Der Ironiewolf

(Foto: Doro Tuch)
Mehr als Wir-lachen-über-ernste-Dinge-Ironie: She She Pop. (Foto: Doro Tuch)

Wiesbaden, schöne, reiche Champagnerstadt, im Nest zwischen Rheinpromenade und Opelbad, zwischen Spielbank und Weinberg. Ich war immer gerne in Wiesbaden. Allerdings bin ich auch gerne in Berlin, ganz im Gegensatz zu Jens Frederiksen, Theaterkritiker beim Wiesbadener Kurier. Der ist nicht gerne in Berlin, und schuld sind die Berliner Theaterkritiker, die ihm den Haupstadtbesuch verleiden. Das ist natürlich ein Schuh, den ich mir nicht anziehen müsste, ich bin ja ein Hamburger Theaterkritiker, aber ich habe den leichten Verdacht, dass aus Wiesbadener Perspektive Hamburg und Berlin ohnehin dasselbe sind, außerdem schreibe ich mehrheitlich für Berliner Medien, also gehe ich wohl durchaus als Berliner Kritiker durch. Und die Berliner Kritiker schreiben regelmäßig, dass das von Claus Peymann geleitete Berliner Ensemble schlecht sei. Frederiksen schreibt:

Wahrscheinlich liefert er (Peymann) einfach dem Entdeckerdrang der Theaterrezensenten nicht genügend Ansporn. Wahrscheinlich ist Peymanns ureigene, bei aller Süffisanz und Gelassenheit doch dem guten alten Erzähltheater verpflichtete Regiehandschrift zu wenig grell und experimentell.

„Zu wenig grell und experimentell“, damit meint Frederiksen ja nicht, dass im Berliner Ensemble nicht geblutet, geschrien oder nackt gespielt würde (tatsächlich wird das dort, soweit ich es beurteilen kann, sogar häufiger als an anderen Bühnen), er meint, dass dort noch ernsthaft am Text gearbeitet würde („dem guten alten Erzähltheater verpflichtete Regiehandschrift“), während die Kritiker nur noch goutierten, was hundertmal durch den Ironiewolf gedreht worden sei. Und da reagiere ich wirklich angefressen: wenn behauptet wird, Ironie und ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema würden einander ausschließen, wenn behauptet wird, an allen Berliner Theatern (Volksbühne! Gorki! Schaubühne! Deutsches Theater! HAU!) gehe es nur noch um abgefucktes, lustiges Über-den-Dingen-Stehen, während einzig das Berliner Ensemble besagte Dinge ernst nehmen würde. Dieses ganze, abgeschmackte „Irony is over“-Ding, dieses In-Stellung-Bringen, hier die Ironie, dort der Ernst des Lebens (und von links aus gesehen: hier die reaktionäre Belustigung, dort die Revolution, das schmerzt mich als Linken natürlich besonders). Nein, lieber Herr Frederiksen, ich ziehe mir diesen Schuh durchaus an.

Gestern auf Kampnagel gesehen: das Stück „Frühlingsopfer“ der wunderbaren, hochironischen Theatergruppe She She Pop. Eine eineinhalbstündige Auseinandersetzung von vier Performerinnen mit ihren Müttern, eine eineinhalbstündige Durchdringung von eigener und Verwandtschaftsbiografie, ein eineinhalbstündiger Diskurs über Feminismus, Opfer, Opferbereitschaft, Familie als Zwangssystem. Ein ernstes Spiel mit Strawinskys „Sacre du Printemps“ und Pina Bauschs „Frühlingsopfer“. Theater, das ans Eingemachte geht. Theater, das den Zuschauer zum Weiterdenken anregt, zur Frage: In welchen Strukturen bin ich eigentlich gefangen? Theater, das sich unglaublich vielschichtig in einen Bezugsrahmen stellt, Musik hier, Tanz da. Und eben auch Theater, das die eigene Position immer wieder hinterfragt. „Einige von uns haben sich eine Ersatzfamilie konstruiert“, beschreibt Sebastian Bark, einziger Mann im She She Pop-Frauenkollektiv, die Gegenposition zur Verwandtschaftsfamilie, „wir haben uns entschieden, keine Mütter und Töchter zu sein, sondern ausschließlich Brüder und Schwestern.“ Pause. „Eigentlich sind wir nur Schwestern. Und ich.“

Natürlich ist das ein Lacher. Aber es ist auch ein Hinterfragen der Genderstruktur im Ersatzfamilienkonstrukt, das ist doch, mal ehrlich, mehr als Wir-lachen-über-ernste-Dinge-Ironie. Und es ist soviel mehr als das, was ein Claus Peymann mit einer „mustergültigen“ Brecht-Inszenierung hinbekommt. (Und überhaupt, Kollege Frederiksen, wenn wir schon dabei sind: Eine vernünftige Definition des Begriffs „mustergültig“ würde ich auch noch gerne lesen, die fehlt mir nämlich.) Es ist schamlos. Es ist schmerzhaft. Es ist, meinetwegen, ironisch, grell, experimentell. Es scheißt sich nichts, würde die Österreicherin sagen. Es ist der Grund, weswegen ich ins Theater gehe.

Es ist der Grund, weswegen ich immer wieder nach Berlin fahre.

„Frühlingsopfer“ läuft noch am 17. 1. 2015 auf Kampnagel/Hamburg und vom 19. bis 22. 3. im HAU 1/Berlin.

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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