Die einsame Königin | Eine Diskussion über Björks „Vulnicura“

Erst vor ein paar Wochen angekündigt, hat Björks Team eine Spontanoperation gestartet und ihr neues Album über Nacht mirnichts dirnichts digital veröffentlicht, zwei Monate früher als geplant. Schuld war wieder einmal ein Leak des Nachfolgers zu „Biophilia“ (2011), der es ins Netz geschafft hatte. Die Fans frohlockten, die Presse übeschlug sich mit hastig geschriebenen Kritiken, fast ausnahmslos wohlwollend (aktueller Metascore: 85, Userwertung: 9,3). Aber wir wissen: Björk spaltet, und auch bei uns Flâneuren gibt es nicht nur Fans der 49-jährigen Isländerin. Deswegen haben wir uns zu dritt hingesetzt und gegenseitig gefragt: Wie findest du „Vulnicura“ denn so?

Björk: Vulnicura (Coverartwork)

Michael verfolgt Björks Musik seit ihrem „Debut“-Album von 1992 und wurde durch „Homogenic“ zum glühenden Verehrer der eigenwilligen Isländerin. Auf drei ihrer Tourneen hat er sie live sehen können, sie in Reykjavík einmal fast über den Haufen gerannt, sie sogar in seine Magisterarbeit eingebracht. Bis auf kleinere Aussetzer (hust, „Volta“, hust) war er auch immer sehr zufrieden mit Königin B. – und ist es auch mit „Vulnicura“.

Ninia mag fast alles, was irgendwie mit Island zu tun hat, Björk gehört aber nicht dazu. Ganz klischeemäßig muss sie immer erst an das Schwanenkleid denken, wenn sie Björk sieht (das fand sie aber cool!). Ninia hält Björks Musik für vollkommen überschätzt, kann ihre Stimme leider meist nicht lange ertragen und weiß auch sonst nicht so richtig, warum Menschen freiwillig zu einem Konzert der Musikerin gehen.

Enrico hatte Björk durch das Schwanenkleid und die exzentrischen Auftritte als Nervkünstlerin abgestempelt und jahrelang ihre Musik nicht angefasst. Durch einen sanften Schubs von Michael hat er ihr allerdings mal eine Chance gegeben und die positiven Seiten ihrer Exzentrik kennengelernt. Die Alben immer überraschend, teils wegweisend, und ihre Ansichten wichtig – dass sie bei Auftritten Herumgefilme und Bildermacherrei verbieten lässt, findet Enrico toll.

 

Michael: Ich muss sagen, damit hatte ich nicht gerechnet. „Vulnicura“ ist weit weniger poppig als Vorgänger „Biophilia“, nervt aber nicht wie dessen Avantgardestücke „Hollow“ und „Dark Matter“. Vielmehr ist es ihr dichtestes, klassischstes Werk seit „Vespertine“ (2001). Endlich wieder traumhafte Streichersätze! Da ist sie eine Meisterin. Und dazu wuchtige EDM-Beats, das fühlt sich ein wenig wie eine Rückkehr zu „Homogenic“ an. Ich bin total begeistert. Was meint ihr?

Ninia: Ich mag die Streicherparts. Es ist ja nicht so, dass ich Björk an sich hasse. Aber ich kann mit der Musik ansonsten einfach nicht viel anfangen. Ich hab größten Respekt vor ihrer Karriere und mag ihre feministischen Ansichten. Aber musikalisch ist das überhaupt nicht mein Ding. Ich hab schon immer den Eindruck, dass Björk prinzipiell machen kann, was sie will und dann abgefeiert wird. Wie in der Literatur: Wenn ich es nicht verstehe, muss es gut sein. „Vulnicura“ finde ich insgesamt eher langweilig, ein paar nette Parts sind dabei, aber auch Songs wie „Lionsong“, die ich nach kurzer Zeit abbrechen muss, weil’s mir zu wirr ist.

„You fear my limitless emotions.
I’m bored of your apocalyptic obsessions.
Did I love you too much?
Devotion bend me broken.“
– Black Lake

Enrico: Nach zweimaligem Durchhören finde ich, dass sie leider zu viel Pulver am Anfang verschießt. Im Hintergrund wühlende Beats – wunderbar! Streicherklang – oh ja, bitte! Björks ziehende Stimme – sehr schön! Stonemilker ist somit ein richtig guter Einstieg. Allgemein sind mir ihre ersten Alben die liebsten, was danach kam war immer mindestens gut, aber hat sich eben auf hohem Niveau wiederholt und fiel eher durch das Drumherum auf. Wie bei „Biophilia“ die – grandiose! – App und die Liveauftritte tragende Teslaspule. Das war ziemlich…. geil.

