Die Welt von morgen kennt keine Sorgen

Vor einigen Wochen schrieb Sozialpsychologe Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung, dass wir keine positiven Visionen der Welt mehr haben, gerade jetzt, wo sie so bitter nötig wären. Recht hat er! – dachte ich mir und schrieb eine bunte Vorschau auf das kleine Berlin von morgen. Hoverboards noch nichtmal mit einberechnet! Das wird toll!

Berlin, 2030: Ich radle gerade auf der Fahrradautobahn von Nord nach Süd durch die Stadt. An den Seiten rascheln die Bäume, das Begrünungsprogramm 2020 hat aus der sowieso schon sehr grünen Stadt einen richtigen urbanen Dschungel geschaffen. Die in der Nähe fahrende Ein-Schienen-S-Bahn ist dadurch fast nicht zu hören. Ich nehme die Abfahrt Tempelhof und stelle mein Rad am Tempelhofer Feld ab. Am Paraglider-Stand ist eine lange Schlange, aber es geht schnell voran. „Moabit–Westhafen, bitte“, sage ich und schnalle mir den Rucksack um, bevor ich mich ins Katapult setze. „3,2,1 … los!“ und schon sause ich durch die Luft. Ich öffne den Rucksack und gerate ins Gleiten – wie wunderbar! Seit fünf Jahren gibt es diese komfortable und immer wieder adrenalinfördernde Art des Reisens.

Einfach nur wuiiiiiiiiitastisch!
Einfach nur wuiiiiiiiiitastisch!

Seit der Flugverkehr durch die „Unterirdische-Teleportröhren-Reise AG“, kurz: URRG, seinen Sinn verloren hat, sind die Lüfte wieder frei. Ich sehe in einiger Entfernung zwei andere Paraglider durch die Lüfte segeln und fange an zu steuern. Gestern saß ich im IMAX Olympiastadion für den 17ten Star Wars-Film und bin immer noch überrascht, wie gut mir die Einbindung eines „Evil Ewok“ in den Filmkanon gefallen hat. Ihr wisst schon, diese kleinen knuffigen Teddybären – jetzt nur in Böse. Vielleicht schreibe ich später einen Artikel dazu, mal sehen ob in meinem Denkarium ein paar schlaue Gedanken dazu herumfliegen.

Jetzt gleite ich erstmal über dem Berliner Stadtschloss dahin, welches ziemlich früh nach seiner Fertigstellung vor 5 Monaten als zu veraltet galt und seitdem vor allem durch seine Eignung als Partylocation aufgefallen ist. Der Bass dröhnt bis zu mir und wenn ich es richtig deute, tanzt da gerade eine nackte Frau Merkel über die Wiese. Seit sie mit Herrn Ströbele von den Grünen zusammen ist, ist sie wie ausgewechselt und machte in den letzten Jahren als DJane von sich reden. T-Shirts mit ihrer Merkelraute, die in der Mitte ein Herz hält, sind sehr oft auf der Straße zu sehen.

Ja, auch allgemein ist diese Welt eine liebendere geworden. Die Unterbringung vieler Flüchtlinge im Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof machte ihn zu einer kulturellen Versuchswerkstatt, die nun ihre Buntheit an vielen Ecken der Stadt ausströmen lässt. Der Fernsehturm wurde bspw. letztes Jahr angemalt, jeder Meter stellt nun die Kultur eines anderen Landes dar. Ein knisterndes Interesse an dem was fremd scheint hat sich breit gemacht, nach all den Kriegen und dem Terror Mitte des letzten Jahrzehntes entwickelte sich eine „Jetzt erst Recht Friede, Freude und Falafel!“-Haltung, die nachhaltig wirkt.

Wenige Schwebemomente später sehe ich unter mir reiche Menschen in ihren Reichstag-Lofts sitzen. Seit der Zusammenlegung aller europäischen Länder zur UNoHB (United Nation of Human Beings) wurden die Regierungsgebäude freigegeben, da Gesetzgebung und -sprechung mittlerweile komplett online ablaufen und durch ein nun besser durchdachtes System der „liquid democracy“ bestens funktioniert. Diese letzte Bastion der Reichen hier wird auch noch fallen – bis dahin schmunzle ich und setze langsam zur Landung auf einer grünen Wiese nahe am Westhafen an, gebe meinen Gleitschirm zurück und mache mich auf dem Weg zum Café Morgenlicht, um dort eine Freundin zu treffen und ’nen Stück frischgebackenen Mohnkuchen zu essen. Denn auch das ist Teil einer Utopie: Dass manch‘ gute Dinge einfach so bleiben können wie sie sind.

Fotorechte: Ashley Rose – flickr.com und Niko Trinkhaus, modifiziert durch Enrico Seligmann, unter Berücksichtigung der CreativeCommons-Lizenz

 

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Enrico Seligmann Verfasst von:

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