Meine Stadt 2014 – ein Rückblick der Flâneure

2014-08-15 20.19.02

Kathrin & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Die Fahrradstrecke durch den alten Elbtunnel und den Hafen zum Dockville-Gelände, einen Tennisplatz in Hammerbrook, den Nochtspeicher.

Lieblingsort: Im Sommer das Abhängen vor der Tabakbörse, im Winter mein Zimmer.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Das großflächige Gefahrengebiet zum Jahresanfang.

Dafür liebte ich meine Stadt 2014: Für die Klobürste als Zeichen kreativen Widerstands, für den Einsatz für die Lampedusa-Flüchtlinge, für die Neueröffnung des Molotow, für den sonnigsten Sommer seit Jahren.

Dafür hasste ich meine Stadt 2014: Für das bewusste Herunterwirtschaften der Esso-Häuser bis zur Evakuation und folgendem Abriss.

Schönstes Fremdgehen 2014: Irgendwie war das Fremdgehen 2014 in anderen Städten nicht so schön wie das Fremdgehen am Land: Zu meinen Ausflugshighlights gehörten die Ostseeküste in Fehmarn, die Gletscherwanderung im Ötztal, das Schwimmen im Starnberger See oder das Tanzen beim „Her mit dem schönen Leben“ auf Rügen.

Davon braucht Hamburg 2015 mehr: Sonne, Freiräume, Offenheit.

Davon braucht Hamburg 2015 weniger: Streit, politischen Extremismus, Investorenpolitik, Events wie Harley Days, Schlagermove und Ähnliches.

Falk & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Die Veddel. Eine kleine, dicht besiedelte Insel in der Elbe, ein sogenanntes Problemviertel, in dem das Hamburger Schauspielhaus das spannende Stadtteilprojekt New Hamburg realisierte.

Lieblingsort: Platen un blomen. Das Karoviertel. Das Dockville-Gelände. Jeder Ort, von dem aus man die Elbe sehen kann.

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Gefahrengebiete und alles, was damit zusammen hing.

Dafür liebte ich meine Stadt 2014: Für die Elbe und für manche Menschen. Ich nenne euch Elbtöchter.

Dafür hasste ich meine Stadt 2014: Mit dem „Wunder von Bern“ feierte ein weiteres dieser unvorstellbar blöden Musicals Premiere.

Schönstes Fremdgehen 2014: in Edinburgh. Gott, war das eine schöne Stadt. Wäre sie nur nicht so touristisch überlaufen.

Davon braucht Hamburg 2015 mehr: Sonne. Querköpfe. Menschlichkeit. Ästhetik. Sex. Sozialismus. Kunst. Petits Fours.

Davon braucht Hamburg 2015 weniger: AfD-Wähler. Musicals. Seilbahnen. Pegida-Rassisten. Regen. Geld.

 

Es wird früher dunkel, die Lichter ploppen an. So schön ist Panama.... äh, Berlin, Friedrichstraße. (Foto: Enrico Seligmann)

Enrico & Berlin

Neu entdeckter Ort: Das ZKU. Ein altes Güterbahnhofs-Gebäude wurde umgebaut und beherbergt nun ein kleines Café, Ateliers und andere Räumlichkeiten. Das Schönste: Im Sommer im dahinter liegenden Park liegen. Der bietet für jeden etwas und sei es nur den ewig währenden Sonnenuntergang an einem Sommerabend. Aber Beeilung: Nebenan werden neue Häuser hochgezogen und mit dem Inselstatus ist es bald vorbei.

Lieblingsort: Die Kulturfabrik Moabit. Ganz unten Club, im Erdgeschoss Kneipe, darüber halb Theater/halb Kino. Besonders schön im Sommer: Dann gibt es im Garten Open-Air-Kino für umme und selbst wenn’s was kostet: Faire Preise, faire Menschen, fairbelhaft!

Schönstes Kulturereignis: Die „2. Lange Nacht der Filmfestivals“ blieb mir im Gedächtnis. In der wunderfeinen „Zukunft – Ranch am Ostkreuz“ wurden draußen und drinnen Filme gezeigt, musiziert und Speis und Trank serviert. Die Filme waren spannend – von kurz bis lang war alles dabei – und vor allem die Mischung der Leute stimmte. Ein schöner, lebendiger Sommernachtstraum im August.

