Hier die Feinde, dort die Freunde

(Foto: charliehebdo.fr)
(Wer bin ich? Foto: charliehebdo.fr)

Also. In Paris sind Fanatiker in die Redaktionsräume der Lügenpresse eingedrungen und haben ein Blutbad angerichtet, zwölf Tote. Wobei die Täter augenscheinlich auf eigene Faust gehandelt haben. „Solch eine Tat ist ein Verbrechen und hat nichts mit Pegida zu tun“, beeilte sich ein Pegida-Sprecher direkt nach Bekanntwerden des Dramas zu sagen.

Äh, nein, so war das nicht.

„Wir verteidigen auch in unseren Moscheen immer wieder die Meinungsfreiheit und verurteilen Gewalt“, sagte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, angesichts der Tatsache, dass die vermutlichen Mörder in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo wohl Muslime waren, und, nein, der Islam hat nichts mit solch einem Gewaltexzess zu tun. Oder? Pegida derweil plant einen Trauermarsch, die 18000 „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Und die Geistesverwandten von der AfD kochen ihr parteipolitisches Süppchen, „All diejenigen, die bisher die Sorgen vieler Menschen vor einer drohenden Gefahr durch den Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft“, tönt der stellvertretende Parteisprecher Alexander Gauland. Marine LePen vom Front National fordert eine Debatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe, ihre Partei ist anscheinend die große Gewinnerin der Geschehnisse.

Lügenpresse, Lügenpresse. Irgendwie taucht schnell der Druck auf, sich mit der Redaktion von Charlie Hebdo zu solidarisieren, gerade als Medienmacher. Per Mail machen Kondolenzschreiben die Runde, Tucholsky wird inflationär bemüht, „Was darf Satire? Alles!“ Ich schaue mir an, was Charlie Hebdo eigentlich für eine Zeitschrift war, was ich finde, gefällt mir nicht besonders. Ich finde: hauptsächlich Karikaturen, nicht besonders ausgefeilte Zeichnungen, meist mit einer derben, antiklerikalen Zielrichtung – ein häufiges Feindbild scheint der Islam zu sein, aber mindestens ebenso häufig die katholische Kirche. Kann man machen, aber die Diskussion sollte doch eigentlich schon weiter sein, oder? Vielleicht wird die Diskussion ja niveauvoller geführt, an Orten, die man nicht nach oberflächlichem Googlen findet, an Orten, für die man besser Französisch sprechen muss als ich? Gleichzeitig wechseln die Leute ihre Avatare aus, „Je suis Charlie“ steht da jetzt, das ist sympathisch, weil: Da sagt man, dass der Angriff der Fanatiker auch mich hätte treffen können! Andererseits: „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“, ich bin also jemand, der unlustige Witze mit schlechten Zeichnungen macht? Bin ich nicht.

Und dann die Relativierer. Von links, also, von meiner Position aus. Charlie Hebdo ist ein Drecksblatt, Charlie Hebdo ist rassistisch und sexistisch. Niemand sagt: „Die haben es doch verdient, dass sie angegriffen wurden“, das sagt niemand, aber ich lese es zwischen den Zeilen. Lügenpresse, Lügenpresse, nur jetzt eben von der anderen Seite. Ich denke: Man muss Charlie Hebdo nicht mögen, man muss Charlie Hebdo Kontra geben. Aber das Konzept „Kontra geben“ verstehen sie nicht, die Islamisten, die AfD. Sie verstehen nur: Die Lügenpresse, die muss man verbieten (die AfD), die muss man erschießen (die Islamisten). Geht das: Den Humor von Charlie Hebdo nicht gut zu finden und trotzdem das Geschehen in jeder Hinsicht zu verurteilen? Geht das jetzt noch? Bekommen wir das hin, nicht in „Hier die Feinde, dort die Freunde“-Kategorien zu denken, jetzt?

Irgendwann dann der Hashtag #JeSuisAhmedMerabet. Ahmed Merabet war Polizist, ein gläubiger Muslim, der sich den Attentätern entgegenstellte und dabei selbst erschossen wurde. „I am not Charlie, I am Ahmed the dead cop. Charlie ridiculed my faith and culture and I died defending his right to do so“, twitterte Dyab Abou Jahjah, Autor bei De Standaart, das gefiel mir, in seiner Freundlichkeit, in seiner Zurückhaltung. Andererseits: Identifiziere ich mich jetzt mit Gläubigen? Mit Polizisten? Ich werde von links nach rechts geschubst, ich werde genötigt, mich zu positionieren, ich bin nicht mehr in der Lage, zu sagen, dass ich rassistische Witze scheiße finde und dass ich es ebenso scheiße finde, die Urheber rassistischer Witze anzugreifen. In Le Mans wird eine Moschee angezündet. Ich lege mich schlafen, unruhig.

Moi, je suis le Luegenpresse.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

2 Kommentare

  1. Birte
    10. Januar 2015
    Antworten

    Ich habe dazu folgende Gedanken:
    1. Die Karikaturen in Charlie Hebdo karikieren den Islamismus, nicht den Islam.
    2. Warum sind die Karikaturen zeichnerisch schlecht? Sie transportieren doch die Aussagen sehr prägnant, aus meiner Sicht das Ziel einer Karikatur. (Etwa „Les Intouchables2“
    3. Zur ‚linken Kritik‘: Bedient sich Satire rassistischer, sexistischer oder antisemitischer Stereotype, bedeutet dies nicht automatisch, sie sei selbst rassistisch, sexistisch oder antisemitisch. Überzeichnung ist doch ein Charakteristikum der Satire. Die muss man nicht mögen, ihre Aussagen nicht teilen, um ihre Existenzberechtigung zu verteidigen. Ich sehe da keinen Zwiespalt.
    4. Ich bin auch nicht Charlie: Weder so mutig, noch so radikal, auch keine ständige Leserin. Der Satz ist ein symbolischer, er kondensiert eine Botschaft, auch wenn die etwa aus Gaucks Mund ein bisschen komisch klingt. Wer ihn benutzt, will vermutlich sagen: Auch ich will die Pressefreiheit verteidigen. Und das kann ich schätzen, auch wenn ich den Satz selbst nicht benutzen mag.

    • 10. Januar 2015
      Antworten

      Wir sind da wahrscheinlich gar nicht so weit auseinander. Nur zu den Punkten 2 und 3: Ich glaube schon, dass Satire selbst rassistisch ist, wenn sie sich rassistischer Stereotypen bedient. Ich denke aber, es ist gerade gar nicht die Frage, ob Charlie Hebdo jetzt schlechte Qualität ist oder rassistisch oder was auch immer. Wir werden aber gedrängt, diese Fragen dennoch zu beantworten – und das macht das Thema so unübersichtlich.

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