… und schon bin ich ein Pflegefall

Das "Luxusoratorium" "Hamletanstalt" von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel in Hamburg. (Foto: Sinje Hasheider)
Das „Luxusoratorium“ „Hamletanstalt“ von Nina Ender und Stefan Kolosko auf Kampnagel in Hamburg. (Foto: Sinje Hasheider)

Wir haben kapiert, dass ein falscher Blick, ein falscher Spruch, eine falsche Berührung Demütigungen sein können. Wir haben kapiert, dass die Herkunft unseres Gegenübers vollkommen untauglich ist für eine Einschätzung, was unser Gegenüber für ein Mensch ist. Wir haben ein Problembewusstsein entwickelt für Sexismen, für Rassismen, wir grenzen nicht aus, beziehungsweise, wir bemühen uns wenigstens, nicht auszugrenzen, zumindest von der Warte der privilegierten, weißen Mitteleuropäer aus, unser Umgang mit Differenz ist den Umständen entsprechend vorbildlich. Fast.

Was nicht vorbildlich ist, ist unser Umgang mit Alter.

Dass das Prinzip Alter von rechts abgelehnt wird, haben wir verstanden. CDU-Rechte wie Philipp Mißfelder forderten schon vor zehn Jahren massive Einschränkungen der Gesundheitsleistungen für Ältere und entsolidarisierten damit heftigst. Auch der Aufstieg von Karl-Theodor zu Guttenberg zum Hoffnungsträger der parlamentarischen Rechten war untrennbar mit dem Alter des Politikers verknüpft. Um zu kapieren, dass man es bei zu Guttenberg mit einem eitlen Windbeutel zu tun hatte, benötigte man keinen Doktortitel in Psychologie (Entschuldigung, die Spitze musste sein), trotzdem hielten Parteifreunde wie Medien an dem zum Höhepunkt seiner Politkarriere 39-Jährigen fest: Guttenberg wirke jugendlich, und das sei Qualifikation genug für höchste Staatsämter. Andersrum funktioniert es natürlich auch: Wer über das öffentlich-rechtliche Fernsehen herziehen möchte, der macht das in der Regel nicht mit Kritik an der Qualität des Programms (wo es wahrlich einiges zu kritisieren gäbe!), sondern mit einer Spitze gegen das Durchschnittsalter der Zuschauer. Das ZDF, das ist doch dieser Kukident-Sender, oder?

Aber nicht nur rechts wird gemobbt, auch links, naja, dort wo wir stehen jedenfalls, das muss man nicht explizit links nennen, schon klar. Im Nachtleben hat man keine Chance, wenn man alt ist, die Schwulenszene hat ein ganz verkorkstes Verhältnis zum Alter, Kunst und Kultur setzen mit genau der gleichen Nonchalance auf jugendlich wirkende Protagonisten wie es rechte Politiker mit ihrer Begeisterung für zu Guttenberg machten. Helene Hegemann, anyone? Alter, das hat etwas mit Tod zu tun, mit Zerfall, außerdem weiß man doch, dass Alte durch die Bank CDU wählen. Das ist nicht schön, das schieben wir ganz weit weg von uns, so sieht’s aus. Sieht es so aus, wirklich? Sind wir so vorhersehbar, dass wir mit einem Schlag rechts erprobte Ausgrenzungsmechanismen übernehmen, nur weil uns ein Image nicht passt? (Zum Thema Wahlverhalten ab einem bestimmten Alter: Man stelle sich vor, wir würden argumentieren, dass wir mit Türken nichts zu tun haben wollen, weil, Türken, die wählen ja ausnahmslos Recep Tayyip Erdogan, und den finden wir aus diesem und jenem Grund nicht gut – absurd, oder?)

Wobei die Ablehnung gegen das Alter auch irgendwo verständlich ist. Wenn man sieht: Wie die Alten die Schaltstellen der Macht besetzen, wenn man merkt, dass man irgendwie nicht weiterkommt, weil da immer schon jemand sitzt und nicht abtreten will. Anita Blasberg hat in der Zeit beschrieben, wie frustrierend das sein kann, dieses ständige Stoßen an die gläserne Decke, ohne Perspektive, angesichts von Arnold Schwarzenegger (65), Campino (50), Peer Steinbrück (65), die jeweils in ihrem Metier (Actionkino, Punkrock, Sozialdemokratie) die Zukunft zu repräsentieren scheinen. Wobei man natürlich zugeben muss, dass Blasberg aus allen Schubladen die gruseligsten Beispiele rausgekramt hat – im Grunde ist Steinbrück doch eher der Totengräber der Sozialdemokratie als ihre Zukunft, so wie Campino ja auch der Totengräber eines Punkverständnisses ist, das irgendwas mit Kreativität zu tun hat. Das Problem bleibt aber: Noch ist man selbst nicht alt, aber irgendwann wird man das sein, und dann hat man nicht einmal die Chance gehabt, etwas zu reißen, weil das ja die Alten verhindert haben.

