Unter Nordlichtern | So war’s beim Iceland Airwaves 2015

Das halbe Jahrzehnt ist voll! Zum fünften Mal in Folge hat es mich zum Iceland Airwaves Festival in Islands Hauptstadt Reykjavík gezogen. Und so großartig es hier 2013 auch war, muss ich sagen: Dieses Airwaves war das musikalisch wohl beste. Auch wenn die Wale und das Wetter dieses Mal nicht so wollten. Aber was rede ich, lasst uns Fotos gucken.

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Bei unserem ersten Islandbesuch zum Airwaves 2011 sind wir förmlich ausgeflippt, weil ein winziger grüner Streifen Nordlichter sich hinter den Wolken überm Hafen Reykjavíks erahnen ließ. Dieses Mal war eine Nordlichtertour fest gebucht und die Nacht vorm Festivalstart dafür reserviert. Dabei hätten wir die Tour nicht gebraucht. Direkt über dem Apartment, während wir auf den Bus warteten, zeigten sich richtig dicke Nordlichter direkt über der Stadt – was ungewöhnlich ist, weil diese so viel Licht ausstrahlt (Light polution), dass sie sonst eher mau zu sehen sind. Auf dem Weg zu einem See zwischen schwarzen Lavabergen auf der Reykjanes-Halbinsel war die Aurora borealis so stark, wie ich sie nur aus Dokus kannte. Ein grüner Schleier über den Moosfeldern, unten ausgefranzt, sich langsam am nächtlichen Horizont schlängelnd. Für den Rest der Nacht, von halb neun bis zwei Uhr früh, verzogen sie sich dann hinter einer Wolkenwand. Aber sei’s drum, der Moment, in dem ich das Norðurljós direkt über der City sah, bleibt für immer unvergessen.

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Wenn man in Island ist, macht man natürlich auch tagsüber einen Trip raus in die Natur. Das ist in der beginnenden Wintersaison und mit begrenzter Zeit nicht so einfach, weshalb ich in den letzten Jahren bereits die Südküste ganz gut bereist habe. Aber eines war noch offen: Raus aufs Meer, Wale gucken! Das ist der Ausblick auf Reykjavík vom Schiff aus während des Ablegens, links die Harpa, das Konzerthauptgebäude der Stadt.

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Und draußen auf dem Atlantik? Keine Wale, leider. Wir haben nur ein paar Delfinflossen zu Gesicht bekommen, die verspielt immer wieder in unserem Umfeld auf- und wieder untertauchten. Klar, macht euch ruhig über die Touris mit ihren Kameras und albernen Anti-Kälte-Anzügen lustig, damn Dolphins! Aber auch wenn ich meine Lieblingstiere, Orcas (die interessanterweise zur Familie der Delphine gehören, also wieder was gelernt), nicht zu Gesicht bekam, war es großartig, mal wieder auf See zu sein und richtig harten Wellengang zu spüren. Während eine Handvoll Leute unter Deck mit dem drohenden Übergeben kämpfte, war es für mich eine große, spaßige Schaukelparty.

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Lange fragte ich mich, was eigentlich aus Rakel Mjöll Leifsdóttir, der Sängerin von Útidúr, einer meiner liebsten isländischen Folkbands, wurde. Nun, sie hat jetzt ein neues Projekt namens Halleluwah, mit dessen Konzert aus Zufall unser Airwaves am Mittwoch begann. Wir wollten nämlich mal im NASA, einem alten Kino, vorbeischauen. Das war 2011 noch Festival-Venue, die Jahre danach aber geschlossen. Gut, dass es jetzt wieder da ist, denn NASA hat eine ideale Größe und mit kitschigen Spiegelsäulen und Teppichboden eine eigentümlich wohlig an die 90er erinnernde Atmosphäre. Und zu Halleluwahs Elektrosoulpop: Na ja, Rakel hätte lieber bei Útidúr bleiben sollen.

