einem Baumarkt“, erzählt Tanja. In Neugraben soll ein ganzer Stadtteil mit Folgeunterkünften entstehen. „Ein Ghetto! Mit Teilhabe hat das nicht viel zu tun“.

Foto: Rasande Tyskar
Foto: Rasande Tyskar

„Mit etwas weniger Bürokratie könnte man den großen Leerstand der Stadt nutzen und einen Großteil der Menschen einigermaßen vernünftig unterbringen“, glaubt Tanja. Sie hält die Unterbringungspolitik aber auch ein Stück weit für Kalkül. „Wenn Politiker_innen von ‚Versagen der Behörden’ sprechen, dann klingt das für mich fast schon euphemistisch. Die aktuelle Situation der Refugees in Hamburg produziert mächtige Bilder, mit denen sehr leicht politisch operiert werden kann. Die Bilder schreien: ‚Kommt bloß nicht hierher! Hier müssen alle in Zelten hausen’. In einem neoliberalen System kann es sehr nützlich sein, entrechtete Menschen zu haben“.

Jeder hat das Recht, nicht zu helfen

Pernod Nummer drei. Dass es momentan einen rechten Backlash gibt, ist für Tanja klar. „Paris hat diese Entwicklung jetzt um vier Monate nach vorne gebombt“. Umso wichtiger scheint es, sich klar zu positionieren. Ich möchte wissen, was ich konkret tun kann, außer meinen Kleiderschrank auszumisten. „Die komplette Organisation für Refugee-Hilfsprojekte läuft über Facebook. Im Grunde kann man jede Idee einfach in eine dieser ganzen Gruppen (zum Beispiel dieser) posten. Erfahrungsgemäß finden sich schnell Mitstreiter_innen für Projekte. Egal ob Grillfest, Tanzkurs oder gemeinsames Basteln. Worauf man eben Bock hat“. Auch auf der Seite Refugees Welcome Karoviertel werden immer wieder Projekte vorgestellt, bei denen man sich einbringen kann. Gerade Angebote für Teenies und LGBTQI-Menschen würden aktuell dringend gesucht.

„Es ist auch immer total hilfreich, Menschen über Nacht mit nach Hause zu nehmen. Man kann sich wohl ganz gut vorstellen, wie wertvoll es ist, eine Nacht ungestört und trocken zu schlafen“. Sollte man sich dafür entscheiden, kann man sich direkt an die nächstliegende Unterkunft wenden. Dabei ist es aber wichtig zu wissen, dass die Refugees verpflichtet sind, sich einmal täglich in ihrer Unterkunft zu melden. Ansonsten gefährden sie ihre Chance auf Asyl. „Wenn man sich nicht selbst engagieren kann oder möchte, sind Geldspenden natürlich auch immer gut“, schiebt Tanja hinterher. „Aber als Person hat auch jeder das Recht, nicht zu helfen. Der Staat hat dieses Recht nicht“. Darauf erheben wir das vierte Glas.

In was für einer Stadt wollen wir leben?

Tanja sieht ihr Engagement nicht in erster Linie als Hilfe an. „Ich mache das vor allem auch für mich selbst. Mein Freundeskreis besteht nur aus Kartoffeln, Deutschen, alle ähnlich sozialisiert, der reinste Kartoffelsalat. Das ist doch total langweilig!“ Sie will ihren Musikgeschmack öffnen, neues Essen essen, Dinge ausprobieren und Menschen kennenlernen. „Ich gehe zum Fastenbrechen, mit einem Bier in der Hand. Das mag provokant klingen, aber ich bin überzeugt davon, dass Menschenkennenlernen immer auch bedeutet, Aushandlungsprozesse einzugehen“. Ihr Tipp: „Geht spazieren! Sprecht mit Menschen! Schaut euch eure Stadt an und fragt euch: Wie wollen wir leben?“

Alle Fotos: Rasande Tyskar (flickr.com), entstanden im Rahmen der Demonstration „Refugees Welcome heißt gleiches Recht für alle“ am 14.11.2015 in Hamburg.

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Marcel Wicker Verfasst von:

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