Na, wie wär’s? Ein paar Gedanken zum Internationalen Hurentag

Ohne Titel. (Foto: Falk Schreiber)
Ohne Titel. (Foto: Falk Schreiber)

Heute ist Internationaler Hurentag. Prostitution ist ein schwieriges Thema, man könnte viel darüber schreiben, dass Prostitution verknüpft ist mit ausbeuterischen Arbeitspraktiken, mit der Macht von Männern über Frauen, auch mit einer Zementierung des traditionellen Geschlechterverhältnisses. Könnte man darüber schreiben, und ich habe ja auch schon darüber geschrieben, hier nämlich.

Und man könnte darüber schreiben, dass der Internationale Hurentag auch eine Gelegenheit ist, über unser Verständnis von Sexualität nachzudenken.

Wenn nämlich unsere Sexualmoral nicht fokussiert wäre auf Ausschließlichkeit und Tabuisierung, wenn Sexualität nicht ein Machtverhältnis ausdrücken würde, jenseits des Spielerischen, Inszenierten – dann wären die oben genannten Punkte hinfällig. Dann wäre Prostitution ein Vertragsverhältnis zwischen zwei gleichberechtigten Partnern, A bietet Geld an, B bietet eine Dienstleistung dafür an, alles gut. Beziehungsweise: nicht immer gut. Kein Vertragsverhältnis ist immer gut. Aber man hätte eine Situation, in der A B achtet, und B A achtet. Wenn B sich nicht dafür rechtfertigen müsste, weder vor sich selbst noch vor anderen, welche Art von Dienstleistung B anbietet. Und A müsste sich nicht dafür rechtfertigen, weder vor sich selbst noch vor anderen, dass A diese Dienstleistung in Anspruch nimmt.

Man müsste sich verabschieden vom Prinzip sexueller Treue. Man müsste sich verabschieden von der Stigmatisierung und Tabuisierung der Sexualität. Man müsste darüber reden können. Man müsste eine Situation schaffen, in der man sich nicht schämt. Scham: Stigma. Und dann hätte man einen Beruf definiert, der mehr ist als bloßes Anschaffen.

Ich bin eine Hure. Ich biete meine Dienstleistung an, und meine Dienstleistung besteht aus Texten. Ich schaffe eine Flirtatmosphäre, es soll nicht um Geld gehen, wo es doch tatsächlich immer um Geld geht, „Ich hätte da ein Thema, das finde ich unheimlich spannend“ (ich finde es nicht immer unheimlich spannend), ich hoffe, dass mein Gegenüber auf mein Angebot eingeht, ich hoffe, dass ich nicht abgezockt werde (Stammkunden sind immer besser als neue Abnehmer). „Na, wie wär’s?“ Ich setze erprobte Strategien ein, und manchmal macht mir das auch Spaß, echten, überraschenden Spaß, aus heiterem Himmel.

Ich bin eine Hure. Ihr seid Huren. Ihr Werberinnen, ihr Künstler, ihr Handwerkerinnen, ihr Ärzte, ihr Lehrerinnen, ihr Einzelhandelskaufleute. Huren, die ein Spiel spielen, das sich Wirtschaft nennt: Ihr bietet einen emotionalen Zugang zu eurem Angebot, und dafür nehmt ihr Geld. Ein Prinzip, das man kritisieren kann, und man könnte auch daran arbeiten, es abzuschaffen, klar. Ich denke aber, dass es bedeutend einfacher wäre, die Bedingungen dieses Prinzips zu verbessern. Für alle.

Heute ist Internationaler Hurentag. Ich bin eine Hure. Ich bin solidarisch.

(Und, ja, ich weiß, dass das nicht dasselbe ist. Wir sollten mehr über Details reden.)

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Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

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