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Das Schöne (und auch Tragische) am Airwaves ist, dass man oft kleine, winzige Projekte live zu sehen bekommt, die bald darauf wieder in der Versenkung verschwinden, oder dann eben doch den großen Durchbruch schaffen. Mit Hekla wird es Ersteres sein, und das ist gar nicht wertend gemeint. „I’m an icelandic theremin player. I play eerie electronic music that combines theremin and vocals“ schreibt die nach dem Vulkan benannte Isländerin zu ihrem Projekt. Extrem verschüchtert hüllte sie das Tjarnabíó in ihre ambienten Sounds, die viele als skurril belächelten, dann aber doch blieben und bis zum Schluss anhörten. Irgendwie war das nämlich wieder auf eine ganz eigene, verschrobene Art und Weise bezaubernd.

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Árstíðir sind mit ihrem oft sehr romantischen, fast kitschigem Nordfolk nicht die hippste isländische Band, mit der Anfang-20-Jährige zu Hause prahlen. Sie sind eher eine Band, die man auch seinen Eltern unterjubeln kann, und diese werden sich dann sehr exotisch fühlen, so schöne, von so weit her kommende Musik zu mögen. Ich kann mit Árstíðir viel anfangen, gerade da ihr aktuelles, drittes Album „Hvel“ moderner, aufgeräumter und etwas weniger folky klingt. Und ihre Hauptshow in der Harpa, mit perfekter Lichtshow und sehr stillem, aufmerksamem Publikum, war eines der Highlights.

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Zum Thema Highlights: Arnór Dan ist als Gastsänger von Ólafur Arnalds auf „For Now I Am Winter“ und der dazugehörigen Tour weit herumgekommen. Seine Band Agent Fresco hat mit „Destrier“ endlich ihr zweites Album herausgebracht, welches den Vorgänger leicht in allen Belangen toppt, den toten Progressiverock beinahe wieder beleben könnte. Aber keine Aufnahme wird dieser Band live gerecht. Im Herbst touren sie durch Deutschland, googelt das, geht da hin.

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Das Wetter war dieses Mal ähnlich wie in Deutschland sehr mild. Wir hatten ca. 6 Grad, meistens von nur leichtem Wind begleitet, jedenfalls für isländische Verhältnisse. Der Nachteil: Es war das verregnetste Airwaves, das ich bisher erlebte. Nur selten gab es kleine Lücken in der Wolkendecke, die sich wie hier über der Harpa auftaten.

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Aber Regen in Reykjavík ist wie Regen in London: Man beschwert sich nicht darüber, man macht das Beste draus. Wir stiegen auf den Turm der Hallgrímskirkja, in unmittelbarer Nachbarschaft des Apartments, und genossen den diesig gedämpften Blick über die Stadt.

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Zu den neuen Off-Venue-Locations (also die Orte in de Stadt, an denen jeder einfach den ganzen Tag über ohne Festivalbändchen Konzerte schauen kann) gehörte dieses Jahr das Bryggjan Brugghús am westlichen Ende des Hafens, ein schummriges Brauhauscafé. Hier holten wir uns nachmittags einen kleinen Agent-Fresco-Nachschlag, auch wenn es pickepackevoll war. Inzwischen nutzen nicht mehr nur die Airwaves-Bezahler diese Shows, oft hört man von Leuten, die sich ganz ohne Bändchen nur in den Off-Venues verlustigen. Leider ist es dementsprechend voller dort geworden, man kommt kaum mehr in ein Café, Theater, Klamottenlädchen etc. rein, wenn dort gerade jemand spielt.

