Nur eine unter vielen.

nureine
Beim Arzt traf ich die Nachbarin. Beim Einkaufen die Mutter des Ex und im Schwimmbad, da kannte mich jeder Dritte. Ich war schließlich das „Kaufmann-Diandl“. Meine Mutter war Lehrerin in der örtlichen Grundschule, mein Vater führender Politiker in unserer – sagen wir es höflich – kleinen Gemeinde.

Das hatte Vorteile. Beim Ausgehen hielt ich manchmal drei spendierte Getränke auf einmal in der Hand. Aber auch einige Nachteile. Ich wurde öfter mal unfreiwillig zum politischen Sprachrohr umfunktioniert („Sag deinem Vater, wir brauchen einen Eislaufplatz“). Erntete Eifersucht („Du darfst dir doch alles erlauben“). Nee eben GENAU nicht. Und zu guter Letzt taugte ich natürlich wunderbar als Klatschvorlage. Die fünf Monate, die ich in Spanien verbrachte, studierte ich nicht etwa, nein. Ich ließ mich schwängern und kam mit spanischem Ehemann zurück, erzählte man im Ort. Warum sonst sollte ein junges Mädchen so lange ins Ausland gehen?

An der Stadt faszinierte mich daher vor allem die Anonymität. Das Gefühl, nur eine unter vielen zu sein, das andere abschreckt und Angst vor Einsamkeit weckt, begrüßte ich mit offenen Armen. Freute mich auf ein Kennenlernen, das ohne Vorwissen, Einordnung und Vorurteile ablaufen würde. Herkunft egal, der Moment würde zählen. Die Chance, die eigene Geschichte zurückzulassen.

Keine zickige Nachbarin, die sich bei der Großmutter beschwert, wenn man nicht laut genug grüßt und besser weiß als man selbst, wann man nach Hause kam. Feiern gehen, ohne dass die Freunde der Eltern einen Tisch weiter sitzen. Untertauchen auf der Tanzfläche des Clubs, mit Fremden durch die Nacht ziehen, die man nie wiedersieht. Ich denke, viele suchen in der Großstadt dieses leere Blatt Papier, das mit Abenteuern beschrieben werden möchte, die Zuhause nicht möglich waren. Die uns nur diese Anonymität erlaubt.

Selstam nur, dass wir, sobald wir da sind, nicht eine Sekunde zögern und loslegen, die Anonymität zurückzudrängen. Wir suchen uns Stammkneipen und Stammplätze. Einen möglichst großen Freundeskreis, um nie in die Verlegenheit zu kommen, etwas alleine machen zu müssen. Lernen die Nachbarn kennen und den Verkäufer im Kiosk. Laden die Kollegen nach Hause ein. Checken uns bei Foursquare ein und bauen Netzwerke, so dass an bestimmten Orten beinahe wieder dieser Effekt eintritt, den man von daheim kennt. Nur heißt es diesmal nicht „Du bist doch das Kaufmann-Diandl„ sondern „Du bist doch kommanderkat?“.

Der Unterschied zu damals ist: Wie mich mein Umfeld in der Stadt, im Netz sieht, was es von mir zu sehen bekommt, das wähle ich in großen Teilen selbst. Und wann es mich zu sehen bekommt. Ich bin Menschen, die kilometerweit weg sind, nahe, weil ich es möchte und weil es moderne Kommunikationsmittel erlauben, und muss mich mit anderen, die ums Eck wohnen, nicht befassen, wenn ich es nicht möchte. Ich habe die Wahl. Und ich möchte sie nicht missen.

Dafür muss ich aber auch die hässlichen Seiten der Anonymität ertragen. Mich Schicksalen gegenüber abstumpfen, die sich vor meiner Nase abspielen. Trotzdem noch empathisch genug durch die Stadt gehen, um nicht wegzusehen, zu übersehen, wenn eine der anderen vielen meine Hilfe braucht. Die Angst klein halten, auch in einer großen Masse im Ernstfall allein zu sein. Nicht aufhören darauf zu hoffen, dass immer wieder einer der vielen diese Mauer aus Anonymität durchbricht und sich einmischt, in mein Leben. Das Gefühl ertragen, dass da manchmal niemand ist, der merkt, wenn man nicht heimkommt.

Aber das entscheidendste, was mich die Anonymität der Großstadt gelehrt hat: Man nimmt seine Geschichte, egal wohin man geht und egal, ob sie jemand kennt oder nicht.

Kathrin Kaufmann Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Johanna Emge
    28. Mai 2013
    Antworten

    Außer unseren Vermietern kenne ich niemanden persönlich, der bei uns im Haus wohnt. Neulich sind Kinder durchs Treppenhaus gestolpert und ich habe mich völlig irritiert gefragt, ob sie denn bei uns im Haus wohnen. Manchmal finde ich das schon schade, aber zurück „aufs Land“ möchte ich auch nicht. Über den Bäcker um die Ecke, der mir morgens schon die fertig gepackte Brötchentüte reicht, freue ich mich trotzdem sehr.

  2. penn_y_lane
    28. Mai 2013
    Antworten

    in der Stadt aufgewachsen, sind es genau diese Freiheiten, die mich immer wieder faszinieren. Ich entscheide, wen ich kennenlernen möchte und wem ich was von mir preisgebe. Ein Leben auf dem Land kann ich mir für mich nicht vorstellen.
    Die sogenannte Anonymität in der Großstadt gibt es nicht, wer offen und interessiert ist lernt Menschen kennen. Einige bleiben andere verschwinden, aber ganz vergessen tut man nur wenige. Ich möchte wissen, wer meine Nachbarn sind, mit wem ich Wand an Wand lebe, grüßen und ein Schwätzchen halten ist schön und kein Zwang, solange sich alle respektieren und nicht kommentieren wer wann was tut. Solbald aber Hilfe gebraucht wird, ist man für einander da, ohne Fragen zu stellen oder zu Werten. Ich empfinde das nicht als anonym, sondern es ist das Leben und leben lassen was für mich das Stadtleben ausmacht.

    Der Gemüseladen den man mit der schlechtesten Laune betritt und immer lachend verlässt. Der Zigarrenhändler oder Apotheker, die kurz winken, wenn ich am Laden vorbeilaufe. Der Lebensmittelhändler der mich jedesmal erneut fragt ob ich eine Tüte haben möchte oder den Bon benötige, obwohl ich beides noch nie mitgenommen habe. Dazu gehören auch die Menschen, die man regelmässig sieht und mit denen man nichts zu haben möchte, sie sind einfach da – nichts weiter.
    Immer bleibt die Freiheit, selbst über die Intensität meiner Kontakte zu entscheiden.
    Und immer wieder gibt es diese schönen Zufälle, dass einem Menschen über den Weg laufen, die man noch aus dem Kindergarten kennt oder man lernt Menschen kennen, die Kontakt zu alten Freunden und Bekannten haben. Das gibt mir dann das Gefühl unter vielen fremden Menschen zu Hause zu sein.

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