Irgendwo an der Grenze | Anna von Hausswolff live auf Kampnagel

„Ich begrabe alle meine Kinder. Ich trage sie bis zu ihrem Tode, verweile in ihren Geschichten. Erschöpft von ihrem Gewicht ist meine Milch grau und bitter, aber ich trage sie weiter, bis zu jenem Tag“, singt eine bildhübsche, junge Schwedin, ihr blondes Haar kräftig im Takt vor und zurück wippend. Die düstere Ode an Geburt und Tod verpackt Anna von Hausswolff in helle, feierliche Orgeltöne – noch nie wirkte eine eigens geschaffene Genrebezeichnung so passend wie hier: Funeralpop. Der Sound der 29-Jährigen aus Göteborg hat sich mit den drei Alben, die sie bisher veröffentlicht hat, gewandelt wie das Bild einer blühenden Landschaft nach einem Vulkanausbruch. Das Debüt Singing From The Grave steckte noch voller schlichter Pianosongwriterperlen wie der ersten Single „Track of Time“, ist leicht verträumt, dezent entrückt, eine jenseitige Vision.

Um ins Jenseits zu kommen, muss man aber erst die Schwelle dorthin übertreten: Auf Ceremony (2013) entdeckt Hausswolff die Orgel für sich, durchbricht ohrwurmige Indiehits wie „Mountain’s Crave“ oder das hier eingangs aus dem Englischen übersetzte „Funeral For My Future Children“ mit bassigem Ambient und langen Instrumentalpassagen, die E-Gitarrenrisse gegen Organistenvirtuosität ankämpfen lassen. Das Album brachte ihr auch außerhalb Schwedens genug Beachtung ein, sodass sie weltweit touren konnte und dabei anscheinend ihren Stil endgültig fand. Auf dem neuen Album The Miraculous sucht man Hooks und Catchyness an der Oberfläche vergebens, die ehemalige Architekturstudentin baut jetzt Songstrukturen wie vollendete gotische Kathedralen: imposant, durchaus mit filigranen Ornamenten verziert, letztlich aber vor allem mächtig und Ehrfurcht gebietend.

anna von hausswolff

Epen wie „Come Wander With Me/Deliverance“ oder „Discovery“ reizen ohne einfache Melodiebögen mit fragmentierter Sehnsucht und einer Progressivität, wie sie Steven Wilson (siehe Porcupine Tree etc.) seit fast zehn Jahren nicht mehr hinbekommt – im Sinne des Wortes, einen eigenen Sound schaffend und voran treibend. Die Tochter des Klangkünstlers Carl Michael von Hausswolff vollbringt das längst Überfällige, sie definiert Gothic neu: Nicht als alberne Fetischmaskenparade verstoßener Teenager zu grenzdebilen Stümperklängen, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung mit jenem, was größer ist als der Mensch; und hierzu zählt auch und vor allem die Musik. Bei all ihrer vermeintlichen Todessehnsucht vergessen die Schwarzkutten nämlich das Wichtigste: Jedem Untergang folgt der Mythos der Wiederauferstehung. Von Hausswolffs Walhalla liegt im flehenden „Evocation“ oder dem harmonischen Albumausklang „Stranger“. Einfach nur Schwarz, das wäre langweilig und nicht realistisch.

Hochtrabende Worte, zugegeben, aber für die neue Hohepriesterin der Melancholie mehr als angemessen. Erlebt mit uns die spannendste Grenzgängerin der aktuellen Singer/Songwriterszene live in Hamburg auf Kampnagel am Mittwoch, dem 2. Dezember. Wir haben zweimal zwei Karten für euch – schickt uns einfach bis Dienstag, 12 Uhr mittags, eine E-Mail mit dem Betreff „Anna von Hausswolff“ und den Namen, unter dem wir die Tickets an der Abendkasse hinterlegen sollen, an redaktion@lesflaneurs.de. Viel Glück!

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Michael Schock Verfasst von:

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