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Wahl-Isländer John Grant wartete beim Airwaves mit einer seiner Orchestershows auf, für kostenlose Tickets musste man in der Harpa anstehen, denn in den herrschaftlichen, roten Eldborg-Saal der Harpa passen wegen der Sitzplätze nicht all zu viele Leute. Meine Erwartungen waren groß – und wurden dann sogar übertroffen. Grant spielte sich durch zwei Stunden Highlights aus seinen drei Alben, intonierte sogar mit karamelligem Schmacht in der Stimme „Drug“ seiner Ex-Band Czars. Ein Gänsehautmoment. Auch in den Elektrostücken, die auf seinen Alben gerne mal etwas altbacken nach 70s-Discopop klingen, vollbrachte das Icelandic Symphony Orchestra wahre Wunder. Ich habe noch nie eine so perfekte Kombination aus Streicherbombast und Elektro gehört.

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Den dezent schrulligen Psychedelicrock der Kult-New-Yorker Mercury Rev habe ich nur für die letzten paar Songs mitbekommen, in denen Frontmann Jonathan Donahue mit großen Gesten das Dreampop-Noisegewitter untermalte. Eine urig sympathische Band und das erste Mal seit Langem, dass jemand wieder mal das dröhnende Feedbackgewitter am Ende des Sets so lange hat hallen lassen, dass die Soundleute selbst den Stecker ziehen mussten.

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Was genau Father John Misty ist, muss die Wissenschaft noch herausfinden. Superarrogante Rampensau? Hyperironischer Zynismusmaster 3000? Begnadeter Meta-Meta-Medienmusiker? Fakt ist, „I Love You, Honeybear“ ist für mich das wohl beste Album des Jahres, verbindet herrlich hintersinnige Texte mit zeitlosen Melodien. Die ersten Lieder seines Sets in der Harpa waren noch von Soundproblemen der linken großen Box geplagt, sodass es eine Pause gab, in der sich Father John, aka Joshua Tillman, mit den ersten Reihen unterhielt, was weiter hinten im vollen Saal für Unmut sorgte. Plötzlich verschwand er ganz, nur um eine Minute später wieder herausgeprescht zu kommen und in perfektem Sound „When You’re Smiling And Astride Me“ zu schmettern. In herrlich übertriebenen Dancemoves illustrierte Tillman ein makelloses Set aus seinen beiden Alben und haute zwischendrin mal Sprüche raus wie: „I’ve worn cheap suits all over the world, but it’s my first time here. One thing I gotta say: The whale meat at home tastes better.“ Ouh snap, da gab es nur verhaltenen Jubel der anwesenden Isländer. Solche Spitzen gehören zu Father John Misty, genau wie eine Aktion am Ende seines einmalig dargebotenen „Bored In The USA“; Nahe an der ersten Reihe lehnend schnappt er sich das Smartphone eines Typen aus dem Publikum und filmte sich damit theatralisch im Scheinwerferlicht. Dem nicht genug, befahl er nach den letzten Tönen seinem Keyboarder, noch einmal die letzte Minute zu wiederholen, nur um sich dabei mit neu eingestelltem Smartphone n o c h b e s s e r zu filmen: „Yeah, okay, I think I got it right this time. Thanks for being a part of the show and not staring at your phone, you’re making great memories. Just kidding … you’re too drunk to remember anything.“ Father John, spätestens jetzt liegt dir auch ganz Island zu Füßen.

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Warum Hjaltalín nicht international so gefeiert werden wie etwa Sigur Rós ist mir ein Rätsel. Vielleicht, weil auf sie nicht die albernen „Feen und Kobolde“-Stempel passen? Keine Ahnung. Dabei sind sie eine der besten isländischen Bands, sogar in den Top drei, wenn ich wählen müsste. Ihre Mischung aus Pop, Rock, irgendwie auch Soul und Elektro ist kaum zu umschreiben, der Gesang von sowohl Frontmann Högni Egilsson als auch Frontfrau Sigríður Thorlacius großartig. In der Harpa präsentierten sie einige neue Songs, die allesamt in eine eher verträumt-romantische Richtung gingen. Es ist wirklich Zeit fürs neue Album!

