Flâniermusik-Spezial: So klang meine Stadt 2014

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Mittlerweile haben wir eine Zeit erreicht, in der wir uns fast ständig mit Musik umgeben können. Wir alle sammeln jedes Jahr Dutzende schöner Momente, an denen wir die Platte gerne springen lassen würden und sie doch ziehen lassen müssen. Wieso nicht einmal zurück besinnen und – ganz im Sinne des Flânierens – heraushören, welche musikalischen Momente zu welchem Bezirk passen? Wir haben in einer Spotify-Playliste eine kleine Auswahl an Songs zusammengestellt, die uns in unserer Stadt 2014 besonders bewegte. Eine „Best Of 2014“ mal mit anderen Augen und Ohren. Vielleicht geht es euch ja ähnlich. Welche Lieder des vergangenen Jahres verbindet ihr mit euren liebsten Stadtteilen oder besonderen Orten?

 

Michael // Hamburg

Eilbek // We Were Promised Jetpacks – I Keep It Composed

Als ich mal wieder im Überschwang verdrängter Arbeit und mit einer in Saft und Kraft wachsenden Erkältung dachte: „Ach komm, kannst ja wenigstens eine Strecke zu deinem Kumpel in St. Georg spazieren, schadet ja nicht“, da lief das neue Album der Schotten und irgendwie fiel alles zusammen. Das Joviale, das so nur zentrumnahe Wohnbezirke haben. Das Triste in den rohen Gitarren mit einem Hang zum sich immer wiederholenden Alltag. Das Potenzial einer latenten Schläfrigkeit, die sich zu stumpfer Energie bahnbricht; es spiegelt sich alles Eilbek wie und den Jetpacks. Ich kaufte mir noch Zinktabletten und es fing auf den letzten Metern an, zu regnen. Ich fühlte mich großartig.

Winterhude // Zola Jesus – Long Way Down

Im Stadtpark war ich dieses Jahr recht häufig. Für Spaziergänge, für Treffen zum Eisessen, für Konzerte auf der Freilichtbühne. Der Blick in Richtung des Planetariums vom Teich am Südring aus ließ mich dabei nie kalt. Nur ein paar Meter weiter klickte dann auch das aktuelle Album von Elektroamazone Zola Jesus, als ich einen Padler in seinem Boot zwischen zwei Kanälen rotieren sah. Organischer klingt ihre Musik, ist poppiger als zuvor, „nicht derb genug“, unkt Christoph. Mir gingen die Tracks aber genau dort das erste Mal richtig in Mark und Bein über, folglich verbinde ich sie untrennbar mit diesem schönen Eck.

Neustadt // Sohn – Lessons

Ich habe zu großen Teilen vergessen, wie der Sommer war. Er war ganz okay, oder? Ich erinnere mich an warme Tage, an Hitzewellen, an trübe Ausblicke. Irgendwie war alles dabei. Vor allem erinnere mich aber daran, wie ich aus der U/S-Bahnstation Jungfernstieg auf der Rolltreppe gen Oberwelt fahre und mir wieder Licht in die Augen fällt – während dazu Sohn läuft. Der (zu Recht gehypte) Londoner mit Wahlheimat Wien passt irgendwie ganz hervorragend zu den herrschaftlichen Bauten und der wuseligen Mischung aus Geschäftigkeit und Romantik, welche die Neustadt an den meisten Tagen versprüht. Ich kann ihn mir gut vorstellen, wie er am Anleger steht und in seinem komischen Kapuzen-Bühnenoutfit auf die Binnenalster blickt.