Michael: Gewisse Schemata haben sich ganz sicher wiederholt, ihre Handschrift beim Songwriting, die Stimmimprovisationen – logisch. Aber gerade thematisch geht „Vulnicura“ ganz andere Wege. Es ist das Düsterste und Persönlichste, was sie bisher geliefert hat. Ein Album des „gebrochenen Herzens“, das offen ihre Trennung vom Künstler Matthew Barney behandelt, und anderen als Stütze dienen soll, sagt sie. So deutliche und direkte Worte ohne großes Kunstkonzept, das ist ganz Björk-untypisch.

Ninia: Naja, dass KünstlerInnen eine Trennung in irgendeiner Form verarbeiten, ist ja nichts Neues. Klar hört man das und selbst für mich sind ein, zwei Songs wirklich intensiv und traurig, zum Beispiel „Black Lake“. Aber du hast Recht, Michael, man erwartet immer ein riesiges, hintergründiges Konzept hinter den Werken von Björk. Und dieses Mal ist es reine Emotion. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, weniger ist oft mehr.

Enrico: Hm, also alleine das Albumcover ist für mich schon ein Widerspruch zu Michaels Meinung, es gäbe hier kein Kunstkonzept. Was da alleine schon wieder alles in die offene Wunde interpretiert wurde. Booklet & Co. werden sicherlich ebenso einer bestimmten Linie folgen. Ich glaube, die Überraschung folgt hier eher dem übervollen „Biophilia“, wo sie ja nicht nur die Teslaspule zum Musizieren genutzt hat, sondern ebenso mehrere andere selten bis nie gesehene Instrumente eingesetzt hat. Das neue Album konnte da zwangsläufig nur ein ein Schritt „zurück“ werden.

„What is it that I have
That makes me feel your pain?
Like milking a stone,
To get you to say it.“
– Stonemilker

Michael: Hm, dabei hast du doch selbst angemerkt, dass sich einiges schon wiederholt bei ihr, das Konzept drumherum aber immer neu ist? Klar, beim Design hat sie super Leute dabei, hier wieder das Team von m/m Paris, das auch aus einem Nichtkonzept ein Gesamtkunstwerk macht. Es fühlt sich aber eben dieses Mal nicht gekünstelt an. Die Platte ist durchweg auf Atmosphäre ausgelegt, ertränkt in Melancholie. Allein das An- und Abschwellen von „Black Lake“, das sich in seinen zehn Minuten immer wieder aufbäumt, wenn man gerade denkt, es sei vorbei, sie dabei Barney bittere Vorhaltungen macht … großartig! Das ist doch wie der Liebeskummer, den sie besingt: Du denkst, du bist drüber hinweg, und dann geht doch wieder alles von vorne los. Dazu diese trostlosen Streicher, man, das bricht mir das Herz. Auf eine gute Weise.

Ninia: Witzig! Ich weiß genau, was du meinst, empfinde es aber ganz anders. Ich bin überfordert. Ich weiß nicht, wann ich das hören soll. Jede Situation ist dafür irgendwie unangemessen.

Enrico: Irgendwie erwischt mich das Album emotional nicht. Ich habe versucht es konzentriert zu hören, wirklich aufgehorcht habe ich jedoch erst wieder, als die Stimme von Antony Hegarty bei „Atom Dance“ erklang. Zugegeben: Es dauert immer ziemlich lange, bis ich mich in Texte ordentlich reingehört und alles verstanden habe. Eventuell kommen die Emotionen dann später durch.

Michael: Ja, den Zugang hat man oder eben nicht. Oder er kommt noch, ihre letzten Alben waren immer Grower. Das zeichnet ihre Musik aber auch aus, und das ändert auch „Vulnicura“ nicht: Man muss eine Resonanz zum Kosmos dieser Frau haben, sonst steht man wie im Naturkundemuseum davor und denkt sich: Aha, interessant – und geht weiter.

