Polysphärisches Flattern

Manchmal bedeutet paranoid zu sein nur, einen Regenmantel zu tragen, weil der Sonne auf den Bildschirmen nicht zu trauen ist.

Sam Picaro

 

Foto: Heike Dietz
Foto: Heike Dietz

Ich betrachtete letztens, als wir zusammen in der verlassenen urbanen Wildnis bei den Bahngleisen abseits des Nürnberger Stadtrands nach dem ausbleibenden Sommer suchten, einen Ameisenhaufen, der dort offensichtlich nicht hingehörte. Er war auf einem ausrangierten Gleis errichtet worden, ein steil aufragendes Gebilde aus vertrockneten Baumnadeln, Erde, Zweigen und herbei gewehtem Sand. Wir ließen uns ein Stück weiter im Gras nieder und rauchten schwarzen Tee mit Tabak, wie wir es in letzter Zeit häufiger taten, eine Empfehlung des Beatpoeten Sam Picaro, der 1958 in Mannford, Oklahoma, von einem Milchlaster überfahren worden war.

Wir unterhielten uns über Sphären, während wir rauchten und das rege Treiben auf dem Ameisenhügel betrachteten. Darüber, dass die diffuse Epoche, in der wir* uns befinden, einen vermeintlichen Endzustand simuliert, der vorgeblich nur noch sich selbst zu plagiieren imstande ist. Darüber, dass die darin vorherrschende Gleichzeitigkeit aller Sphären uns als erstrebenswerter, sich selbst genügender Zustand verkauft wird. Weil doch alles offen ist, und bunt, und die Lügen zwar entlarvt werden können, aber die möglichen Antworten darauf nur eine weitere Sphäre unter vielen bilden und deshalb nicht weiter ins Gewicht fallen.

Die Überforderungen dieser polysphärischen Existenz zwingen jeden von uns notwendigerweise dazu, eine jeweils ganz eigene Sphäre zu schaffen, in der die Dinge ihren Platz haben und vorerst Klarheit hergestellt wird – eine Sphäre, in der wir unsere individuelle Identität schärfen und unser Handeln rechtfertigen, eine Sphäre, die wie eine Verschwörungstheorie konstruiert ist, und in der alles wenigstens den Anschein von Sinn und Plausibilität ergibt

Aber die Gleichzeitigkeit aller Sphären um uns herum verursacht ein permanentes Bildflimmern in der Realität. Und da sind diese Zeichen, die plötzlich an den Rändern aufflackern, wieder verschwinden und uns innehalten lassen, uns für Momente daran erinnern, dass die Verschwörung, die wir konstruiert haben, inkonstistent ist, und das Chaos nicht zu ordnen weiß. Wir sehen ein blutverschmiertes Taschentuch, das von einem Windstoß über den Asphalt getragen wird und wie ein Steppenläufer an uns vorüberzieht, und sind einen langen Gedankengang über bloß gestellt, ehe die eingeübten Schutzmechanismen der Alltäglichkeit wieder greifen.

Unsere eigene, selbst erschaffene Sphäre ist vom permanenten Einsturz bedroht, eine Kathedrale, die auf dem Schnittpunkt unendlich vieler tektonischer Platten erbaut ist. Das macht uns alle unweigerlich zu Paranoikern. Zumeist travestiert sich diese Paranoia in Ironie, um die Angst mit einer eleganten postmodernen Referenz oder einem zynischen Lächeln abzutun; immer arbeitet sie auf das Ziel hin, irgendwie durchzukommen, weil mehr nicht erwartet werden kann, und wir nebenbei ja all die Glückshäppchen einfangen müssen, die am Wegesrand für uns verstreut liegen. Also rasseln wir, während wir durch die Alltagsstraßen hasten, wie Bettler mit unseren Glückshäppchendosen, und je mehr die Diffusität voranschreitet, je mehr die Zukunftslosigkeit an Raum gewinnt und das sich selbst demontierende System uns zur eigenen Aufrechterhaltung verschleißt, desto lauter und verzweifelter rasseln wir.

Er reichte mir die Schwarzteezigarette herüber. Sie schmeckte nach vertrockneten Bucheckern, und der Rauch nahm in der aufziehenden Abenddämmerung einen schwefelgelben Farbton an.

Während wir weiterhin den Ameisenhügel betrachteten, fragten wir uns, ob das emsige Gewusel darauf noch Teil einer als gewöhnlich zu betrachtenden Normalität war, oder ob die Kommandostrukturen doch längst zusammengebrochen waren, und sich die Hysterie bereits Bann gebrochen hatte, ohne dass wir es merkten.

Wir standen irgendwann auf und machten uns auf den verworrenen Rückweg zur nächsten U-Bahn-Station. Immerhin, merkte ich bezüglich des Ameisenhügels auf den Gleisen an, immerhin ist die Bahnstrecke stillgelegt. Ich bekam keine Antwort darauf, lediglich ein paar Grillen hatten angefangen, ihre eingängigen Songs im dichten Gestrüpp zu zirpen.

 

* Wir, das meint hier womöglich all die irrlichternden Individuen, die durch besagte diffuse Epoche stolpern und sich diesem fortwährenden Stolpervorgang mal mehr, mal weniger oder auch überhaupt nicht bewusst sind.

 

To be continued…

 

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