Von Schätzen und Menschen

Jeder Zahn im Gebiss eines Menschen ist wertvoller als ein Diamant.

– Miguel de Cervantes

Foto: Heike Dietz
Foto: Heike Dietz

Dem Arzt zufolge, den ich als Kind dann und wann aufsuchen musste, übe große Hitze eine erschlaffende Wirkung auf das menschliche Gehirn aus, ähnlich einer Hüpfburg, aus der man die Luft herauslasse – eine Äußerung, die mir noch heute durchaus plausibel erscheint, und deretwegen ich nun in meinem abgedunkeltem Zimmer saß, kalten Weißwein trank und vornehmlich nichts tat. Ich hatte mir aus der Bibliothek mehrere Bücher über die Geschichte Nürnbergs ausgeliehen, einfach, um mich zu vergewissern, dass ich in einer Stadt lebte, die taraxakumatiös in die Zeit gewuchert war, und es sich nicht nur um einen weiteren Ort handelte, an dem es einen Hauptbahnhof, einige Clubs und mehrere H&M’s gab.

Schon bald stieß ich auf folgende, einigermaßen aufschlussreiche historische Begebenheit, die ich hier in aller Kürze skizzieren will:

Nur wenige Nürnberger (und sonst ohnehin niemand) wissen demnach, dass sich unter den Reichskleinodien, also dem deutschen Kronschatz, den König Sigismund 1424 verborgen unter einer Ladung Fischen nach Nürnberg schaffen ließ, nicht nur Krone, Zepter und diverse Reichsäpfel befanden, sondern auch ein abgesplitterter Holzspan der Krippe zu Bethlehem, sowie ein Zahn aus dem verschollenen Unterkiefer von Johannes dem Täufer.

Das Königreich Böhmen, dem die Stadt Nürnberg loyal untergeben war, musste sich in jenen Jahren mit den Hussiten, Anhängern des kurzsichtigerweise auf einem Scheiterhaufen verbrannten Reformators Jan Hus, Plünderern, Raubrittern und Dieben herumschlagen, von denen nicht wenige aus undichten Quellen über den Transport informiert waren. Während der Schatz also, bewacht von königlichen Fußtruppen und einer stattlichen Reiterei, auf einem Karren durch die unwegsame Sumpflandschaft des spätmittelalterlichen Frankens gezogen wurde, beobachteten, versteckt im Schatten der Wälder, allerlei zwielichtige Gestalten den Konvoi, unter ihnen auch ein Herumtreiber namens Kreblach, dem aufgrund mehrerer Diebstähle die Nase und das rechte Ohr abgeschnitten worden waren, was ihm laut Überlieferung das Aussehen eines bröckligen Zwiebacks verlieh.

Besagter Kreblach folgte dem Konvoi in einiger Entfernung, es fiel ihm nicht weiter schwer, da eine Schar von Krähen über dem Fischhaufen kreiste, unter dem der Schatz versteckt lag; er tat das so lange, bis die Bewacher bei Einbruch der Dunkelheit an einem Wirtshaus haltmachten. Im Wissen darum, dass weder die Krone noch die Reichsäpfel geeignetes Diebesgut abgaben, brach Kreblach sich mit seinem Messer zwei Backenzähne aus dem Mund, wusch sie in einem nahen Bach und mischte sich im Wirtshaus unter die Bewacher. Dabei schob er einen der Zähne einem unbedarft dreinschauenden Wächter in die Tasche.

An der Theke – es herrschte reichlich Betrieb in dieser Nacht –, bestellte er ein Bier und plauderte ein wenig mit einem betrunkenen Gast, dem gegenüber er sich als hussitischer Spion ausgab und hinter vorgehaltener Hand flüsterte, dass der Hussitenführer Jan Žižka für eine kostbare Reliquie wie den Zahn von Johannes dem Täufer eine stattliche Belohnung zahlen würde, um sie seinen katholischen Feinden umso teurer wieder zurückzukaufen, weil, der Krieg sei teuer, und naja, den Rest könne er sich selbst denken. Er versprach dem Betrunkenen, der sich durchaus interessiert zeigte, die Wachen abzulenken und drückte ihm den anderen Zahn in die Hand, damit er später die Zähne austauschen könne, um Mitternacht würde man sich bei den Latrinen zur Übergabe treffen.

Nach dieser Abmachung wartete Kreblach geduldig, bis es ihm schließlich gelang, zum Anführer der Bewacher, einem Ritter mit Namen Arnulf, vorzustoßen. Selbigem erzählte er mit einiger Empörung, einer von dessen eigenen Männern habe ihm soeben den Zahn von Johannes dem Täufer verkaufen wollen, er trage ihn in seiner Tasche mit sich und er, Kreblach, wisse ja, dass dieser Schatz eigentlich dem böhmischen König gehöre. Der Anführer, in hellen Aufruhr versetzt, reagierte prompt und ließ den Verdächtigen, der nicht einmal wusste wie ihm geschah, umstellen, fand tatsächlich einen Zahn in dessen Tasche und wies seine Männer an, den vermeintlichen Dieb sofort zu verhaften.

Etwa zur selben Zeit nutzte der Betrunkene wie vereinbart die daraus entstehende Unruhe und machte Anstalten, den Austausch vorzunehmen; sein Vorhaben wurde allerdings schnell entlarvt, es entwickelte sich ein Handgemenge, bei welchem der Betrunkene gewaltsam zu Tode kam (man stieß ihm ein Schwert zwischen die Rippen), nicht jedoch, ohne im Fall den Karren umzustoßen, woraufhin sich die Fische über das feuchte Gras verteilten, und die Kisten aufsprangen, und die Reichsäpfel herum kullerten, und die Krone, und sogar der Splitter aus der Krippe Jesu, und vielleicht auch der Zahn des heiligen Johannes, es war ein einziges Durcheinander.

Und so geschah es, dass ein anderer, dem König weniger loyal gesonnener Wächter die Gelegenheit wahrnahm, sich den Zahn schnappte, als niemand so genau hinschaute und mit dem Diebesgut in die nahen Wälder floh. Kreblach, der das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, machte sich umgehend an die Verfolgung. Er stellte den Flüchtigen auf einer Waldlichtung, wo er ihm die Kehle durchtrennte und den kostbaren Zahn an sich nahm.

Es dauerte bis zum nächsten Morgen, ehe Kreblach erkannte, dass es sich bei der erbeuteten Reliquie um keinen anderen als seinen eigenen Zahn handelte, den er sich gestern mit dem Messer herausgebrochen hatte; nichtsdestotrotz versuchte er, denselben einige Tage später in einem Weiler in der Nähe von Fürth einem Schmied anzudrehen, der den Betrug jedoch schnell durchschaute und Kreblach dafür zur Strafe das andere Ohr abschnitt.

Ich grübelte eine Weile über dieser Geschichte und massierte mir die Schläfen; dann ging ich zum Kühlschrank und goss mir noch ein Glas Wein ein.

 

to be continued…

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