Ninia: Was sagt ihr zum Albumschluss „Quicksand“? Der Titel ist superpassend für den Song, aber ich hab das Gefühl, es wurden einfach alle Melodien nochmal übereinander gelegt. Ich kriege richtig Herzrasen, wenn ich den Song höre. Und dann noch diese hohe Stimme dazu, das strengt mich echt an.

Enrico: Ui, also den finde ich super. Die Beats im Kampf mit den Streichern, Björk fast schon im Hintergrund. Der Titel passt wirklich ausgezeichnet. Von solchen Tracks hätte ich gerne mehr gehabt! „Black Lake“ war da schon nah dran.

„I wake you up
In night feeling:
This is our last time together.
Therefore sensing all the moments
We’ve been together.“
– History of Touches

Michael: „Quicksand“ klingt für mich ähnlich wie „Notget“oder „Mouth Mantra“ wie etwas von Autechre, Aphex Twin, oder was anderes aus dem Hause Warp. Ich kann da sehr drauf, weil es doch irgendwie in ihrem Kontext frisch klingt, selbst wenn es das nicht ist. Ein Freund meinte: „Das hat man doch alles schon gehört. Man will doch immer überrascht werden von ihr!“ Stimmt einerseits, aber ich gehe in dem Album auch gerade deshalb auf, weil es viele Referenzen an die alten, superben Alben hat. Dass sie immer neu machen und überraschen kann, das wissen wir. Man merkt aber, dass diese Krise sie so überfordert hat, dass sie auf ihr vorhandenes musikalisches Vokabular zurückgreifen musste, um sich einen Kanal zu schaffen.

Enrico: Was mich jetzt am Ende noch interessieren würde: Ninia, wie stehst du denn zu Björks ersten Alben? Ich habe am Wochenende wieder „Homogenic“ durchgehört und werde dieses Albums nicht müde. Songs wie „Unravel“ könnten ewig laufen. Dann dachte ich mir, dass auf Björk der Fluch des künstlerischen Erfolges lastet und es einfach unmöglich ist, die Erwartungen erfüllen zu können. Sie zeigte schon zu Beginn ihrer Solokarriere solch ein extrem hohes Niveau – schwer, dieses immer zu halten. Was ich damit sagen will: Vielleicht würde mir dieses Album besser gefallen, wenn es nicht von Björk wäre. Nicht von einer Person, mit der ich schon hundert andere Gedanken verbinde.

Ninia: Ich hab, ehrlich gesagt, nicht so viel Ahnung von Björks Musik, dass ich spontan wüsste, von welchen Songs du redest. Und ich kann auch nichts herauspicken, dass mich mal nachhaltig beeindruckt hätte. Ich hab Björk meist gemieden, weil ich schon immer wenig mit ihrer Kunst und ihrer Stimme anfangen konnte. Ich verbinde auch nichts mit ihr. Es ist eine sehr emotionslose Beziehung zwischen uns beiden. Aber ich kann durchaus nachvollziehen, wenn man sie und ihre Musik sehr großartig findet. Ich gehöre nur nicht dazu.

Michael Schock Verfasst von:

2 Kommentare

  1. 27. Januar 2015
    Antworten

    „Ich hab schon immer den Eindruck, dass Björk prinzipiell machen kann, was sie will und dann abgefeiert wird.“ Hm, ich habe den Eindruck, dass das für alle Künstler_innen gilt die es schaffen, über Jahre hinweg noch halbwegs relevant zu bleiben. 1x abgefeiert = immer abgefeiert. Vielleicht fällt es bei Björk einfach nur mehr auf, weil ihre Musik immer einen Tick spezieller ist.

    „Biophilia“ zum Beispiel war das erste Album bei dem ich mich gefragt habe, ob Björk nur noch ihren Ruf bedienen möchte irgendwie anders zu sein, ging nicht so an mich. Das neue Album hingegen gefällt mir recht gut.

    • Michael Schock
      27. Januar 2015
      Antworten

      Da hast du Recht, die Liste jener, die sich auf altem Ruhm ausruhen, ist lang. Björk würde ich aber eben nicht dazu zählen, gerade weil sie sich immer etwas Neues einfallen lässt. Und selbst wenn es sich mal musikalisch wiederholt, dann ist das Drumherum wieder frisch. Schulprogramm, Apps, spezielle Instrumente – selbst wenn man „Biophilia“ nicht mochte, das Konzept ist genial. In das Raster „Zwanghaft anders sein“ sortiere ich da eher die Gaga ein …

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