Wer darf reden, wer hört zu?

Von Weitem höre ich Menschen wild durcheinander rufen, megafonverzerrte Stimmen erheben sich über laute Menschenmengen und halten Ansprachen. Motorenlärm, Rauschen. Je näher ich dem Gorki Theater komme, desto klarer kann ich erkennen, woher die Geräusche kommen: Auf dem Vorplatz ist eine Videoinstallation mit verschiedenen Bildschirmen aufgebaut, auf denen parallel Videos gespielt werden. Ich bleibe vor dem ersten Bildschirm stehen. Ein Kleinkind liegt mit dem Gesicht im Sand am Strand, Welle um Welle umspült den leblosen Körper. Ich starre eine Weile das leere Gesicht des Kindes an. Alles, was mir gerade noch im Kopf herumging, ist weggewischt.

Zum zweiten Mal findet am Berliner Maxim Gorki Theater der zweiwöchige Herbstsalon mit Gastspielen, Performances, Gesprächen und Vorträgen statt. Während 2013 Fragen zu Identität, Nation und Herkunft verhandelt wurden, liegt dieses Jahr der Fokus auf dem Thema Flucht nach Deutschland und Berlin und den daraus resultierenden Fragen an die Bevölkerung. Eine umfangreiche Ausstellung zieht sich durch die Hallen des Gorkis und des Palais am Festungsgraben. In den, in diesem Kontext, schon fast ironisch prunkvollen Räumen werden Arbeiten von mehr als 25 Künstlern verschiedenster Medien ausgestellt. Viele Werke schaffen stille Momente der Fassungslosigkeit – so auch die Videoarbeit vom Zentrum für politische Schönheit des toten Jungen am Strand, das mich zu Beginn überrumpelte.

Überforderung und Fassungslosigkeit

Leon Kahane stellt einen senegalesischen Aufklärungscomic über Migration großformatigen Fotografien der gespenstisch leeren Büroräume der Warschauer Zentrale von Frontex gegenüber. In der meterlangen Wandarbeit „Dead Souls“ zeichnet Marina Naprushkina das Verhältnis von deutschem Export und Asylpolitik der letzten 35 Jahre nach. Gleichzeitig liegt mit ihrer „Refugee’s library ein Archiv von Gerichtsprotokollen bereit, das Anhörungen von Asylsuchenden nachzeichnet. Ein Archiv in zahlreichen Heften, das als Informationsquelle zur Vorbereitung der Geflüchteten auf eine eigene Anhörung dient. Im Nebenraum stellen drei mannshohe Glasvitrinen verschiedene zurückgelassene Objekte aus, die Menschen auf ihren lebensgefährlichen Überfahrten in Booten bei sich trugen. Thomas Kilpper und Massimo Ricciardo machen daraus Relikte unvorstellbarer Reisen: ein durch Wasserflecken gewelltes Sammelbild der heiligen Maria, ungeöffnete Thunfischdosen, Zigarettenschachteln, abgegriffene Taschenmesser, ein Fernglas, eine zerschlissene Landkarte des Mittelmeerraumes, verrostete Schlüsselanhänger, selbst ein Ehering. Jedes der Objekte fordert dazu auf, sich seine Besitzer vorzustellen.

Im Herzstück des Ausstellungsparcours finde ich mich im Ballsaal des Palais zwischen einer Flut von Bildern und Texten wieder – Bestandteile der wachsenden Wanderausstellung „We will rise“ von einem Kollektiv der Berliner Flüchtlingsbewegung. All das Text- und Bildmaterial schreit mich förmlich an, Flyer regnen an dünnen Drahtseilen von der Decke herunter, an den Wänden hängen Poster, die Tage eines Hungerstreikes zählen. Mitten im Raum steht eine Sperrholzwand, jeder Meter ist Teil eines riesigen Zeitstrahls der Eskalationsetappen seit 2013. Eine gefühlte Ewigkeit bewege ich mich zentimeterweise durch den Raum, nehme auf, was ich kann, bis ich schließlich voller Eindrücke das Treppenhaus hinuntertaumele. Im Studio Я beginnt gleich der erste Vortrag der Kosmos² Labor-Reihe.

