Die Blockbuster der Stadtkultur

Die Guten? Die Bösen? Im "König der Löwen" (Foto: Stage Entertainment)
Die Guten? Die Bösen? Im „König der Löwen“, in Hamburg praktisch ständig zu sehen. (Foto: Stage Entertainment)

Anfang der Woche stellte die NGO Campact dem Theaterbetrieb in Hamburg und überall eine erschreckende Zukunft in Aussicht, sollten die internationalen Handelsabkommen TTIP und CETA wirklich zum Tragen gekommen. Doch selbst fernab von internationalen Machenschaften ist der Kulturkampf in vollem Gange. Öffentliche Gelder werden gestrichen, während große Unterhaltungsfirmen ihr Netz an Musicals über die Städte spannen. Zeit für ein Streitgespräch zwischen Hamburg und Berlin, zwischen Hochkulturfan und Musical -gar-nicht-so-schlimm-Finder, zwischen Falk und Enrico.

Enrico Seligmann: Ich höre viele Beschwerden über die Musicals in Hamburg. Als Außenstehender denke ich dann: Muss man nicht einfach akzeptieren, dass viele Leute darauf abfahren?

Falk Schreiber: Die Beschwerden stehen in einem größeren Kontext. Das hat was damit zu tun, dass St. Pauli immer mehr zum Ballermann wird, dass es immer mehr Touristen werden, dass die Musicals in erster Linie für Touristen gemacht werden und nicht für die Hamburger, da ist man dann schnell bei der Frage: Wem gehört die Stadt? Da sage ich aber: Fuck. Ich hab’ doch nichts gegen Touristen! Sobald ich in einer fremden Stadt bin, bin ich da auch Tourist. Aber vielleicht kann man da wirklich einen Unterschied machen: Ins Musical geht ein Tourist, der ist im Urlaub und ist dann auch bereit, viel Geld auszugeben. Das Theater, vor allem das Stadttheater im klassischen Sinn, ist was anderes: Da werden Themen verhandelt, die mit der Stadt zu tun haben, da geht man häufiger hin, damit man überhaupt in die Diskurse reinkommt, entsprechend darf das dann auch nicht so teuer sein wie das Musical. Und entsprechend wird das Stadttheater subventioniert – damit auch du und ich es uns leisten können, da regelmäßig hinzugehen, nicht nur als Event, den man sich im Urlaub leistet.

Enrico: Da herrscht in Berlin wohl eine andere Kultur als in Hamburg. Hier sind Musicals zwar auch gerne mal länger zu Gast, aber es werden keine extra Gebäude dafür hochgezogen wie für den „König der Löwen“ in Hamburg. Ich persönlich finde jedoch den Gedanken irreführend, dass die Touristen die entscheidende Gruppe sind. Klar, sie haben mehr Geld zur Verfügung und landen eher im Musical als im Stadttheater, aber ist dieses Bunte, Krawallige, das Musicals oft bieten, nicht ewas, was eben auch beim Querschnitt der Bevölkerung gut ankommt?

Falk: Auf jeden Fall. Und das Bunte ist auch nicht das, was mich am Musical stört. Deichkind haben vor ein paar Jahren mal ein Stück gemacht namens „Deichkind in Müll“, das nannten sie nicht Musical, aber im Grunde war das sowas – und es war total bunt und krawallig. Fand ich klasse, obwohl ich da kein Tourist war. Was mich am Musical aber stört, ist, dass Musicals – also, im “König der Löwen”-Sinn – ästhetisch keine Widerhaken haben, einfach nur gut reinlaufen und alles in allem ziemlich anspruchslos daherkommen.

Enrico: Sie sind sozusagen die Blockbuster der Stadtkultur. Was ich völlig okay finde. Nur scheint in Hamburg die Mischung nicht mehr so ganz zu stimmen, und dementsprechend wird das Unbehagen größer. Vielleicht fehlt mir da der Blick für die „Gefahr“, weil Berlin so gemischt und gesund aufgestellt ist. Ob wir so viele Opernhäuser brauchen sei mal dahingestellt, aber davon abgesehen finde ich die Berliner Kulturlandschaft sehr gesund. Viel passiert im Off, viel findet sich jedoch auch auf größeren Bühnen wieder. Die Volksbühne schafft es beispielsweise wunderbar, gleichermaßen alt und jung anzuziehen, ohne sich jemandem anzubiedern.

Falk: Gerade an der Volksbühne machen im März Dirk von Lowtzow und René Pollesch zusammen ein Stück namens „Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“. Angekündigt ist das als Oper, aber wenn ich mir anschaue, was für Musik Dirk von Lowtzow mit Phantom Ghost toll findet, dann erwarte ich da eine Mischung als Musical und Operette. Eigentlich spannend: Überall werden Musicals gemacht, aber irgendwie nennen sie das alle nicht so. Die schämen sich für dieses Genre.

