Funkemariechen und Militärmuseen

Alexandra Reszczynski
Foto: Alexandra Reszczynski

Hannover verbinden die wenigsten in meinem Freundeskreis sofort mit internationaler Kunst und Kultur. Sie liegen aber falsch. Denn: Hannover kann was. Vor wenigen Wochen besuchte ich die spannende Fotografieausstellung in der kestnergesellschaft und jetzt habe ich mir die Fotos von Martin Parr im Sprengel Museum angesehen. Gleich beim Eintritt in die Ausstellung werde ich von einer riesenhaften, bunten Wand erschlagen. Mir kommt es vor, als hätte jemand den gesamten Instagram-Account Parrs ausgedruckt und aufgehängt. Ein bunte Superwand, die bei den Besucher_innen das beliebteste Fotomotiv ist. Parr zeigt hier vermeintlich typische britische Gegenstände und Orte. Demnach müsste Großbritannien ein Ort voller Zuckerwatte, Glitzer und Fröhlichkeit sein. Schön!

Gleich daneben wartet mein Highlight der Ausstellung: Sämtliche Selbstporträts Parrs, die er in verschiendenen Fotostudios in aller Herren Länder gemacht hat. Parr in einem Weinglas, Parr als Astronaut, Parr, steif und kaum lächelnd auf einem harten Stuhl … Die Bilder zeugen von viel Selbstironie und sind gleichzeitig besonders komisch, weil es all diese Kulissen tatsächlich gibt. Wer erinnert sich nicht an kuriose Kulissen, in die man als Kind gesetzt wurde und dann bitte mal richtig fröhlich gucken sollte? Genau diese Kulissen hat Parr sich ausgesucht, um sich selbst zu fotografieren.

Ninia BiniasUngewollte Komik

„We love Britain“ lautet der Ausstellungstitel und nimmt Bezug auf das 300. Jubiläum der Personalunion. Schon seit Mai gibt es dazu verschiedene Ausstellungen in der ganzen Stadt. Die weitere Ausstellung führt mich, thematisch passend dazu, durch mein eigenes Bundesland. Parr ist durch Niedersachsen gereist und hat die Spuren seiner britischen Heimat gesucht. Gefunden hat er kuriose Szenen und Bilder von Menschen, die privat Militärmuseen führen (why?), sehr große Fans des britischen Königshauses sind oder einfach nur gespannt bei diversen Veranstaltungen zuschauen. Parr macht ungewollt komische Porträts von den Menschen in Niedersachsen und vergrößert einzelne Details so, dass sie nicht in der Masse eines Bildes untergehen. Bei manchen Bildern konnte ich gar nicht glauben, wie sehr Parr beim Drücken auf den Auslöser den richtigen Moment getroffen hat.

Außerdem sehr sehenswert: Seine letzte schwarz-weiß Serie „Bad Weather“ aus dem Jahr 1982. Parr fotografierte Häuser und Dörfer in Großbritannien, während es regnete oder stürmte. Eine schöne Fotoreihe, die mich gleich melancholisch werden ließ.

Die Ausstellung ist noch bis 22. Februar im Sprengel Museum in Hannover zu sehen. Pro-Tipp: Freitags hat das Museum freien Eintritt!

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Ninia Binias Verfasst von:

Ninia lebt in Hannover und ist Autorin, Moderatorin und Online Communication Managerin.

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