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Singer/Songwriter und so eine Art Indie-LGBT-Ikone Perfume Genius hat ungefähr die gleichen Moves wie Father John Misty drauf, schwingt dabei aber noch häufiger und dramatischer seine Hüften. Mike Hadreas war in seinem Onesy und klobigen Glitzerschuhen der exaltierteste Sänger, den ich je auf der Bühne gesehen habe. Zwischen sensibler Ballade am E-Piano und großem Dramabrocken wechselte er mühelos hin und her, häufig ins Leere blinzelnd, wie von Ticks getrieben, mit sich selbst sprechend, dann wieder ins Mikro hauchend oder kreischend. Es gab „Hood“, es gab „Queen“, alle waren hochzufrieden.

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Zu Vérité gibt es ausnahmsweise nicht viel zu sagen. Wir stolperten ins Gamla Bíó, dieses Jahr wieder unbestuhlt, und schütteln unseren Speck zum Elektropop der Amerikanerin Kelsey Byrne im schmucken Theater. Einfach eine gute Zeit.

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Kein blöder Reiseführer kommt ohne einen Hinweis auf den blöden Hotdogwagen am Hafen aus. Man bekommt nur ein paar Meter weiter den wohl frischesten Fisch der Welt, köstlich zubereitet und halbwegs bezahlbar im Café Paris (Catch of the Day für umgerechnet 17 Euro), aber nein, die Touris stehen für fade Wurst im Pappbrötchen an. Mumpitz.

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Weil wir so viel entlang des Hafens unterwegs waren, habe ich dieses Mal Hunderte Fotos größerer und kleinerer Schiffe auf meiner SD-Karte. Um nicht zu nerven, hier nur eines davon.

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Riesige Street-Art auf dem Weg zum Listasafn (Art Museum) ist riesig. Und bunt.

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In der süßen kleinen Fríkirjan am Tjörnin-See im Stadtzentrum hatte ich dieses Mal kein Konzert eingeplant, stolperte einen Abend dann doch hinein, weil ich das Gebäude liebe, die Akustik und Atmosphäre hier so einzigartig sind. Holly Macve, eine 20 Jahre junge Singer/Songwriterin aus Brighton, spielte hier gerade erwartbaren Country mit überraschend ausdrucksstarker Balladenstimme. Fast erinnerte sie mich an Dolly Parton, die ja gefühlt 70 Jahre älter ist.

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Wenn mir ein negatives Erlebnis in Erinnerung geblieben ist, war es das Konzert der Dreampoper Beach House. Noch nie herrschte so ein Gedränge wie hier im Silfurberg-Saal der Harpa. Der sonst zumindest gut belüftete Raum heizte sich auf, betrunkene Isländerteeniegirls in Pelzmänteln keiften umher, meine Füße klebten an vergossenem Zuckerzeug auf dem Boden fest. Es war eine Katastrophe und der denkbar unglücklichste Rahmen für ein Konzert des Duos aus Baltimore. Da nervten die sehr ähnlich klingenden Songs schnell und nach drei Stück war ich wieder verschwunden …

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… nur um im Gamla Bíó, wenige hundert Meter weiter, die fantastische Anna B Savage zu sehen. Als perfektes Kontrastprogramm war der Saal fast leer, vielleicht drei Dutzend Zuhörer waren anwesend. Verkehrte Welt. Denn die introvertierte Gitarristin spielte sich so intensiv die Seele aus dem Leib, dass mich ihr roher, bluesiger Stil stark an die geliebten Scout Niblett und PJ Harvey erinnerte. Eine tolle Entdeckung und runder Schluss für ein großartiges Iceland Airwaves 2015.

Wer noch einmal meine gesammelten Tweets vom Festival inklusive Drumherum nachlesen möchte, kann das hier tun. Dort gibt es auch eine Spotify-Playliste mit ausgewähltenSongs der auftretenden Künstler.

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Michael Schock Verfasst von:

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