Techniktücken oder Charaktercrash – Verabredungen in Zeiten des Internets

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Zusage oder Absage an die Zukunft?

Vor einiger Zeit beschäftigte sich die Redaktion der Welt mit der Frage, ob die sogenannte Generation Y durch all die Verlockungen der modernen, technikgelenkten Welt unfähig geworden ist, selbst einfachste Dinge zu erledigen – wie z.B. sich zu verabreden und diese Verabredungen einzuhalten. Die genannten Beispiele zeichnen ein trauriges Bild, aber was sagt denn die vom Alter her bunt gemischte Flâneurredaktion dazu?

Enrico: Ich finde diese Generationenbegrenzung immer ziemlich blöd, Idioten fallen halt eher auf, egal aus welcher Generation sie stammen.   Dennoch kann ich dem Grundtenor des Artikels nur zustimmen – ich sehe es ja in meinem eigenen Freundeskreis. Wenn da mal etwas mit mehreren Leuten organisiert werden soll, ist das immer ein zäher K(r)ampf. Und da geht es nicht nur um Job- oder Uni-Verpflichtungen, sondern oft um die benannten Befindlichkeiten und das halbe Dutzend Einladungen zu allen möglichen Veranstaltungen. Es wird hin- und hergeplant, taktiert, geschaut wer noch so kommt etc. Um den Frust kleinzuhalten, frage ich mittlerweile nur einmal, und entweder melden sich die entsprechenden Personen und haben selber Interesse an einem Treffen – oder eben nicht. Das dauernde Nachfragen und Erinnern habe ich mittlerweile aufgegeben und lebe ziemlich gut damit. Am Ende kann ich Michael nur zustimmen: Wenn alle Leute ehrlicher miteinander kommunizieren würden, wäre das ganze Thema gar keines mehr. Dann hieße es nicht „Hm, weiß noch nicht, ich melde mich später … wer kommt denn noch?“, sondern ganz klar „Puh, heute keine Lust.“ Welche Auswirkungen diese Bemerkung dann hat, liegt an den beiden (oder vielen) Parteien.

Ninia: Ich kann diese Artikel zur Generation XYZ nicht mehr sehen. Es ist ein Graus. Wenn irgendwo noch ein Artikel fehlt, dann schreibt man halt schnell was zum Thema „Generation Orientierungslos“ oder „Feminismus und wie kacke er (sic!) wirklich ist“ oder „Lasst eure Kinder niemals an ein Smartphone“. Ich bin dieser Themen so müde. Zum Thema: Verabredungen. Im Freundeskreis meiner Heimatstadt gibt es das Ritual, dass wir einmal wöchentlich Restaurants oder Kneipen ausprobieren. Kurz vorher gibt es einen Vorschlag, wenn keine_r widerspricht, reserviert eine_r einen Tisch. That’s it. Wer kommt, der_die kommt. Und wer ne geprellte Rippe hat, bleibt halt daheim. Ich bin beruflich sehr viel unterwegs. Daher kann ich nicht oft dabei sein, freue mich aber umso mehr, wenn’s klappt. Ich hasse so ein Hin und Her bei Verabredungen wie die Pest. Es müssen ja auch nicht immer alle dabei sein. Ich steige lieber aus der Diskussion aus, bevor wir zu zehnt geklärt haben, wer welches Wehwehchen hat. Ich habe mich schon relativ schnell von dem Gedanken verabschiedet, beleidigt sein zu müssen, wenn jemand eine Verabredung nicht einhalten kann oder ich selbst nicht dabei sein kann. So ist das Leben. Dann macht man eben neue Verabredungen. Und wenn ich Bock auf ein Treffen habe, schreibe ich den Menschen, die ich gern dabei hätte, wann und wo ich auf sie warte. Gar nicht erst die Möglichkeit zu weiteren Entscheidungen einräumen. Das ist zwar egoistisch, aber ungemein praktisch.

Falk: Tatsächlich funktionieren Verabredungen nicht mehr so wie früher, da hat der blöde „Generation sonstwie“-Artikel schon recht. Das ist aber nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Wenn ich früher auf eine Vernissage nicht alleine gehen wollte, rief ich A an, ob er mitkommen möchte, und falls nicht, dann mailte ich B an. Und vielleicht hatte man damals wirklich intensivere Verabredungen – es ging dann auch darum, sich mit A oder mit B zu treffen, und nicht nur um die Vernissage. Heute schreibe ich auf Facebook, dass ich am Abend auf die Vernissage gehe, und in der Regel taucht dann irgendwer schon dort auf. Das macht das Weggehen ein Stück weit unverbindlicher. Aber es überhöht das Treffen gleichzeitig auch nicht so irrsinnig: „Boah, ich habe ein Date mit A!“ Nö, A und ich treffen uns nicht ganz zufällig auf der gleichen Vernissage und schauen uns Kunst an, die ist nämlich bei aller sozialen Interaktion auch nicht ganz irrelevant. Ich finde das nicht unsympathisch.

Michael: Und es geht wieder los, die Diskussion über Kommunikationstechnik, hinter der fehlender Respekt voreinander steht. Im Grunde ist das elektronisch induzierter Darwinismus. Verabredungen funktionieren nach wie vor, der Inhalt dieser ist völlig unabhängig vom Weg dorthin. Was aber passiert: Die Prioritäten ändern sich. Bei manchen Freunden habe ich ein gutes Gefühl, wenn ich einmal im Monat per WhatsApp nachfrage, wie es geht. Cool, erledigt, alles gut. Bei anderen bin ich lange hinterher, um einen Termin zu finden, der beiden passt. Man gibt das ungern zu, aber: Wenn es an einer Verabredung scheitert, dann nur deshalb, weil man in dem Moment andere Prioritäten hat, andere Ziele verfolgt. Man siebt verstärkt aus. Das war auch vor der Technikentwicklung so, klar. Was aber jetzt gefordert ist, und das ist es, woran es ultimativ fehlt: Ehrlichkeit. „Nein, ich möchte mich heute nicht mit euch treffen, denn ich habe keine Lust. Das ist nichts gegen euch, das hat nur mit mir zu tun. Lasst uns doch ein anderes Mal schauen.“ Oder: „Ich kann heute nicht, weil ich Person X/Y schon lange nicht gesehen habe und jetzt das dringende Bedürfnis habe, mit ihr zu reden. Das heißt aber nicht, dass du mir nicht wichtig ist.“ Wir sind übersozialisiert, es ist nicht zu viel Technik, es ist zu wenig Menschlichkeit. Denn dazu gehört, sich mal nicht danach zu fühlen – und das klar zu sagen. Oder etwas aufzuschieben – und das dann selbst weiter zu verfolgen. Oder jemandem die kalte Schulter zu zeigen, der meint, eine Freundschaft in sozialen Medien bedeute ein Pflichtkontingent an Interaktion – und das deutlich zu machen. Ohne Selektion geht gar nichts mehr, und das ist traurig, ja. Aber im Grunde: Geht man mit Bedacht miteinander um, ist alles wie gehabt. Und wenn dann trotzdem nur Ärger und Unzuverlässigkeit entsteht, dann liegt das nicht an der bösen Technik, sondern an schlechtem Charakter.

Bildrechte: flickr.com – Esther Vargas – Nutzung unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz.

 

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