Ich verstehe mich selbst nicht. Mir gefällt der Umgang mit Alter in meinem Umfeld nicht, aber ich verstehe Blasberg ebenso. Und zudem ändere ich auch nichts. Als das Hamburger Kulturzentrum Kampnagel ein Themenwochenende namens „Old School – Von Alten lernen“ ansetzt, Performances, Installationen, ein Symposium zu Alter und Theater, bearbeite ich das Thema journalistisch, aber eben für ein Fachmedium, für Theater heute. Da schreibe ich dann über die Theaterpremieren, „Hamletanstalt“ von Nina Ender und Stefan Kolosko etwa, ein berührendes, ein bedrückendes Stück in Nachfolge Christoph Schlingensiefs, da kann ich den Theatergänger raushängen lassen und muss mich nicht auseinandersetzen mit Themen, die mir nicht passen. Ich kann zum Beispiel den Vortrag von Anja Paehlke zum Thema „Altersbilder“ weitgehend ignorieren, einen Vortrag, der sagt, dass wir fürs Alter praktisch nur drei Images zur Verfügung haben, den gebrechlichen Greis, den Silver Ager und den „weisen Alten“, drei Bilder, die, wenn man das mal vergleicht mit den gesellschaftlich akzeptierten Bildern zum Themenkomplex „Jugend“, doch ein wenig billig sind: Weswegen schreien wir eigentlich nicht auf, dass wir hier augenscheinlich abgespeist werden mit massiven Verkürzungen? Ich ignoriere die Lesung von Angelika Zegelin zum Thema „Patientenverfügung“, weil ich mir sonst Gedanken über die Frage machen müsste, weswegen ich selbst eigentlich noch keine Patientenverfügung verfasst habe, ich meine, ich könnte heute abend auf die Straße treten, ein Auto fährt mich um, ich falle ungeschickt, und schon bin ich ein Pflegefall und nicht mehr in der Lage, meinen Willen zu äußern! (Ich ignoriere diesen Gedanken, weil ich glaube: Wer an Patientenverfügungen denkt, der ist alt, und alt, Falk, das bist du noch nicht!) Ich ignoriere die Podiumsdikussion zum Thema „Wohnmodelle im Alter“. Ich höre interessiert beim Vortrag „Schöne Köpfe braucht das Land – neue Frisuren für Menschen mit Demenz“ von Christel Bienstein zu, und hinterher vergesse ich alles wieder, obwohl die Frage ja nicht von der Hand zu weisen ist: Weswegen sehen alte Menschen häufig so unmöglich aus? Und was lässt sich dagegen machen?

Interessiert mich nicht. Ich bin Theaterkritiker, und Theater sollte mit dem echten Leben möglichst nichts zu tun haben.

Dieses Nichtinteresse ist das Hauptproblem. Dass wir alles, was mit Alter zu tun hat, von uns schieben, schafft erst die Gelegenheit für Rechte wie Philipp Mißfelder, die Entsolidarisierung voranzutreiben, und gleichzeitig sorgt es dafür, dass Anita Blasberg sich ausgeschlossen fühlt von den Netzwerken der Alten: Wir sind hier, die sind dort, und miteinander haben wir nichts zu tun. Ich nehme mir vor: bei mir selbst anzufangen. Den alles andere als doofen Spruch von den Grenzen, die nicht zwischen den Völkern verlaufen, zu erweitern: Die Grenze verläuft nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen oben und unten.

Falk Schreiber Verfasst von:

Falk arbeitet als Redakteur und Theaterkritiker in Hamburg.

2 Kommentare

  1. 28. Mai 2013
    Antworten

    Ich habe diesen Beitrag jetzt 3x gelesen und verstehe den immer noch nicht…
    Wo ist die Definition von Alter? Wer ist alt?
    Sind es die von Kattascha beschworenen Alten so ab 50, die die Schaltzentralen der Macht besetzen? Und den Jungen die Arbeitsplätze wegnehmen? Weil sie zur Rente noch dazu verdienen müssen?
    Oder sind es die Alten, die sich z.B. den Blumen einer anachronistischen Blumenschau erfreuen können, ohne die politische Aufklärung über „Urban Gardening“ zu benötigen?

    • 28. Mai 2013
      Antworten

      „Was ist die Definition von Alter“: Die OSZE sagt ab 65, aber hilft das weiter? Alter ist ja von Individuum zu Individuum verschieden. Was die Diskussion extrem kompliziert macht, schon klar.
      Der Punkt, dass die Alten den Arbeitsmarkt nicht freigeben, weil die Rente nicht reicht, ist wichtig, Danke dafür. Das „Erfreuen an den Blumen einer anachronistischen Gartenschau“ bezieht sich wohl auf den Artikel „Geranien! Geranien! Geranien!“, und das trifft meiner meiner Meinung nach nicht zu. Ich zumindest habe die Hamburger Gartenschau so wahrgenommen, dass dieses Erfreuen dort nicht wirklich stattfindet, weil die Veranstaltung eindeutig als lieblose Geldschneiderei erkennbar ist.

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