Blickwechsel – Beckmann und ich

Zwischen schnellen Schritten, unzähligen Füßen und wuselnden Köpfen versuche ich, dem Maler zu begegnen, der mich heute Abend in diese Ausstellungshallen zog. Entlang der chronologisch kuratierten Gemälde finde ich ihn nur indirekt. Stattdessen führen mir die Bilder sein Berlin vor Augen, eine historisch gewordene Stadt zwischen den beiden Weltkriegen.

Mein Blick gleitet über das impressionistisch geprägte Frühwerk des Künstlers, und gerät im zweiten Raum ins Stocken. Irgendetwas hat sich verändert. Farben, Linienführung und Flächenverhältnisse passen nicht mehr zu dem Beckmann, mit dem ich zuvor vertraut geworden bin. Hier springt mir das Gesicht des Skurrilen entgegen, fratzenhaft und verzerrt. Ich verweile etwas zu lang im Sog des Leiermanns von 1935 und befürchte schon, das grausame Gebiss der zentralen Figur könnte puppenhaft mechanisch zum Sprechen ansetzen, da schaffe ich es, mich loszureißen und stolpere in den Mittelgang.

Berlin durch Beckmanns Blick: "Blick auf den Nollendorfplatz", 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Berlin durch Beckmanns Blick: „Blick auf den Nollendorfplatz“, 1911, Stiftung Stadtmuseum Berlin, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Etwas wirr verspüre ich das Bedürfnis nach einer Zigarette, besser noch einem Glas Sekt, und kann an den suchenden Blicken meiner Mitstreiter ablesen, dass es ihnen genauso gehen muss. Zur Feier des 40-jährigen Bestehens lädt die Berlinische Galerie dazu ein, am Abend der Eröffnung zur „Max Beckmann und Berlin“-Ausstellung eine weitere Position des Künstlers zu betrachten, dessen prägendste Schaffensphasen sich in der Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und den Zeitgenossen des damaligen Berlins vollzogen.

Ich finde, was ich suchte, allerdings nicht an der Bar des Hauses, sondern in dreifacher Form auf der Leinwand: Beckmann, der Sekt und die Zigarre. Auf seinem „Selbstbildnis mit Sektglas“ von 1919 präsentiert mir der Maler beide Objekte meiner momentanen Begierde in höchst affektierter Haltung, die eine Hand auf seiner Schulter ausgebreitet, zwischen den fahlen, gespreizten Fingern der charakteristische Glühstängel. Am Glas in seiner anderen Hand perlt noch der Schaum entlang, sein Blick geht an mir vorbei, ahnt er doch, dass ich kurz davor bin nach dem Sektkübel neben ihm zu greifen. Der Beckmann, der mich hier bewusst zu ignorieren scheint, zeigt mir seine arrogante Seite, wenn auch nicht ganz ohne Selbstironie. Seine hochgezogene Augenbraue reagiert auf eine Aussage seines unsichtbaren Gegenübers, dem er mit gekünstelter Skepsis und einem zur Seite gezogenen Mundwinkel begegnet.

Beckmann, der Sekt und die Zigarre: "Selbstbildnis mit Sektglas", 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015
Beckmann, der Sekt und die Zigarre: „Selbstbildnis mit Sektglas“, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Als ich meinen Blick zu lösen beginne, bemerke ich, dass ich während meines Beobachtens selbst zum Objekt der Beobachtung wurde. Neun verschiedene Beckmanns prüfen mich von ihrer Leinwand aus, und jede scheint einen ganz anderen Menschen konserviert zu haben. Ein blaues Augenpaar fängt mich auf. Es ist der Blick des Jüngsten aus der Beckmannschen Ahnenreihe, der mich in stiller Zurückhaltung fixiert. Wir gucken uns an, als hätten wir einander gegenseitig bei einem Gedanken ertappt, den wir lieber für uns behalten würden und der nun unausgesprochen zwischen uns steht. Ich frage mich, was wohl gerade in diesem jungen Mann von 21 Jahren vor sich gegangen ist, als er sich in seinem Selbstbildnis von 1905 auf Jütland portraitierte. Die schemenhaft belassene Landschaft hinter ihm ist trügerisch, denn die blaue Krawatte verrät, dass er mit seinen Gedanken bereits im Kunstbusiness der Berliner Moderne angekommen ist. Fast scheint er sich auf dem Mund zu beißen, in gespannter Vorahnung der künstlerischen Aussagen, die er noch in der Welt treffen wird. Mir kommt dieses Übergangsstadium zur Adoleszenz sehr vertraut vor und ich verweile in dem Gedankenspiel, selbst vor 110 Jahren als junge Künstlerin ein Berliner Atelier in der Eisenacherstraße 103 bezogen zu haben, erfüllt von dem „was wir sind oder werden wollen, was wir hoffen, fürchten, glauben“, wie der junge Beckmann es damals in einem Briefwechsel beschrieb.

Anzug, Melone und Attitüde: "Selbstbildnis Florenz", 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford)
Anzug, Melone und Attitüde: „Selbstbildnis Florenz“, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, 
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford

Von da an jedoch, fühle ich mich durch den Blick meines Beckmannschen Gegenübers latent underdressed und provoziert, meinen Hemdkragen hochzustellen, die Schuhe zu polieren und schnell eine ebenso imposante und unverrückbare Position einzunehmen. Das Selbst, welches das aktuelle Ausstellungsplakat ziert, ist nur zwei Jahre älter als sein Portraitvorgänger und hat sich schon komplett von allem Zögern und Zweifeln freigemacht. Er ist weiter gereist, befindet sich laut Titel in Florenz und wirft mir eine kühne Strenge entgegen, einen kommentierenden Blick, der den meinen nicht erwidern will. Ich pralle an ihm ab, er ist schon weiter gezogen, und hat sich selbst überholt.

Die variierende Intensität der Lebenssituationen, gepaart mit der Selbstinszenierung Beckmanns als Künstler von Welt führt zu einer Vielzahl von Blickwechseln, mit denen sich der Ausstellungsbesucher der Berlinischen Galerie konfrontiert sieht. Denn es gibt nichts, was den Raum so durchschneiden kann, wie der Blick aus und in eine vergangene Zeit, die sich in Form des menschlichen Antlitz mit dem Eigenen trifft.

Wer die Gegenüberstellung mit Beckmann nicht scheut und mehr über sein Wirken gerade im Zusammenhang mit anderen Künstlern der Moderne erfahren möchte, kann dies noch bis zum 15. Februar 2016 in der Berlinischen Galerie tun.

 

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Pia Gralki Verfasst von:

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