Ängstliche Hunde beißen

Die Thesen dieses Herrn sind sicher nicht ausschließlich schuld daran, dass Homophobie in Europa hoffähig ist. Aber auch. (Foto: Falk Schreiber)
Die Thesen dieses Herrn sind sicher nicht ausschließlich schuld daran, dass Homophobie in Europa hoffähig ist. Aber auch. (Foto: Falk Schreiber)

Was ich nie verstanden habe: Weswegen man als durchschnittliche Hete homophob denken kann. Also, weswegen einem das nicht egal ist, wer wen unter welchen Umständen liebt, weswegen man sich nicht einander vorstellen kann, „Hallo, das ist meine Freundin“, „Hallo, das ist mein Mann“, ohne dass sie angewidert die Hand zurückziehen, blökend: „Ich hab’ ja echt nichts gegen Schwule, aber dass die einem immer auf die Nase binden müssen, was sie im Schlafzimmer machen, das geht mir auf den Sack!“ Oder: „Ich hab’ ja echt nichts gegen Schwule, aber dass die Kinder adoptieren wollen, find‘ ich nicht gut. Da geht Kindeswohl doch vor Selbstverwirklichung!“ (Der Satz „Ich hab’ nichts gegen Schwule“ sollte ohnehin als größte Lüge der letzten 50 Jahre anerkannt werden, vor „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ und nach „Ich verspreche dir, dass ich nicht in deinem Mund komme“.) Weswegen ist das so?

Das kann doch nicht ausschließlich am hierzulande weit verbreiteten abrahamitischen Glauben liegen, das kann nicht nur etwas damit zu tun haben, dass Christentum, Judentum und Islam gelinde gesagt ein etwas verklemmtes Verhältnis zur Homosexualität haben. In der Bundesrepublik ist Religion kein ernstzunehmender Faktor im Alltag mehr, auch Frankreich nimmt seine laizistische Prägung mehr als ernst, trotzdem protestiert derzeit gefühlt die halbe Grande Nation gegen das Rechtsinstitut, was unter dem Schlagwort Homoehe durch die Medien geistert. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet in Fragen der sexuellen Toleranz plötzlich eine längst verschüttet geglaubte Religiosität an die Oberfläche dringen würde, zumal bei Leuten, die andere religiöse Gebote wie Nächstenliebe eher schwach verinnerlicht zu haben scheinen.

Ich fürchte, die homophoben Reflexe, die man gerade spürt, haben einen ganz anderen Hintergrund. Um Homosexualität geht es diesen Leuten gar nicht, die ist ihnen wahrscheinlich wirklich egal. Aber der Kampf für Homosexuellenrechte ist ein linkes Projekt, womöglich aktuell das einzige linke Projekt, das langfristig tatsächlich Aussicht auf Erfolg haben könnte. Aber diejenigen, die gegen Homosexuellenrechte protestieren, sehen nicht, wie desolat es mit linken Projekten allgemein aussieht, im Gegenteil. Sie glauben, in einer linken Diktatur zu leben, gegängelt von linken Richtern, erzogen von linken Lehrern, informiert von linken Medien. (Achtung: Bis zum nächsten Absatz folgen teilweise Links auf widerwärtige rechte Seiten.) Die Leute, die sich homophobe Ausfälle leisten, sind die gleichen Leute, die von „linksgrüner Systempresse“ sprechen. Die „Kuscheljustiz“ geiseln. Die glauben, in der „EUdSSR“ zu leben. Unter einer Kanzlerin Merkel, die sie noch als „IM Erika“ zu kennen glauben, als „Funktionärin für Agitation und Propaganda“. Die Angst davor haben, Opfer von „Deutschenfeindlichkeit“ zu werden. Überall Feinde. Und jetzt auch noch die Schwulen.

Es sind arme Hunde, heterosexuell, männlich, deutsch, Opfer einer Diktatur. Es sind arme Hunde, zurückgelassen und verängstigt. Aber verängstigte Hunde beißen schnell mal zu.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

2 Kommentare

  1. Electra
    1. Juni 2013
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    Aber wie bekommt man diese Angstbeißer denn mal handzahm?

    • 1. Juni 2013
      Antworten

      Mit Liebe und Würstchen. Oder man geht ihnen aus dem Weg. Einschläfern wäre mir persönlich zu hart.

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