Stadtpolitischer Aufreger des Jahres: Die desaströse Räumung der Gerhard-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg. Was da alles aus kommunikativer und politischer Sicht schief ging – ohje.

Wofür ich meine Stadt 2014 liebte: Für die vielen grünen Ecken – wie die Spitze der Halbinsel Alt-Stralau, der Charlottenburger Schlosspark oder die vielen Waldstücke im Osten – es ist leicht, einfach mal durchzuatmen.

Wofür ich meine Stadt 2014 hasste: Die fehlende Anbindung ans Meer. Dazu mehr beim Fremdgehen. Ist aber weniger Hass als Enttäuschung. Ansonsten das Übliche: diese rotzige, selbstgerechte Art vieler Berliner. Ihr könnt ja gerne stolz auf „eure“ Stadt sein, aber muss das ständig kommuniziert werden? Hippe Zugezogene sind da auch nicht besser.

Schönstes Fremdgehen 2014: Also am liebsten steige ich mit Hamburg in die Kiste. Dort spüre ich das Meer und vor allem eine größere Grundzufriedenheit in mir. Nun ist es mit Urlaubsorten ja immer so eine Sache – es wird geschwärmt, gelobt, gepriesen… und wenn man hinzieht, vergeht die Wirkung durch den Alltag schnell wieder. Deswegen eine Aufgabe für 2015: Ein paar Monate in Hamburg leben.

Davon braucht Berlin 2015 mehr: Gefühl. Dafür, wie wertvoll viele der noch offenen, unbebauten Flächen sind. Ja, Berlin hat viel Platz und ja, nicht jedes einsturzgefährdete Gebäude ist automatisch alternatives Kulturgut. Es gäbe allerdings weniger Beschwerden über den „Ausverkauf“ der Stadt, wenn nicht immer die selben, leblosen Glaspaläste hingebaut würden. Sozialer Wohnraum – Fehlanzeige. Neureicher Wohntraum – definitiv.

Davon braucht Berlin 2015 weniger: Gemecker. Dieses Herumgenöle, wenn eine für alle fünf Minuten getaktete U-Bahn mal zwei Minuten zu spät kommt oder das Wetter wieder schlecht ist oder einem die Wege alle zu weit sind oder oder oder… es ist wirklich leicht, sich das Leben extra schwer zu machen. Und ebenso einfach, es sich leichter zu machen.

 

Mark & Berlin

Neu entdeckter Ort: Den schönsten Ort habe ich dieses Jahr nicht in Berlin, sondern in meiner Heimatstadt Bielefeld entdeckt. Gleich drei feine Sommerabende hintereinander bin ich in die Parkhaus-Dach-Strandbar Santa Maria getingelt. Prima Ort.

Wieder am neuen Lieblingsspot über den Dächern von #Bielefeld. #liebefeld

Ein von Mark Heywinkel (@mheywinkel) gepostetes Foto am

Lieblingsort: Es ist nicht der Ort, es sind die Menschen: Da ich 2014 das große Glück hatte, viele meiner Abende in famoser Begleitung zu verbringen, war es mir am Ende egal, ob ich mich nun in einer rustikalen Hamburger Eckkneipe, im fancy Berliner Café oder dem abgetretendsten Stadtpark befand. Klingt kitschig? Ist aber wahr.

Spaziergang durch das neue Zuhause. #berlinwedding #berlin #humboldthain #skyline #sbahn Ein von Mark Heywinkel (@mheywinkel) gepostetes Foto am

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres:Das Riesenbuhei um Pegida. Vieles daran ist fragwürdig: Das unkonkrete Positionpapier. Die Pappnasen, die ausländerfeindlichen Stuss von sich geben. Aber auch die Furcht davor, dass 15.000 Demonstranten ein Zeichen dafür sind, rechtes Gedankengut sei weitflächig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. All die damit verbundenen offenen Fragen werden 2015 noch zu klären sein.

Dafür liebte ich meine Stadt 2014: In Berlin leben so viele spannende, inspirierende, streitbare, kreative, ungehorsame Menschen, das ist ganz toll.

Oh, #Berlin. <3

Ein von Mark Heywinkel (@mheywinkel) gepostetes Foto am

Dafür hasste ich meine Stadt 2014: In Berlin gibt es so viele spannende, inspirierende, diskutable, kreative, unorthodoxe Veranstaltungen, da kommt man gar nicht hinterher. Es ist eine Schande. Schönstes Fremdgehen 2014 in: Sollte ich in diesem Leben die Gelegenheit bekommen, einen Roman zu schreiben, dann würde ich ihn in Barcelona schreiben. Fantastische Stadt voller Geschichten und Ideen.