Es gibt keinen neutralen Diskurs

Die zehnteilige Veranstaltungsreihe, kuratiert von der Autorin, Theoretikerin und interdisziplinären Künstlerin Grada Kilomba, nähert sich mit Lecture-Performances, Filmen und Artist Talks den Fragen um die Dekolonialisierung von Wissen an. Es geht darum, wie Wissen produziert und ausgetauscht wird: Wer hat Zugang zum Wissen, wer darf reden, wer hört zu? Der Abend ist ein Ideen-Labor, eine Schutzzone des Austausches. In ihrer einstündigen Lecture-Performance spannt Kilomba einen unglaublich komplexen und emotionalen Bogen zwischen Kolonialgeschichte, Rassismus in Europa, Erkenntnistheorie, Psychologie und der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Kollision dieser Welten. Ein Geflecht von philosophischen Fragen und biografischen Erzählungen. Im einen Moment folgen wir den theoretischen Überlegungen zur Hautfarbe, die jedem einen Platz in der Hierarchie der Welt zuteilt. Im nächsten Moment stellen wir uns den Begriffen Verdrängung, Erinnerung und Trauma. „What do you have to pay to tell the truth? When I speak, what is it, that you don’t hear?“ Viele Fragen hallen lange im Raum nach.

Kilomba entlässt uns mit der Aussage: „Think about this: we all speak from a specific time and a specific space. There is no neutral discourse.“ Mit diesem Gedanken durchwandere ich geistig noch einmal die Ausstellung, die so viele unterschiedliche Positionen zusammenbringt.

Es gibt keinen neutralen Diskurs. Die Flucht nach Europa ist das beste Beispiel dafür. Der Verhandlungsort Herbstsalon schafft Raum, um sich diesem Diskurs gemeinsam zu stellen. Oft fiel das Wort „zuhören“ – ein Zuhören, das wir im Rausch der vorschnellen Meinungen in diesen Zeiten verlernt haben. Ungefiltert, ununterbrochen jemandem zuhören, der seine Geschichte erzählt.

Im Garten der Lüste

Für die nächsten zwei Wochen kann man außerdem fast täglich an der partizipativen Performance  „Garden of Delights“ der Gruppe Talking Straight teilnehmen. Die 45-minütige Führung wird ausschließlich in einer sehr beeindruckenden Fantasiesprache performt, in der die Gruppe um Daniel Cremer seit 2010 schon Managementseminare, Gottesdienste und Stadtführungen abhält. Die Teilnehmer folgen den zwei, mal charmanten mal unheimlichen Performern durch und um das Theater als Teil eines Willkommenskurses. Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll und das ist gut so. Subtil und pointiert wird der opulente Humor der Darsteller und die bizarren Situation, in die wir als Teilnehmer geworfen werden, mit dem bitteren Kontext der europäischen Grenzpolitik gebrochen. Nachdem schlussendlich einige Glückliche mit Frontex-Vertragspapieren um das Willkommensschild im Versammlungsraum tanzen, zerteilt sich auf der Leinwand ein Europa, im Zeitraffer seit dem 12. Jahrhundert, rasend schnell in immer neue Teppichflicken. Ich könnte am Ende der Performance kaum dankbarer für die Erfahrung sein, nichts zu verstehen und trotzdem immer wieder zum Verstehen Anlauf zu nehmen.

Der Berliner Herbstsalon im Maxim Gorki Theater findet noch bis zum 29. November in Berlin statt, das nächste Kosmos² Labor gibt es am 22. November um 18 Uhr. Viele Veranstaltungen sind kostenfrei besuchbar.


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Nina Behrendt Verfasst von:

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