Katja Grach: Ein Blick in die Abgründe Österreichs. Oder zumindest die von Graz.

Foto: Katja Grach
Foto: Katja Grach

In Graz gibt es zwei hohe Feiertage. Zumindest für mich. Einmal das Filmfestival Diagonale, einmal das Viertelfest namens Lendwirbel. Beides im Frühjahr. In der restlichen Zeit des Jahres tippe ich wie bekloppt die jeweilige URL ein und hoffe, dass ich meine Arbeit wohl so legen kann, dass sich daraus die größtmögliche Flexibilität für möglichst alle Veranstaltungen in diesem Rahmen ergibt. Andere nehmen sich auch Urlaub. Eigentlich sollten alle EinwohnerInnen der Stadt Graz Urlaub bekommen. Betriebsurlaub.

Diagonale und die Nerven liegen blank

IMG_8576Die Diagonale ist mein Kino-Ausnahmezustand. Und immer ist irgendwas …
Einmal stand ich eine Woche zu früh zur falschen Uhrzeit vorm falschen Kino. Vor lauter Vorfreude.
Vor zwei Jahren saß ich sechs Stunden ohne Pinkelunterbrechung in der „Paradies-Trilogie“ von Ulrich Seidl. Hochschwanger. Wer eine Ahnung von Schwangerenblasen hat weiß, dass es eine Höchstleistung ist, nur alle 2 Stunden zu pinkeln. Letztes Jahr unterbrach ich gar eine Dienstbesprechung, nur um rechtzeitig per Telefon an meinen vergünstigten 6er – Block zu kommen.
Dieses Jahr hab ich mir die Online-Tickets für die Diagonale vom 17. bis 22. März selbst ausgedruckt und verloren. Zwei Stunden vor der ersten Vorstellung begann ich zu suchen. Nix. Vermutlich hat’s das Kind gefressen. Hund haben wir keinen. In Panik bin ich zum Kino gerast und hab mich an der Hoffnungsschlange vorbeigedrängt und entsetzt vom Weltuntergang referiert. Meine fünf Stück Karten wurden mir umgehend ausgedruckt. Es gibt doch einen Gott. Die Kirchensteuer hat sich ausgezahlt!
Ist Diagonale, wird Graz zur Hipstertown. Zumindest rund um das Diagonale-Café und das abendliche Rahmenprogramm häufen sich Hosenträger, gepflegte Bärte, Hütchen und stylische Hafenarbeiter. Als designierte Mutter mit begrenzten Zeitfenstern scheiß ich zwar dezent aufs Styling und verköstige mich gar mit Punschkrapfen in den hinteren Reihen, aber fühl mich dennoch ein bisschen urban. Mensch kommt ins Gespräch. Mensch geht auch solo ins Kino. Jedes Mal lebe ich ein geheimes paralleles Single-Dasein für die eine Woche und schwelge in dieser Realität, die aus „gute Projektion“ – Wünschen und mehr oder weniger genervten Interviews mit RegisseurInnen besteht.

Heuer in meinem Programm:

Ich muss zugeben, ich bin keine von den Experimentalfilmfans. Bei mir bestimmt der österreichische Mainstream. Meist die dunkle Seite des Mainstreams.

Der letzte Sommer der Reichen

Regisseur Peter Kern war wie gewohnt anwesend und – das war schwer zu beurteilen – ironisch oder angepisst. Sein Beitrag wie immer – wenn ich ihn zu sehen kriege – schonungslos grauslich. 2011 bat er das Publikum durch die „Mörderschwestern“ per Knopfdruck die weitere Handlung des Spielfilms zu entscheiden – ob ein Patient das Zeitliche segnen soll oder nicht. Diesmal konnte er die britisch-französische Schauspielerin Amira Casar für die Hauptrolle in „Der letzte Sommer der Reichen“ gewinnen, die extra für die Rolle den deutschen Text einlernte. Der Film selbst sei seiner Meinung nach ein Abbild der österreichischen High Society und durch die überspitzte Darstellung eine Kritik am Kapitalismus. Verpackt sind außerdem ein Krimi, ein bisschen Slapstick und ganz viel Richard Wagner, sodass es einem/r fast schlecht dabei wird.
Von einem „bitterbösen und opulenten Sittengemälde“ schreibt die Berlinale, auf der der Film ebenfalls schon gezeigt wurde. Bitterböse erscheint er mir vor allem, weil die gleich geschlechtlich begehrende Hauptfigur auch vor sexualisierter Gewalt an Minderjährigen nicht zurückschreckt und machtgierig ist. Dabei wirkt sie nicht wie eine Cruella DeVille, sondern entpuppt sich mittendrin als liebesbedürftiges „Hascherl“. Das sind Bilder, die wir nicht gewohnt sind. Schon gar nicht in dieser Kombination. Beim Publikumsgespräch nach der zweiten Diagonale-Vorstellung konnten das einige scheinbar schwer verdauen. Patrick Holzapfel hat einen sehr interessanten Kommentar dazu verfasst. Er attestiert dem Publikum ein bisschen Film-Fast-Food verwöhnt zu sein, weil sich einige vehement dagegen wehrten, sich selbst die Moral der Geschichte zusammen zu basteln.