Hach, #Barcelona. Ein von Mark Heywinkel (@mheywinkel) gepostetes Foto am

Davon braucht Berlin 2015 mehr: Eine bessere Netzabdeckung in den U-Bahnen.

Davon braucht Berlin 2015 weniger: Witze über #BER. Dadurch wird’s auch nicht besser.
DSCI3948

Katharina & Berlin

Neu entdeckter Lieblingsort: Im Sommer am See. Aus dem Betongrau wird so schnell ein grünes Paradies, das sich so gar nicht nach Großstadt anfühlt.

Foto: Katharina Röben

Schönstes Kulturereignis: Theatertechnisch war die Performance-Installation „Meat“ in der Schaubühne mein Highlight. Es gab in diesem Jahr noch zahlreiche schöne Kulturmomente. Dafür liebe ich Berlin.

Stadtpolitischer Aufreger des Jahres: Der Umgang mit Flüchtlingen, Pegida und die Zukunft der Cuvry-Brache.

Wofür ich Berlin 2014 liebte: Für den Sommer, für Abende auf Hausdächern, für Flohmärkte und durchtanzte Nächte.

Foto: Katharina Röben

Wofür ich Berlin 2014 hasste: Für endlose Baustellen. Ansonsten war ich recht zufrieden.

Schönstes Fremdgehen 2014: Amsterdam und Paris waren zauberhaft. Reisetechnisch hätte 2014 mehr passieren können. Vielleicht im nächsten Jahr. Kopenhagen und Rom sind schon gebucht.

Davon braucht meine Stadt 2015 mehr: Kostenlose Open Airs. Und mehr Kultur. Das geht immer.

Davon braucht meine Stadt 2015 weniger: Intoleranz, Unfreundlichkeit und Arroganz.

 

Ninia & Hannover

Neu entdeckter Ort: Das „Lux“ als schöne und gemütliche Konzert-Location. Und ein schöner alter Friedhof, der als Eingang alte Eisentore hat.

Lieblingsort: Ist und bleibt das Stadtviertel Linden und da besonders das brutalistische Ihme-Zentrum. (Und natürlich meine Wohnung.)

Ninia Binias

Sozialpolitischer Aufreger des Jahres: Die HoGeSa-Nazi-Demo und der ganze Aufruhr drumherum. Die ewig-währende Diskussion um den Bau der neuen Straßenbahnstrecke und die zweifache Brandstiftung im Refugee-Camp.

Dafür liebte ich meine Stadt 2014: Als die Marketing-Abteilung der Stadt pünktlich zur Demo der christlichen Fundamentalisten und AFDler die Regenbogenflaggen am Demoort hat hissen lassen.

Dafür hasste ich meine Stadt 2014: Ich hasse meine Stadt nicht. Ich mag eigentlich fast alles.

Schönstes Fremdgehen 2014: Der Urlaub in British Columbia und Alberta: Vancouver, Banff, Jasper, Port Hardy, Telegraph Cove…

Davon braucht Hannover 2015 mehr: Geld für Kultur, Sonne, Sommerfeste, Sozialwohnungen, Barrierefreiheit.

Davon braucht Hannover 2015 weniger: Teure Bauprojekte, Einheitsfeiern, respektlose Arschlöcher, Nazis, HoGeSa- und Pegida-Sympanthisant_innen.

 

Michael & Hamburg

Neu entdeckter Ort: Einige feine Bars, Cafés und Restaurants habe ich in Hamburg schon neu entdeckt, sonst ist aber alles ziemlich beim Alten geblieben. Vielleicht wird es Zeit, wieder Neuland zu erkunden. Ich war ja noch nie so richtig in Harburg oder Poppenbüttel. Zeit für neue Spaziergänge.

