Capitalism is killing choreography

Marie Topp in "Forerunning". Foto: Anja Beutler
Etwas bewegt sich, aber was? Marie Topp in „Forerunning“. Foto: Anja Beutler

Und dann fragt mich B., was das eigentlich sei: „Tanzhochdrei“, Residenzprojekte im K3 – Zentrum für Choreografie in Hamburg. Und ich dann so: drei Residenzen für junge Choreografinnen und Choreografen Marie Topp, Antje Velsinger und Alexandre Achour, Leute, die am Anfang ihrer Karriere stehen, nicht mehr in der Ausbildung aber auch noch nicht an dem Punkt der eigenen, abendfüllenden Arbeiten, ein Schutzraum, vielleicht. Und B. so: dass das sofort den Widerspruch von betriebswirtschaftlich denkenden Menschen hervorrufen würde; Tanz, der einen Schutzraum benötigen würde, Tanz, der gar nicht mal den Versuch mache, hinreichend Publikum anzusprechen. Und vielleicht hat B. sogar recht. Performance will Publikum, oder? Es ist schwierig, aber hätte es den Boom von Tanz und Performance in Belgien und den Niederlanden seit den Achtzigern gegeben, wären Brüssel und Amsterdam damals keine riesigen Schutzräume gewesen, in denen Konzepte ausprobiert werden konnten? Wäre ein William Forsythe zu dem großen, massentauglichen Choreografen geworden, der er heute ist, hätte er sich nicht im Schutzraum des Ballett Stuttgart ausprobieren können, ohne Druck, immer mit der Möglichkeit, beim Scheitern zurückzukommen in die Spur des klassischen Tanzes? Wäre Sasha Waltz zur Choreografin der Nation, Verzeihung, das war jetzt fies, wäre Waltz jemals zu der Tanzkünstlerin geworden, auf die sich alle einigen konnten, wenn sie nicht den Schutzraum gehabt hätte, den das Berlin der frühen Neunziger darstellte, ohne den Druck, sofort große Stücke auf die Bühne bringen zu müssen? Capitalism is killing choreography, echt jetzt mal.

Die ersten beiden Abende von „Tanzhochdrei“ jedenfalls sind spröde, verweigern sich schneller Konsumierbarkeit. Im Publikum: kaum Zuschauer, hauptsächlich Fachpublikum, warum auch nicht? Marie Topp (Kopenhagen) liegt auf der Bühne, bewegt sich kaum, man sieht, wie sich einzelne Muskeln anspannen. „Forerunning“ ist eine Studie über das, was Bewegung ausmacht, beziehungsweise: steht an der Grenze der Bewegung. Passiert hier etwas? Bewegt sich dieser Körper? Etwas bewegt sich, aber was? Noch deutlicher wird dieser choreographische Minimalismus bei Topps zweitem Stück „The Visible Effects of Force“: Hier sind es externe Kräfte, die auf den Tänzerinnenkörper einwirken, vier Ventilatoren, die die Topp in bestimmte Richtungen zu wehen scheinen. Und, ja, der Körper wird bewegt: Eine Falte verändert sich, der Arm winkelt sich ein klein wenig mehr an. Sonst passiert nichts, 90 Minuten, dann sind beide Stücke vorbei.

Topp arbeitet minimalistisch, vielleicht auch ein wenig humorlos, aber sie nutzt einen klugen, durchdachten Minimalismus, dessen Ziele sich schnell erschließen. Antje Velsinger (Köln/Frankfurt) geht „Haus, kein Haus“ im Vergleich aufwändiger an: Auch hier geht es um den Zustand zwischen Bewegung und Stillstand, der allerdings kontrastiert wird mit „Innen“ (nämlich: dort, wo sich ie Performerinnen Velsinger und Maja Weinberg befinden) und „Außen“ (Videoprojektionen von im weitesten Sinne Naturgewalten: ein Vulkan, ein Zelt im Sturm, ein Schiff in rauer See etc.). Die Performerinnen agieren miteinander und mit Requisiten, sie spielen mit Strukturen, die aufeinander Bezug nehmen, Handlungen haben, ja, Konsequenzen. Schau, Theater!

„Haus, kein Haus“ nähert sich schon einem fertigen Stück an, vielleicht ist Velsinger ja schon zu weit?, denkt man sich, vielleicht ist das gar nicht das richtige für „Tanzhochdrei“. Vielleicht wird der Schutzraum ad absurdum geführt, wenn das, was hier gezeigt wird, auch ohne den Schutzraum existieren könnte. Könnte es?

Acht Monate lang ermöglicht das Residenceprogramm drei Künstlerinnen und Künstlern Recherche, Forschung, Training und dann, am Ende, die Produktion eines Stücks, einer Fingerübung, whatever. Ist das wichtig? Ich, der Zuschauer, will etwas sehen. Und vielleicht braucht es das tatsächlich, nach der Ausbildungszeit, dass da etwas auf der Bühne passiert. Und, nein, es muss ja nicht unbedingt gleich ein fertiger Abend sein.

Marie Topp: Forerunning/The visible Effects of Force (abgespielt)

Antje Velsinger: Haus, kein Haus (14. 3., K3, Hamburg; 18./19. 3., Mousonturm, Frankfurt; 6./7. 6., Barnes Crossing, Köln)

Alexandre Achour: Speaking about the Ghost (19.-21. 3., K3, Hamburg)

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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