Im Keller

Die andere Wirklichkeit Österreichs, die gerne verdrängt wird, liegt im Untergeschoss. Ulrich Seidl hat über Monate hinweg nach Menschen gesucht, die ihren Keller und die Abgründe und Geheimnisse darin gerne herzeigen. Nach einiger Zeit des Beschnupperns wurde dann gedreht. Das, was die Leute eben inszenieren wollten. Auch spannend das Spiel mit Selbst- und Fremdbild. Neben sehr unterschiedlichen Zugangs- und Erlebensweisen von BDSM (auch ein bisschen tragisch-komisch in Anbetracht des Shades of Grey-Hypes), findet sich der Nazi-Keller von Herrn Ochs, der mit schlüpfrigen Witzen unterhält und mit seiner Frau scheinbar vor allem über Klopfgeräusche auf Heizungsrohre kommuniziert. Opernarien werden in „Schusstunneln“ geträllert, lebensecht wirkende Puppen wie Säuglinge gepflegt. Gruselig, schonungslos authentisch, tragisch und fallweise komisch. Es scheint ziemlich egal zu sein, ob Seidl Dokumentar- oder Spielfilme angeht, seine erbarmungslose Konfrontation mit der Realität und der Respekt, den er seinen DarstellerInnen entgegenbringt, geht unter die Haut und beschäftigt nachhaltig. Seine Tableaus brennen sich jedenfalls ins Hirn. Patrick Holzapfel schreibt über den „Letzten Sommer der Reichen“ wie von einer Baustelle vor der eigenen Haustür. „Im Keller“ setzt diesen Reflexionsprozess fort. Wo zuvor die Abgründe der Reichen, sind hier diejenigen vom Rest versammelt.

Das ewige Leben

„Das ewige Leben“ wurde schließlich abends aufgeführt. Die zwei Stunden für den Krimi waren mir allerdings ehrlich zu lang. Auch wenn er in Graz selbst spielt. Kommissarin Lund mit zwei Stunden ja, Brenner nein. Die Starbesetzung hat mich abgelenkt. Hader war mir genug, bei Tobias Moretti vermisse ich nach wie vor den Schäferhund Rex und Roland Düringer ist noch so mit seiner Aussteigergeschichte besetzt, dass ich mich bis zu seinem Filmtod gefragt hab, ob der die Kohle für die Rolle jetzt doch braucht. Gottseidank wurde er bald erschossen. An die anderen Brenner-Krimis „Silentium“ und „Komm süßer Tod“ kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an den „Knochenmann“ kommt das ewige Leben nicht ran. War großartig und spielte ebenfalls in der Steiermark. Der Graz-Bezug hätte mich eben jetzt interessiert. Aber die Murinsel, das Stadion, die Straßenbahn, der Schlossberg und einmal Arnies Konterfei auf einer Hausmauer, das gar verkehrschronologisch nicht in die Verfolgungsjagd passte, so wie der Tunnel, der eigentlich in München zu finden ist – ne, das war mir zu Touri-Graz. „Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott“ von Andreas Prochaska 2011 auf der Diagonale war Graz. Nicht so gekünstelt, sondern einfach nebenbei. Ein MUSS für Graz und Österreich verstehen Wollende. Überhaupt: Elfriede Ott sollte Mensch kennen. Sonst geht der Witz nicht auf.

Eine Liste voller Österreich-Happen

Aber das ist mit Österreich eh schwierig. Darum als kleine Nachhilfe hier eine subjektiv ausgewählte Liste von Österreich-Happen der letzten Jahren Diagonale-Jahre, die tief in unsere Seele blicken lassen.

Die Sorgen der ÖsterreicherInnen

  • Paradies: Liebe – Ulrich Seidl
  • Paradies: Glaube – Ulrich Seidl
  • Paradies: Hoffnung – Ulrich Seidl

Die Kommunenvergangenheit

  • Die Vaterlosen – Marie Kreutzer
  • Meine (keine) Familie – Paul-Julien Robert

Insider-Schmähs

  • Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott – Andreas Prochaska
  • Zweisitzrakete – Hans Hofer

Eingängigster Soundtrack Diagonale 2014 – ebenso made in Austria

Über die Autorin

Katja GrachKatja Grach ist Feministin, Sexualpädagogin, Bloggerin und Mutter, lebt in Graz und flaniert manchmal fremd. Sie mag unglaublich gerne Meeresschildkröten und bloggt auf www.krachbumm.com

Les Flaneurs Verfasst von:

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