Hamburg, Planten Un Blomen. Foto: Michael Schock
Hamburg, Planten Un Blomen. Foto: Michael Schock

Lieblingsort: Ich war dieses Jahr sehr gerne zu Hause, in meiner gemütlichen Wohnung, habe viele tolle Menschen bewirten dürfen. Wenn ich meinen Fettarsch dann doch mal vor die Tür prügelte (im nächsten Leben full on Hikikomori), befand ich mich am liebsten im Uebel & Gefährlich. Hier habe ich großartige Gigs von etwa Zola Jesus, We Were Promised Jetpacks, Low Roar oder Ásgeir gesehen. Im Savoy Filmtheater war ich auch sehr häufig, meist für Pressevorführungen mal mäßiger, dann wieder sehr guter Filme, sogar einmal für abgefilmtes Theater. Das war cool.

Schönstes Kulturereignis: Ach Leute, was soll ich hier wieder brabbeln und aufzählen … es war so viel. Die ganzen Konzerte, Festivals, Theaterstücke, Ausstellungen … Aber um ein Highlight herauszupicken: Die Versöhnung mit dem MS Dockville Festival hat mich dieses Jahr sehr gefreut und mir mit Sohn und den Hundreds gleich zwei der besten Konzerte des Jahres verpasst. Mja, und wie ich Jóhann Jóhannssons „The Miners‘ Hymns“ beim Iceland Airwaves Festival mit dem isländischen Sinfonieorchester genießen durfte, werde ich wohl auch nie vergessen.

Hundreds
Hundreds, live beim MS Dockville Festival 2014. Foto: Michael Schock

Stadtpolitischer Aufreger des Jahres: Diese dämliche Seilbahn. Diese komische Busbeschleunigung, die mit meist nur einer bis zwei Minuten Zeitersparnis nichts bringt, aber den ganzen Verkehr ewig lahmgelegt hat. Dieser Gefahrengebietblödsinn.

Wofür ich Hamburg 2014 liebte: Für so vieles. Für die Momente am Hafen, an der Alster, auf Schanze, im Stadtpark, im Planten Un Blomen oder sonstwo. Hamburg hat mir wieder sehr gut getan, ich lebe nun fünf Jahre hier und fühle mich immer noch wie ein blöde gaffender Touri, der alles mit seinem beknackten Smartphone fotografieren muss, weil es so verdammt schön ist.

Wofür ich Hamburg 2014 hasste: Gar nichts, jedenfalls würde ich das der Stadt nicht zuschieben. Ich hatte ein paar blöde Momente mit Einwohnern, aber das ist ja nun normal. Auch die Touristen, die als solche im negativen Sinne zu erkennen sind, machen es einem nicht leicht. Ja, ich würde Jungesell/innenabschiede generell verbieten. Das ist nicht lustig. Wie kann jemand auf die Idee kommen, sowas wäre lustig?! Und vom Schlagermove fange ich am besten gar nicht an …

Schönstes Fremdgehen: Budapest. Vergleichbar mit Wien, ist Budapest doch eine ordentliche Portion malerischer, bietet eine tolle Mischung aus Prunk und Charme. Die ganze Stadt ist irgendwie fein ausbalanciert, selbst die nicht schönen Stadtteile hatten etwas. Ich habe die Tage dort sehr genossen, auch wenn sie zu den heißesten des Jahres gehörten.

Budapest, Ungarn. Foto: Michael Schock
Budapest, Ungarn. Foto: Michael Schock

Davon braucht Hamburg 2015 mehr: Mehr Menschen, die die Stadt wegen ihrer Vielfalt schätzen und nicht mosern, dass sie nicht Berlin ist. Leute, dann fahrt für eure hippe Scheiße halt am Wochenende nach Berlin, so habe ich das vor zwei Jahren fast jedes zweite Wochenende gemacht. Tut nicht so, als wäre Hamburg die behinderte kleine Schwester der Hauptstadt. Hamburg wird auch 2015 tolle Dinge in petto haben, auf die ich mich freue.

Davon braucht Hamburg 2015 weniger: Überteuerten Wohnraum. Und Musicals. Davon haben wir genug, geht mir weg mit euren Musicals. Als hätte diese Stadt nur Musicals zu bieten. Ist ja nett, dass man da auch hin kann, aber eben nur -auch-, nicht hauptsächlich, liebe Tourismuspromotionabteilung. Und sonst … Hamburg braucht weniger Extreme. Weniger Schmutz in den Szenevierteln, weniger Snobbs in den hübschen Vierteln. Etwas mehr Mischung würde überall nicht schaden. Aber das gibt sich sicher mit der Zeit.

hh02
HafenCity, Hamburg. Foto: Michael Schock
Share Button
Les Flaneurs Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.