Uhlenhorst // Owen Pallett – The Sky Behind The Flag

Man unkt, weil ich es plietsch und sauber mag. Zu viel Ranz bekommt mir nicht. Leider sind die hübschen Stadtviertel Hamburgs im Besitz hochgeklappter Hemdkragen und scheintoter Wachteln mit zu dickem rotem Lippenstift. Gebt sie doch den Künstlern. Ich muss mich immer an ein Interview mit Owen Pallett erinnern, in dem das kanadische Komponistengenie barsch den Journalisten wegen einer geschichtlichen Wissenslücke ankantet. Ja, so kann er sein, der Owen. Ich mag ihn dennoch sehr. Und wenn ich zwischen hübschen Altbauten komisch die Augen schließe und mich in unsichtbaren Takten wiege, dann läuft auf meinen Ohren sein kompositorischer Meistermix aus Neoklassik und Elektronik.

St. Pauli // Hundreds – Beehive

Nun war ich 2014 öfter als zuvor in St. Pauli unterwegs, also auch mal morgens oder am Tage, und fange an, mich auch in den oft für mich unüberschaubaren Ecken etwas besser auszukennen. Vieles verknüpfe ich mit den Hundreds. Ihre tollen Konzerte im März im Imperial Theater und im Dezember im Grünspan. Das bezaubernde Gespräch, das ich mit Sängerin Eva führen durfte. Das häufige Wandeln zu lieben Menschen und durch das Chaos, das an der Wohlwillstraße cornert, die Kleine Pause belagert. Was Hundreds und St. Pauli eint: der Mix aus Urbanität, Naivität und manchmal unvermuteter Tiefe. Im Zwielicht eines Sonnenuntergangs kam ich am Medienbunker vorbei und die Zeile überfiel mich: „No hunting eyes able to look into me.“ Da verknüpfte ich Hundreds und St. Pauli.

 

Enrico // Berlin

Kreuzberg // Ben Frost – Nolan

Mein letztes Jahr in Kreuzberg war eher ein halbes Jahr, aber dieses war ziemlich laut & stressig. Ähnlich wie Nolan von Ben Frost. Ein lautes, stressiges Stück Musik, welches im Kopf knallt. Ab und zu muss das sein … so wie im neuen Jahr auch ab und zu wieder ein Kreuzbergbesuch sein muss.

Charlottenburg // Julia Holter – Don’t Make Me Over

Am Ende einer längeren WG-Suche wird man ja immer etwas wehleidig und fragt sich, ob es an einem selbst liegt. Meistens wechseln sich diese Phasen mit „Ihr könnt mich alle mal – ich wollte da eh nicht wohnen!“-Phasen ab. Zu diesem Zwiespalt passt Julias „Accept me for what I am! Accept me for the things that I do!“ wunderbar.

Moabit // ODESZA – Koto

Moabit hat mich dieses Jahr überrascht und erfreut. Ein Bezirk im Einklang mit einer Mischung, die Spaß macht. Miteinander Spaß haben klang 2014 total nach Moabit.

Friedrichshain // Woman’s Hour – Two Sides Of You

Ein ruhiges Lied für einen gar nicht so ruhigen Bezirk. Wenn ich an Friedrichshain denke, fällt mir jedoch vor allem meine Überraschtheit ein, dass es selbst im vollen Südteil kleine, leise Ecken gibt. Faszinierend, wie unterschiedlich es eine Straße weiter schon aussehen kann.

Treptow // Rökkuró – Blue Skies

Den Sommer habe ich am allerliebsten in der Rummelsburger Bucht verbracht. Auch hier sieht man ständig irgendwo Bagger und wird mit der Vergänglichkeit des Berliner Antlitzes konfrontiert. Aber aktuell kann der Blick immer noch weit wandern. Und wenn ich an der Spitze der Alt-Stralauer Halbinsel die Füße unter einer Weide ins Wasser lasse, dann ist einfach alles okay. Schön.

 

Ninia // Hannover

Linden// Echosmith – Cool Kids

Linden ist immer ein bisschen rotzig und liebenswürdig. Genau wie diese Band. Sydney Sierota singt: „I wish that I could be like the cool kids, cause all the cool kids, they seem to fit in.“ Ein bisschen wie dieser Text fühle ich mich immer, wenn ich durch Linden laufe. Außerdem ist es einfach ein grandioses Lied, um in diversen Läden dieses Viertels kopflos zu tanzen.