Enrico: Aber ist das nicht auch ein Zeichen der Versnobtheit von vielen Kulturschaffenden in diesem Bereich? Es wird immer versucht, sich abzugrenzen und besonders zu sein. Wenn Musicals populär sind, will man keine Musicals machen. Wenn sie unpopulär sind, werden sie wiederbelebt und als frisches, kraftvolles Instrument für die eigene Vita genutzt. Da geht es mir persönlich zu viel um Status und vor allem die Wirkung nach außen. Man muss sich doch wundern, dass Menschen wie René Pollesch so viel wagen und sich dann aber an diesem Wort aufhängen. Angst vor der Masse?

Falk: Das spielt da sicher mit rein. Aber es hat auch was damit zu tun, dass der Begriff Musical einfach versaut ist. Jeder denkt doch an Andrew Lloyd Webber, wenn er von dem Genre hört – an einen stockreaktionären Thatcher-Fan, der eigentlich neoromantische Opern komponieren will. Da ist es doch kein Wunder, wenn man damit nichts zu tun haben möchte.

Enrico: Ob gerade jüngere Menschen genauso denken? Ich glaube das ist vor allem ein Generationenkonflikt und junge Leute sind da nicht so scheu. Vielleicht gehe ich da zu sehr von mir aus, aber ich würde bei dem Wort „Musical“ nicht in Panik verfallen, sondern einfach nur hören wollen, worum es in dem angekündigten Stück geht. Wenn mich etwas stört, dann eher die Eventisierung dieser Musicals. Jede neue Produktion im Friedrichstadtpalast wird als das nächste große Ding angekündigt, schon halb ausverkauft, schnell, schnell, schnell. Was man jedoch davon sieht, wirkt absolut austauschbar und beliebig. In der Hinsicht verstehe ich deine Besorgnis.

Falk: Klappern gehört halt zum Handwerk. Der Friedrichstadtpalast muss die Hütte vollkriegen, da würde es wenig helfen, wenn der Regisseur vor der Premiere sagen würde: „Och, mal schauen, was das wird, ich habe kein gutes Gefühl.“ An der Volksbühne kann er das, womöglich würde man es ihm sogar hoch anrechnen, weil das dann auf eine ganz böse Weise selbstironisch gelesen werden könnte. Mit Ironie haben es die großen Mainstream-Musicals ja ohnehin nicht so.

Enrico: Was die Frage aufwirft, ob diese riesigen Häuser noch zeitgemäß sind. In einer Stadt wie Berlin, wo sich Kultur so weit verstreut. Daran scheinen nur wenige zu denken – siehe Paris. Dort wird bald die neue Philharmonie eröffnet, die – nett, wie die großen Entscheider so sind – näher an die Vorstädte rangebaut wurde, damit selbst die Menschen im Plattenbau noch was vom aktuellen Stück hören können. Weshalb ich diesen Bau hier erwähne: Er zeigt wie planlos mit dem modernen Hör- und Konsumverhalten umgegangen wird. Es wird einfach verlangt, dass Menschen doch bitte in die großen Säale strömen sollen. Es wird verlangt, dass sie den ganzen Pomp drumherum zu mögen haben. Und es wird verlangt, dass sie sich verzaubern lassen. Was der Wahrheit, wie sie die Volksbühne & Co. gerne zeigen, völlig widerspricht. Zusammen kommen diese Welten also wohl nie.

Falk: Die Situation in Paris kenne ich nicht. Aber in Berlin gibt es ja zum Beispiel das Radialsystem, da gibt es auch klassische Konzerte, und Sasha Waltz zeigt ihr mittlerweile ebenfalls zum Klassiker gewordenes Tanztheater – allerdings ohne den Pomp, den du in Paris annimmst. Ich würde mir ja wünschen, dass die Elbphilharmonie hier ebenfalls ein pompfreier Ort wird, aber ich fürchte, das schaffen sie nicht.

Die Bösen? Die Guten? "Political Bodies" von Yolanda Gutierrez im freien Theater Kampnagel noch bis Samstag. (Foto: Kerstin Behrendt)
Die Bösen? Die Guten? „Political Bodies“ von Yolanda Gutierrez im freien Theater Kampnagel noch bis Samstag. (Foto: Kerstin Behrendt)

Enrico: Das Radialsystem trägt im Slogan schon das, was elementar ist: „Space for art and ideas“. Ein Ort für Ideen sind die klassischen Konzerthäuser wohl kaum, deswegen habe ich bezüglich der Elbphilharmonie ähnliche Bedenken, obwohl ich den Bau selbst prächtig finde. Direkt auf dem Speicher, zusammen mit der mutigen Konstruktion, das wird ein schöner Bau am Ende, da bin ich mir sicher. Und die Strahlkraft sollte nicht unterschätzt werden. Schade ist dann eben, dass es im Inneren wohl viel harmloser wird. Ein Platz für Kunst, ja, aber für Ideen? Das bleibt fraglich. Wie gehst du denn damit um, dass die Kosten für die Elbphilharmonie immer weiter steigen und anderswo – im Kleinen – Gelder zusammengestrichen werden? Ärgerst du dich über diese Verschwendung?

Falk: Ich ärgere mich nicht darüber, dass das Ding teuer wird. Aber ich ärgere mich darüber, dass anscheinend beim Abfassen der Verträge für den Bau entweder fahrlässig gepfuscht oder kriminell vorgegangen wurde. Ich meine, meine Eltern haben sich ein Einfamilienhaus gebaut, und das wurde natürlich teurer als zuvor geplant, sowas passiert. Aber dass die Kosten so in die Höhe schießen und man das nicht mit einberechnet hat – das kann ich nicht verstehen.

Enrico: In Paris gibt es ähnliche Probleme in Sachen Kostenexplosion, und ich frage mich schon, für wen da noch gebaut wird. Ob es da nicht auch vor allem um Befriedigung von Einzelinteressen und vor allem Einzel-Egos geht. Das Ego des Architekten, das Ego der Baumeister, das Ego der Dirigenten … Die ganze Arbeit fühlt sich nie so an, als wäre sie nah am Volk.

Falk: Puh, Vorsicht mit dem Begriff „Volk“. Aber ich weiß schon, was du meinst. Man darf die Leute aber auch fordern, die können sich schon ein Gebäude, ein Kulturangebot erarbeiten. Und da kommen wir wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema, zum Musical: Ich glaube, was mich an den Mainstream-Musicals stört, ist, dass man sich da gar nichts erarbeiten muss. Ich habe beim „König der Löwen“ den Eindruck, der tut so, als ob er das Publikum dort abholen würde, wo es steht, aber in Wahrheit holt er gar niemanden ab, er lässt das Publikum einfach stehen.

Enrico: Das ist allerdings eine allgemeine Frage der Kulturerziehung. Als ich die letzten beiden Jahre in Kreuzberg wohnte, war ich in einer Blase gefangen. Off-Kinos, viele Lesungen und Theaterstücke im kleinen Rahmen, Konzerte sowieso, es war eine schöne Zeit. Als ich von dort wegzog, wurde mir allerdings erst wieder bewusst, dass ich dort in einem geschützten Raum unterwegs war und dieser ziemlich klein war. Die Menschen im großen Raum hingegen mögen sowas wie den König der Löwen. Die Berieselung mit Formen und Farben und vielleicht ein wenig Emotion. Für mehr und vor allem das Interesse daran muss entsprechend Vorarbeit geleistet werden.

Falk: Auf jeden Fall. Knarf Rellöm singt in “What’s that Music” sinngemäß: Dass die Leute so schlechte Musik hören, liegt nicht daran, dass man ihnen nur schlechte Musik gibt, sondern daran, dass sie denken, es gebe nichts besseres. Und übertragen heißt das: Wir müssen ihnen sagen, was es alles Gutes gibt, wir Theaterpädagoginnen, Lehrer, Medien.

Enrico: Doch genau dafür sei dann meistens kein Geld da. Umso unverständlicher sind die exorbitanten Millionenausgaben für Bauten wie die Elbphilharmonie. Da wird vor allem zu wenig kommuniziert – dabei habe ich mal gelesen, in der Elbphilharmonie sind entsprechende Räumlichkeiten für Musikpädagogik geplant. Aber Genaueres müsste ich nachschlagen … da zeigt sich wieder, dass sich mit sowas schlecht Werbung machen lässt.

Falk: Ja. Weil es was Längerfristiges ist, das über den Event hinaus geht. Was mich als Musicalverächter allerdings interessieren würde: Kannst du mir ein Musical empfehlen, das mich packen würde?

Enrico: Nicht wirklich. Aber sobald es dich nach Berlin verschlägt, könnten wir gemeinsam auf die Suche gehen. Denn für gute Musicals – wenn es sie denn mal gibt – wird eben selten Werbung produziert. Sie müssen gesucht, Websiten und Flyer kleiner Locations durchforstet werden, und sie sind selten lange im Programm. Erneuerung als Kontrast zur ewigen Starre von Rafiki aus dem „König der Löwen“, der Abend um Abend Löwenbabys in die Luft hält.

Falk: Das ist allerdings ein cooles Schlusswort. Aber ernsthaft: Machen wir uns auf die Suche. Denn in der Starre feststecken, das kann man auch in der Hochkultur, da muss man nicht in den „König der Löwen“.

Enrico: So sieht’s aus! Meine Hoffnung liegt dahingehend auch in den frischen Gesichtern und Ideen, die nach und nach hinter die Kulissen der kleinen und großen Säle strömen werden. Und wer weiß – vielleicht wird 2021 ja gesagt: „König der Löwen? Das ist doch so 2014!“

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