Südstadt// Intergalactic Lovers – Islands

Ach, die Südstadt ist einfach niedlich. Ich wohne da ja und irgendwie sind alle immer ganz nice und fröhlich. Eine Insel der Ruhe, wo ich auf meinem Spießer-Balkon sitze, Spießer-Wein trinke und auf den Stadtwald blicke.

List// Marteria – Kids

Ich hasse die List. Aber ich arbeite da und deshalb bin ich natürlich oft da. List ist Südstadt in schlimm. Genauso hört sie sich für mich auch an. Arrogant und abgehoben. Einsam. Traurig. wie die fruchtbar gelangweilten Kinder aus dem Song von Materia.

Nordstadt// Lianne La Havas – Forget

In der Nordstadt war ich 2014 viel zu wenig. Dabei gibt es dort so gut Kneipen und so schöne Menschen. Für mehr Nordstadt 2015. Ich vermisse.

Mitte// Kill It Kid – Run

In Hannover-Mitte ist es immer laut, immer ungemütlich und immer voll. Schnell weg da. Daher auch dieses Lied.

 

Falk//Hamburg

Hafencity // Ja, Panik – Dance The ECB

Die schnieke Hafencity mit ihrem bemerkenswerten Leerstand, die Blase, die Erwartung, dass bald etwas passiert, von dem man annimmt, dass es alles zum Einsturz bringen wird. Die Lust, wenn man an diesen Einsturz denkt. Das Geld, das schnelle Geld. „Sing ihnen ihre Melodie, bring sie zum Tanzen!“

Altstadt // Lana del Rey – West Coast

In Hamburg-Altstadt, wo sonst nichts ist, ist doch immerhin das Thalia Theater. Und unterm Dach des Thalia Theaters ist die Bar Nachtasyl, und dort trank ich einmal einen wahnsinnig teuren, wahnsinnig alten, wahnsinnig guten Rum. Und hörte traurige Musik. Und schaute schönen Frauen hinterher.

Ohlstedt // Die Sterne – Ihr Wollt Mich Töten

Wenn man lange mit der obskuren U-Bahn nach Norden fährt, dann kommt man in die Walddörfer, Wohlstandsinseln am Rand der Stadt. Man kann den Wald durchwandern, über Wiesen und an Mooren entlang, dann auf einer Landstraße, bis deren Teerbelag abbricht und die Straße zu einer schlaglochdurchsetzten Holperpiste wird. Hier enden Stadt und Land Hamburg, man ist jetzt in Schleswig-Holstein. Im Wald warten die Räuber.

Bahrenfeld // Jens Friebe – Nackte Angst, Zieh Dich An, Wir Gehen Aus

Vor Jahren habe ich hier einmal gewohnt, wo die Straßen breit sind und die Autos schneller fahren als die erlaubten 50 Stundenkilometer. Es ist kalt hier, es ist windig, die riesigen Tannkstellen werfen ein eigenartiges, buntes Licht in die Nacht. Und die Scherben einer Bierflasche reflektieren dieses Licht, glitzernd und glamourös, was die nackte Angst wohl tragen wird?

Veddel // Haftbefehl – Saudi Arabi Money Rich

Das ist der kleine Falk, wie er das Getto besucht. Angst hat er, aber irgendwie is‘ auch geil, die Typen mit ihren fetten Schlitten am Straßenrand, die misstrauischen Blicke, die Musikfetzen aus den Cafés. Beats. Gerüche. Irgendwie geil, aber, mal ehrlich, irgendwie auch anders als erwartet, und die Angst, naja, es gibt Grund, Angst zu haben, aber dieser Grund ist eigentlich ein ganz anderer, nicht wahr?

 

Hört euch alle 20 Songs auf Spotfy an:

Bildrechte: Matthias Ripp – flickr.com (unter Verwendung der CreativeCommons-Lizenz)

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